Tauchsieder

Heimatlos im Heimathafen

Das Smartphone verändert nicht nur die Reise-Welt, sondern zerstört sie auch. Ein Nachruf auf den "Zauber des Aufbruchs".

Die Reiselust ist da; aber kann man seinem mobilen Zuhause überhaupt noch entkommen? Quelle: Fotolia

Warum mein Herz an Reisetagen noch immer höher schlägt als üblich - es ist mir ein Rätsel. Ich war in meinem Leben sehr oft und sehr viel unterwegs, in allen Kontinenten, privat und beruflich, im Zelt, im Hostel und im Luxusresort, mit Jutetaschen, Rucksäcken, Hartschalenkoffern, per Anhalter, mit Fahrrad und Chauffeur. Ich bin mal neun Monate durch die Nationalparks von Neuseeland und Australien gewandert, mal ein Jahr lang kreuz und quer durch Südostasien und China gestreift, als es in Hanoi noch keine Mopeds gab, in Myanmar 45-Kyat-Scheine und auf Sulawesi nur faden, farbigen Reis.

Ich weiß was von der Regenzeit im Südsudan zu erzählen und vom Tauchen in Belize, von Geysiren in Yellowstone und vom Menüplan der Transsibirischen, ich habe am Fuß des Mount Everest Darjeeling getrunken und in Haridwar Kumbh Mela gefeiert, habe in La Paz der Höhe wegen schlecht geschlafen und auf den Bahamas eine Woche mein Gehirn an der Rezeption eines All-Inclusive-Tempels abgegeben - aus rein beruflichen Gründen, versteht sich. 

Zehn Wege, um die Handy-Sucht zu besiegen
Alternative zum Smartphone findenAuf dem Handy gibt es viel zu tun: WhatsApp, Facebook, Twitter, E-Mails oder News-Portale checken. Suchen Sie sich eine Alternative, die einen ähnlichen Charakter wie das Smartphone mitbringt. Greifen Sie etwa stattdessen zu Hause oder in der Bahn mal zu einem Buch. Das Lesen löst den ständigen Blick aufs Smartphone ab und senkt mit der Zeit das Bedürfnis, immer wieder draufzuschauen. Quelle: dpa
Eine Armbanduhr tragenViele verzichten mittlerweile auf Armbanduhren und schauen auf ihr Handy, um die Uhrzeit zu erfahren. Wenn Sie sich vom Smartphone unabhängiger machen wollen, dann ist das der falsche Weg. Tragen Sie eine Armbanduhr und nutzen Sie sie nicht nur als Modeaccessoire, sondern dafür, wofür sie gemacht ist. Quelle: dpa
Online-Profile ausdünnenMan muss nicht auf jeder Hochzeit tanzen: Weniger soziale Netzwerke bedeuten weniger Statusmeldungen. Wer sich mehr Zeit für die Welt jenseits des Smartphone-Displays wünscht, sollte seine Apps kritisch prüfen - und sich von ein paar Online-Profilen lösen. Quelle: dpa
Nicht mit dem Smartphone bezahlenMit dem Smartphone zu bezahlen ist im Supermarkt, in Hotels oder Restaurants auf dem Vormarsch. Dieser Trend bedeutet allerdings noch mehr Griffe zum Handy. Stattdessen sollten Sie die dazugehörigen Apps löschen und lieber auf das gute, alte Portemonnaie setzen. Quelle: AP/dpa
Schlichte Höflichkeitsformen beachtenWer beim Essen oder im Gespräch mit anderen zum Smartphone greift, ist schlichtweg unhöflich. Vermeiden Sie das und konzentrieren Sie sich lieber auf Ihr Umfeld und Ihre Gesprächspartner. Sie werden es Ihnen danken. Quelle: Fotolia
Feste Handy-Pausen nehmenWer beruflich ständig über dem Smartphone hängt, sollte sich über den Tag verteilt immer wieder feste Handy-Pausen verordnen. Die Zeit lässt sich für einen kurzen Spaziergang oder zum Kaffeeholen nutzen. Quelle: dpa
Klingelton oder Vibration ausschaltenAus den Ohren, aus dem Sinn: Wer seinen Klingelton oder die Vibration abschaltet, ist gelassener und kann sich besser auf andere Dinge konzentrieren. Quelle: dpa


Aber ganz gleich, an welchem Ende der Welt ich mich auch immer gerade befand, wie kurz oder lang die vor mir liegende Strecke war, wie komfortabel (sehr selten) oder auch überhaupt nicht (allermeistens) ich unterwegs war - das so genannte "Reisefieber" war stets mein treuester Gefährte. Und ist es bis heute geblieben, Gott weiß warum, denn Reisen heute, das heißt meistens: Europa, überraschungsarm, vor allem aber jederzeit W-Lan-verbunden. 

Die Jugend von heute weiß ja gar nicht mehr was das heißt: ins einigermaßen Ungewisse aufbrechen. Weiß nicht, wie sich das anfühlt: das Definitive des Auf-und-Davon-Seins..., die Leere des unvernetzten In-der-Fremde-Gefühls..., die bange Euphorie des Auf-Sich-Zukommen-Lassens... Die ganz und gar nicht euphorische Bangigkeit in einem laotischen Nachtbus, der von der Strecke gekommen ist...

Ich hingegen kann es heute durchaus als einen Mangel empfinden, ja: als ein Ungenügen mir selbst gegenüber, mit Passbook einzuchecken, Lonely-Planet-Apps zu folgen und mir dank Tripadvisor-Empfehlungen Überraschungen bei der Ankunft zu ersparen. 


