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Von Nullen und Einsen

Auf der Suche nach dem Otto-Normal-User

Egal ob nun das neue Google Buzz, Facebook oder Twitter - wer als Außenstehender die Beschreibungen der immer zahlreicher werdenden Social Media-Angebote liest, fühlt sich schnell ausgeschlossen. "Warum sollte ich das nutzen?" ist eine Frage, die sich Web 2.0-Experten nie stellen, normale Kunden aber laufend. Und sie ist entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg, meint wiwo.de-Technik-Kolumnist Ben Schwan.

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Ben Schwan

Es ist höchst erstaunlich, wie mainstreamig Internet- und IT-Themen inzwischen geworden sind. Mein aktuelles Lieblingsbeispiel ist der Hype um Apples iPad, das es bei seiner Vorstellung bekanntlich auf die Titelseiten von Zeitungen und in die Hauptnachrichtensendungen großer Fernsehveranstalter packte. So hübsch das erst in zwei Monaten auf den Markt kommende Teil auch sein mag und trotz aller Old-Media-Errettungshoffnungen - die Auswirkungen auf Otto-Normal-Verbraucher - und das sage ich hier als Freund solcher Technik mit gezückter Kreditkarte - sind doch zumindest am Anfang gleich null.

Was für gehypte Hardware gilt, gilt erst recht für Software und Internet-Dienste. Bei der Vorstellung von Google Buzz vor einigen Tagen wurde mir das nochmals mit voller Wucht klar. Da stellte sich ein Produktmanager auf die Bühne und erzählte, die Menschen würden doch heute gerne alles Mögliche mit dem Rest der Welt teilen - ihre Meinung zu einem Restaurant, das Bild einer hübschen Katze oder das Video zum coolsten Gadget - und das am besten noch mit Ortsangaben. Mit dieser arroganten "Wir wissen, was ihr heute wollt"-Haltung ist Buzz dann auch aufgebaut: Google nahm sich mal eben die Freiheit, den Dienst all seinen Mail-Usern aufzudrücken, ohne dass man ihn ablehnen kann (das geht nur nachträglich). Alle wichtigen E-Post- und Chat-Kontakte werden sofort als "Freunde" deklariert, denen man "folgen" soll - hanebüchene Datenschutz-Auswirkungen inklusive.

Privatheit ist heute nicht mehr wichtig

Bei Foursquare einem von gleich mehreren "Location Based Games", wird die Nutzerschaft unterdessen aufgefordert, der Welt in regelmäßigen Abständen kundzutun, wo sie sich gerade befindet. Dafür gibt's dann virtuelle Punkte - für die man sich nichts, aber rein gar nichts kaufen kann, aber Stalker-taugliche Profilinfos herausposaunt. Und bei Facebook ändert der Anbieter die Privatsphären-Einstellungen mal eben überfallartig zu einer bislang ungekannten Offenheit, weil der 25jährige Gründer meint, Privatheit wäre heute nicht mehr so wichtig und die "gesellschaftlichen Konventionen" hätten sich quasi über Nacht geändert.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: All die genannten Angebote haben und finden ihre Freunde, sind in ihrer sozialen Akzeptanz bereits fortgeschritten beziehungsweise in gewissen Szenen schlicht Standard. Und auch ich selbst mag viele ihrer Features - und kann ohne sie nicht leben. Doch das heißt noch lange nicht, dass man aus den dort vorkommenden Lebensweisen auf den Rest der Gesellschaft schließen könnte. Es gibt Nutzerkreise, denen wird man nie klarmachen können, warum sie auf Twitter zu Dauernarzissten, auf Facebook zu virtuellen Farmern mit zu viel Taschengeld oder auf Google Buzz zu ständigen „Hier, schau mal"-Krähern werden sollten. Und das ist, ehrlich gesagt, gut so.

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    Die Wirklichkeit ist recht profan

    Die Frage des "Warum sollte ich das nutzen?" wird viel zu selten gestellt, während die Klasse der Early Adopter sich scheinbar in jeden Schwachsinnsdienst hineinstürzt, als gäbe es kein Morgen mehr. Wer will, kann der Welt inzwischen alle seine Einkäufe offenlegen, in dem er die persönlichen Kreditkartendaten an einen Twitter-ähnlichen Dienst weiterreicht. Ein anderer Service überträgt auf Wunsch das aktuelle Körpergewicht ins Netz, weil das dem Diäterfolg helfen soll. Ab einem gewissen Punkt fällt einem da nur das Wörtchen "Stopp" ein, selbst wenn man sich verdammt altmodisch vorkommt.

    Zumal kein Mensch weiß, ob die Angebote, über die Web 2.0-Experten heute abgehetzt Lobpreisungen verfassen, sich im tatsächlichen Mainstream durchsetzen werden. Schauen wir uns doch kurz an, wo die Dinge wirtschaftlich stehen. Sie sprechen eine erstaunlich deutliche Sprache. Google macht sein Hauptgeschäft nach wie vor mit profaner Online-Reklame. Microsoft könnte ohne Windows und Office nicht überleben. Und Facebook und Twitter? Tja, da weiß noch niemand genau, wann dort echte, harte Gewinne fließen - der Kurznachrichtendienst hat eigentlich noch gar kein Geschäftsmodell, während sich das soziale Netzwerk als private Firma schlicht nicht in die Bücher schauen lassen muss.

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