Trends und Innovationen Wie wir in der Stadt der Zukunft leben

Straßen und Schuhe produzieren Strom, Drohnen liefern Medikamente, Herde kochen ganz allein, Autos fahren mit Wasserstoff – all diese Innovationen werden bald alltäglich sein. Ein Ausflug in die nahe Zukunft.

In Zukunft wohnen, arbeiten, kommunizieren, einkaufen, leben und lieben Quelle: Getty Images

Paul wickelt sich noch einmal in seine Bettdecke und lauscht den Nachrichten, die ein kleines Programm, eine App, auf seinem Smartphone für ihn zusammengestellt hat: Sportergebnisse, Börsenkurse, das Wetter. Seine Freundin Paula steht schon unter der Dusche. Das Paar – er Fitnesscoach, sie Software-Ingenieurin – bewohnt einen Loft in einem der Holzhochhäuser, die jetzt überall in der Stadt entstehen. Es hat an der Südseite eine transparente Fassade, in der Algen wachsen, genährt mit Sonnenlicht und gedüngt mit Kohlendioxid. In Tanks vergären sie zu Biogas, das in einem Kellerkraftwerk verbrennt. Es versorgt die Bewohner mit Strom und Warmwasser.

Pauls Handy piepst. Es meldet, dass eine Drohne soeben auf dem Dach ein Pedal für ein Ergometer abgeladen hat. Auf ihm strampeln sich Kunden des Sportstudios ab, das Paul betreibt. Das Ersatzteil hatte er vor dem Zubettgehen in einem 3-D-Druck-Laden bestellt. Jetzt aber nichts wie raus aus den Federn, ermahnt er sich.

Drohne soll bei Herzinfarkt helfen
Aus dem militärischen Alltag sind Drohnen - hier eine Eurohawk-Aufklärungsdrohne der Bundeswehr - nicht mehr wegzudenken. Doch unbemannte Fluggeräte kommen zunehmend auch im zivilen Bereich zum Einsatz. Quelle: dpa
An der Technischen Universität Delft in den Niederlanden hat der Student Alec Momont einen Prototyp für eine Ambulanz-Drohne entwickelt. Das Mini-Fluggerät hat einen Defibrillator an Bord und soll bei Herzstillstand blitzschnell vor Ort sein. Über Audio- und Videoübertragung kann medizinisches Fachpersonal die Helfer vor Ort zum richtigen Einsatz anleiten. Die Drohne ist mit 100 Stundenkilometern unterwegs und findet den Patienten über das Signal des Mobiltelefons, über das der Notruf abgesetzt wurde. Ein Netzwerk solcher Drohnen könne die Überlebenschancen bei einem Herzinfarkt drastisch von acht auf bis zu 80 Prozent erhöhen, hofft Momont. Schon vier bis sechs Minuten nach Herzstillstand kann der Hirntod einsetzen, ein Krankenwagen braucht aber durchschnittlich zehn Minuten. Die Drohne kann in einem zwölf Quadratkilometer großen Radius innerhalb einer Minute am Unfallort sein. Hier gibt es ein Video, das den Drohnen-Einsatz zeigt. Quelle: Screenshot
Helmut Rupp von der Deutschen Bahn begutachtet in Frankfurt am Main den Schaden an einem Zug, der mit Graffiti beschmiert worden ist. Die Deutsche Bahn will Graffiti-Sprüher künftig mit Hilfe kleiner Kamera-Drohnen aus der Luft jagen. Mit Wärmebildkameras sollen Sprüher etwa auf Abstellanlagen für Züge aufgespürt und gefilmt werden. „Wir müssen neue Wege bei der Graffiti-Bekämpfung gehen“, sagte der Sicherheitschef der Bahn, Gerd Neubeck, der "Bild"-Zeitung im Mai 2013. Allein im vergangenen Jahr habe die Bahn etwa 14.000 Graffiti erfasst. Der entstandene Schaden liege bei 7,6 Millionen Euro. Der Flugschreiber der Drohnen solle alle Aufnahmen inklusive Standortdaten gerichtsfest dokumentieren, um Täter juristisch belangen zu können, hieß es. Der neue Hightech-Spürhund mit Logo der Bahn koste 60.000 Euro. In 150 Metern Höhe könne er mit bis zu 54 Kilometern pro Stunde fast geräuschlos fliegen und Ausschau halten. Per Autopilot seien bis zu 40 Kilometer lange Strecken möglich. Quelle: dpa
Die US-Weltraumbehörde Nasa nutzt unbemannte Hightech-Flieger wie diese Global-Hawk-Drohne zur Erforschung höherer Atmosphärenschichten. Quelle: NASA
Auch Archäologen haben längst die Vorteile von Minidrohnen entdeckt. Mit Kameras bestückte Fluggeräte wie der Quadcopter MD4-200 von Microdrone liefern den Ausgräbern die notwendigen Informationen für erfolgversprechende Grabungsprojekte oder 3D-Rekonstruktionen früherer Landschaften. Quelle: Microdrones
Das US-Unternehmen Aerovision hat eine Drohne für die Fischerei entwickelt. Die Messinstrumente an Bord sollen Trawler-Kapitänen bei der Aufspürung von Fischschwärmen helfen. Quelle: Aerovision
Eine Aufklärungsdrohne in Kolibri-Form entwickelten die Experten des US-Unternehmens Aerovironment. Der künstliche Kolibri kann acht Minuten auf der Stelle schweben und lässt sich dabei auch nicht von Windböen vom Kurs abbringen. Flugroboter in Tierform wären perfekt getarnte Überwachungsinstrumente, entsprechend groß ist das Interesse der Entwickler. Quelle: Aerovironment
An der renommierten Harvard University arbeiten Forscher an winzigen Flugrobotern in Bienenform. Künstliche Bienenschwärme könnten vermisste Menschen in Gebäuden suchen oder Schadstoffe nach Chemieunfällen beseitigen. Auch das Militär hat Interesse an den künstlichen Insekten, zu den Geldgebern des Forschungsprojekts zählt auch die US-Armee. Quelle: Harvard University
Ganz handfesten Zwecken dient dieser an der ETH Zürich entwickelte Flugroboter: Er soll einmal beim Bau von Gebäuden helfen. Im Labor klappt das Steinesetzen bereits perfekt. Quelle: ETH Zürich/François Lauginie
Die Drohnen-Experten der ETH Zürich steuern auch Ideen zum EU-Forschungsprojekt Mycopter bei. Das Ziel: Flugdrohnen entwickeln, die auf Luftautobahnen autonom Passagiere befördern. Damit soll Fliegen mindestens so einfach werden, wie Autofahren. Quelle: Mycopter
Eine andere Vision will das US-Startup Matternet Wirklichkeit werden lassen: Drohnen zur Versorgung entlegener Orte mit Medikamenten und Nahrung. Dafür wollen die Macher des Projekts ein Netzwerk aus Solar-Ladestationen knüpfen, zwischen denen die Drohnen autonom verkehren. Quelle: Matternet
Schon ein Museumsstück ist die Aerosonde Laima. Das in Australien entwickelte unbemannte Forschungsflugzeug überquerte 1998 als erste Drohne den Nordatlantik im Nonstop-Flug. Nachfolger des legendären Fliegers werden heute zur Erhebung von Wetter- und Atmosphärendaten eingesetzt. Quelle: Wikipedia Public Domain