Und doch muss ich sagen: So öde das Reisen heute auch geworden ist, ein bisschen Nervosität ist geblieben, ein klein wenig Reisefieber... Ob bei der Einfahrt des Zuges in Kopenhagen, beim Beladen des Mietautos für die Fahrt über die Peloponnes oder beim Einchecken für einen Flug nach Palermo - ohne ein zehnprozentiges Plus in Sachen Pulsfrequenz geht's auch heute nicht. Wie kann das sein? Was ist das, was in mir klopft, rast und bebt?  

Erste Anmutung: Der Aufbruch ins - wenn nicht Ungewisse, so doch immer noch: leicht Veränderte. Vielleicht muss man sich an dieser Stelle einmal klar machen, dass das Unterwegs-Sein ein anthropologischer Ausnahmezustand ist, das heißt: Reisen liegt nicht in der Natur des Menschen. Unsere Urahnen zum Beispiel zog es im Steinzeitalter nicht etwa hinaus in die weite Welt, sondern hinein in die Höhle. Sie suchten nicht die Gefahr des Jagens und Sammelns und waren schon gar nicht wild auf einen Zeitvertreib voller Überraschungen und Abenteuer. 

Benimmregeln für das Smartphone
In Meetings hat das Smartphone PauseViele Handynutzer haben auch in beruflichen Konferenzen ihr Smartphone im Blick, wie eine Umfrage des IT-Verbands Bitkom zeigt. Demnach schaut gut ein Drittel (36 Prozent) der berufstätigen Smartphone-Besitzer auch während Meetings auf das Handy. Viele pflegen während des Meetings ihre private Kommunikation: Gut jeder vierte Smartphone-Besitzer (27 Prozent) gab an, in Konferenzen private E-Mails, Facebook- oder WhatsApp-Nachrichten zu lesen. 11 Prozent spielen Handyspiele wie Quizduell und 6 Prozent schauen Sportergebnisse nach. Für den Bitkom ist das ein Zeichen, dass die sozialen Normen rund um den Smartphone-Gebrauch noch nicht festgelegt sind. Bei den meisten Kollegen kommt die Handynutzung während Konferenzen nicht gut an, viele finden es einfach unhöflich. Quelle: gewitterkind-Fotolia
Eine reale Person hat immer VorrangDie Regel ist ebenso banal, wie sie im Surf-Eifer schnell in Vergessenheit gerät. In dem Moment, in dem zwei oder mehrere Menschen beisammen sitzen, gehört das Smartphone ausgeschaltet. Der Einzelne sollte realen Personen mehr Aufmerksamkeit schenken als dem Gadget in der eigenen Hand. Quelle: dpa
Klingeltöne machen LeuteDer richtige, DEZENTE Klingelton ist ebenso wichtig wie die passende Email-Adresse. Bitte max.mustermann@gmx.de statt Schnurzelpurzel78@t-online.de. Und keine nervigen Technobeats oder "Du bist mein Schnuffel"-Songs als Klingelton. Quelle: dpa
Mit dem Smartphone im RestaurantEgal ob bei einem privaten Abendessen oder einem Businesslunch, manchmal möchte man das Smartphone einfach in Reichweite haben. Stellen Sie es in diesem Fällen aber auf Vibrationsalarm um und legen Sie den Display nach unten auf den Tisch. Bei einem eingehenden Anruf gehört es sich laut Knigge den Raum zu verlassen. Allerdings sollte das Telefonat dann nicht länger als ein Toilettengang dauern, um die andere Person nicht unnötig lange warten zu lassen. Quelle: dpa/dpaweb
Das Smartphone im SchlafzimmerEigentlich spricht nichts dagegen, das Smartphone auch im Schlafzimmer liegen zu haben. Wer sich den Raum jedoch mit seinem Partner teilt, sollte das Telefon nachts auf den Flugmodus umschalten, um nicht durch das Empfangen von Nachrichten zu stören. Auch sollte die nächtliche Daddelei am Smartphone unterlassen werden. Schließlich ist die Displaybeleuchtung sehr hell und kann einen durchaus aus dem Schlaf reißen. Quelle: dpa
Das Smartphone sollte zu Hause bleiben, …… wenn man die Kirche, ein Theater, einen Konzertsaal, ein Kino oder eine Beerdigung besucht. Bei derartigen Veranstaltungen stören Klingelgeräusche, der Vibrationsalarm oder auch das grelle Licht des Displays andere, die eine Veranstaltung ungestört besuchen wollen. Quelle: dpa
Smartphones und Handys haben an Tankstellen nichts zu suchenWährend die erste Regel noch nachvollziehbar ist, scheint diese Forderung auf den ersten Blick absurd. Tatsächlich wird sie nicht mit Pietät begründet, sondern ist schlicht und ergreifend eine Frage der Sicherheit. Wenn ein Handy herunterfällt und der Akku dabei herausspringt, ist es theoretisch denkbar, dass ein entstehender Funke Benzindämpfe entzündet, begründet der TÜV Nord. Ein solcher Fall sei allerdings bislang nicht bekannt. Quelle: dpa


Stattdessen waren sie froh, wenn sie im täglichen Überlebenskampf was Essbares erlegt hatten und abends ihren Adrenalin-Spiegel herunterfahren konnten, im Schutz des Lagerfeuers und im Kreis der Vertrauten. Selbst von Odysseus, dem antiken Prototyp des modernen Backpackers, ist bekannt, dass er sich mit List und Täuschung dagegen wehrte, Heim und Herd in Ithaka zu verlassen.

Wie oft wird es ihn gereut haben, dennoch aufgebrochen zu sein! Erst verdonnerten ihn die Götter dazu, zehn Jahre vor Troja zu kampieren; anschließend irrte er zehn weitere durch die Ägäis, bevor er Penelope wieder an sein Herz drücken konnte. Ein Christoph Kolumbus oder James Cook jedenfalls steckte nicht in ihm.  

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