WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Von Nullen und Einsen

Der irreparable Rechner

Immer mehr aktuelle Elektronik kommt vernagelt beim Kunden an - die Möglichkeiten zur Aufrüstung oder Reparatur sind nur noch minimal, oft werden deshalb einfach komplette Geräte getauscht. Der Kultkonzern Apple wird hier von Umweltschützern besonders hart kritisiert. Was ist an den Vorwürfen dran?

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Greenpeace-Aktivisten Quelle: Bente Stachowske - Greenpeace

Man könnte fast auf die Idee kommen, Apple reize Greenpeace absichtlich. Erst ziehen die Umweltschützer in mehreren Städten auf der ganzen Welt vor Läden, Rechenzentren und Büros des Computerkonzerns und verlangen, der solle doch gefälligst keinen Kohle- und Atomstrom für seine "iCloud"-Onlinedienste mehr verwenden. Apple lässt das alles an sich abprallen mit der simplen Aussage, Greenpeace habe sich verrechnet, stattdessen setze kein Unternehmen außerhalb der Energiebranche in Amerika stärker auf Ökostrom.

Dann erklärt Greenpeace Apple zu einer Marke mit einem eher opaken Geräterücknahme-Konzept - im Vergleich zur Konkurrenz sei die Firma in Sachen Elektronikschrott deutlich schlechter aufgestellt. Und was macht Apple? Betont, man habe mittlerweile ein hervorragendes Renommee, was die Verbannung giftiger Stoffe aus der Hardware und die Recyclebarkeit der Produkte anbetrifft. Und verklebt dann beim neuesten MacBook Pro mit "Retina"-Bildschirm die Batterie im Gehäuse, verlötet den Hauptspeicher auf der Platine und fusioniert das Glas des Bildschirms und das Aluminium dahinter kurzerhand zu einer Einheit. Ich wette, Greenpeace bereitet schon die nächste Kampagne vor.

Umweltsünder Apple

Die interessante Frage dabei ist allerdings, wie viel der hippe Apfelkonzern wirklich falsch macht. Bei der Rechenzentrumsdiskussion steht Aussage gegen Aussage - Greenpeace meint, Apple brauche für seinen Maschinenpark viel mehr Energie, Apple sagt, es sei so wenig, dass vor allem Ökostrom ausreiche. Doch bei der Elektronikschrottdiskussion kann man sich schon leichter einen Reim darauf machen, wer hier richtig(er) liegt. Als das erwähnte MacBook Pro mit Retina-Display auf den Markt kam, wurde es vom Team des Reparaturdienstleisters iFixIt auseinander genommen und mit der bislang niedrigsten Punktzahl in Sachen Reparierbarkeit bewertet.

Doch aus Nutzersicht scheint das die wenigsten zu interessieren. Käufer des Luxus-Geräts (Apple-Preis ab 2279 Euro) mit seinem teuren (dafür ultrascharfen) Bildschirm wählen eben aus zwei verschiedenen Varianten mit unterschiedlicher Prozessorleistungsfähigkeit, suchen sich dann noch eventuell mehr SSD-Speicher aus und prüfen, wie viel RAM sie brauchen. All das wird dann von Apple ab Werk eingebaut und an die Kundschaft verschickt, die das Gerät dann vielleicht, so ist der über den Daumen gepeilte Schnitt mittlerweile, zwei Jahre lang nutzt. Dafür sollte, wenn alles gut geht, der fest eingebaute Akku mit seinen laut Hersteller bis zu 1000 Ladezyklen hoffentlich ausreichen. Garantie gibt es sowieso nur ein Jahr, wer außerhalb der gesetzlichen Gewährleistung des Händlers länger Sicherheit braucht, muss ein kostenpflichtiges Servicepaket ("Apple Care") abschließen.

Auf Kosten der Aufrüstbarkeit

MacBook Air von Apple Quelle: REUTERS

Da das Gerät wie erwähnt mit einem SSD-Speicher ausgestattet ist, der einen proprietären Steckverbinder hat, lässt sich während der Nutzungszeit zunächst kein Mehr an Plattenplatz einbauen - das geht nur mit externen Laufwerken. Schlecht ist auch, dass man im Falle eines Defekts der Maschine an sich nicht mehr so einfach an seine Daten kommt - zwar ist die SSD grundsätzlich entnehmbar, es gibt außerhalb Apples aber derzeit kein externes Gehäuse, mit dem sie lesbar wäre. (Bei einer Festplatte oder einer SSD mit Standardanschluss wäre das dagegen kein Problem.)

Immerhin ist zu erwarten, dass der Zubehörmarkt a) größere SSD-Speicher für die Maschine und b) vermutlich auch Gehäuse für die Module auf den Markt bringen wird. Da kann man Apple fast dankbar sein, dass die SSD nicht verlötet ist. Speichererweiterungen beim RAM fallen aus diesem Grund von vorne herein flach - außer man tauscht gleich die ganze Hauptplatine.

Flachheit hat ihren Preis

Warum macht Apple das alles? Die Firma bemüht sich trendgemäß, ihre Geräte möglichst flach und kompakt zu bauen. Tatsächlich ist das MacBook Pro mit Retina-Display fast so schmal wie der zuvor kompakteste Apple-Rechner MacBook Air. Damit das physikalisch klappt, kann der Computerkonzern offensichtlich nicht auf solch gewöhnliche Dinge wie Aufrüstbarkeit Rücksicht nehmen. Die riesige Batterie des neuen MacBook Pro mit Retina-Display ist hier ein gutes Beispiel: Die passt nur ins Gehäuse, weil sie in einzelne Module zerlegt wurde, die dann über die gesamte Gerätebreite verteilt werden können.

Säße der Energiespeicher dagegen in einem entnehmbaren Gehäuse, ginge es vermutlich bei weitem nicht so kompakt. Auch beim RAM würde eine zusätzliche Wartungstür zum Austausch vermutlich zu viel Platz wegnehmen. Und weil die Kunden eben offenbar den Faktor "flach" stärker honorieren als den Faktor "aufrüstbar", baut Apple die Maschinen eben so.

Gadgets



Bliebe da dann noch die große Recycling-Frage: Ist das neue Retina-MacBook Pro in spätestens zehn Jahren in großer Stückzahl auf wilden Müllkippen in Afrika zu finden? Wenn man Apple glaubt, hat die Firma in den meisten Ländern ein adäquates Rücknahmeprogramm etabliert. Das ist allerdings auch bitter nötig, weil das Vernageln, Verkleben und Verschrauben - letzteres übrigens mit Spezialbauteilen, für die man einen Extra-Schraubendreher braucht - dazu führt, dass Otto-Normal-Recyclinghof vermutlich verzweifeln würde.

Allein die saubere Trennung von Akku und Alugehäuse dürfte einen in Sachen Gefahrgut geschulten Fachmann benötigen, denn mit gerissenen Zellen ist nicht zu spaßen. Sind diese Prozesse aber vorhanden - etwa auch, um das Display in mühevoller Kleinarbeit vom Alugehäuse zu lösen - dürfte das Recycling durchaus funktionieren. Wenn auch eben nicht besonders einfach. Flachheit hat eben ihren Preis. Diese Politik werden Firmen wie Apple nur ändern, wenn auch die Kundschaft nicht mehr zugreift.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%