Paul und Paula sind so fiktiv wie die Zukunftsstadt, in der sie leben. Doch die Technologien, denen sie in dieser Geschichte begegnen, sind keine Spinnerei. Sie alle stehen vor dem Durchbruch – oder sind zumindest in Erprobung – und werden unseren Alltag tief greifend verändern.

Es sieht ganz so aus, als fieberten die Bundesbürger den Neuerungen entgegen. Das legt eine aktuelle Umfrage des Analyseportals Statista nahe. Demnach rechnen fast 42 Prozent der Deutschen damit, dass 2020 massenhaft selbstfahrende Autos umherkurven; knapp 38 Prozent erwarten, dass Drohnen Pakete zustellen.

Seilbahnen umgehen Verkehrsstaus

Paul und Paula haben sich heute freigenommen und starten zu einem Einkaufsbummel. Sie schwingen sich auf Räder, die sie wie Autos online buchen und die elektrisch fahren. Utopie? Keineswegs. Der japanische Technologiekonzern Panasonic hat eine solche Zukunftsstadt gerade 50 Kilometer westlich von Tokio eingeweiht.

Auch Algen- und Holzhochhäuser sind mehr als hübsche Ideen. Ein Algengebäude war schon auf der Internationalen Bauausstellung in Hamburg zu sehen. Holzhochhäuser plant der kanadische Stararchitekt Michael Green etwa in Vancouver und New York. Mehr und mehr Städte entdecken Seilbahnen als günstiges Transportmittel. Der Südtiroler Spezialist Leitner baut seit September in Mexiko-Stadt zwei Strecken gegen die Dauerstaus.

Share Economy im Selbstversuch
Matthias Streit und Lisa Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Matthias Streit Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Lisa Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Vegane Roulade mit Rotkraut und Klößen Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Lisa und Matthias Streit Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Matthias Streit Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Wörterbuch Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Matthias Streit und Julien Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Julien und Matthias Streit Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Kühlakkus in einem Kühlschrank Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Julien Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Julien Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche

Unterwegs weisen auf der Straße aufleuchtende LED-Pfeile Paul und Paula wie allen Verkehrsteilnehmern den Weg. Sie gehören zu einem Informationssystem der US-Firma Multimodal Logic. Es verwandelt beliebige Flächen in Bildschirme, die über Anschlüsse informieren, zeigen, wo ein freies Rad oder Auto steht, auf Restaurants hinweisen und Staus melden.

Das Paar kommt an digitalen Werbetafeln vorbei, die die Luft von Schadstoffen reinigen. Es passiert Abfalleimer, die der Müllabfuhr funken, wann sie voll sind. Und es bestaunt riesige Hochhausfarmen, in denen Landwirte Obst und Gemüse anbauen. Singapur plant gleich 15 solcher Anlagen vor seiner Küste.

Für Paul und Paula ist der Ausflug ein Spaß: freie Fahrt, keine Abgase, intelligente Information. Für die Investoren wiederum wird die Aufrüstung der Städte zum Geschäft. 350 Billionen Dollar, so Marktforscher, fließen über 30 Jahre weltweit in die Modernisierung. Zukunft hat eben ihren Wert.

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