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Von Nullen und Einsen

Smartmeter noch nicht smart genug

Es klingt nach einer Win-Win-Situation: Mit intelligenten Stromzählern können Energiekunden endlich sehen, wie viel welches Gerät verbraucht - und die Kraftwerksbetreiber bekommen eine bessere Kontrolle über ihre Anlagen, weil sie genauere Daten erhalten. Das Problem: Die Technik ist noch zu schwachbrüstig. Und es gibt unbeantwortete Fragen, etwa beim Datenschutz.

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Smartmeter Quelle: EVB Energie AG

Das Pilotprojekt ließ sich gut an: In einer Berliner Großraumsiedlung sollte eine fünfstellige Anzahl sogenannter Smartmeter vom örtlichen Elektrizitätsversorger installiert werden, damit die Mieter von 3000 Wohnungen per Smartphone oder TV-Settopbox in Echtzeit nachvollziehen konnten, welches Gerät gerade der größte Stromschlucker war. Und: Im Rahmen des Testlaufs gab's den intelligenten Stromzähler sogar kostenlos.

Zwei Jahre später macht sich allerdings Ernüchterung breit. Wie die Verbraucherzentrale Sachsen berichtet, wünschten sich von den beteiligten Haushalten schließlich nur ganze sieben Prozent, in eine Projektverlängerung zu gehen. Die Mieter hätten nur wenig Interesse an den eigenen Verbrauchsdaten gezeigt, so das Fazit der Verbraucherschützer.

Wie das zusammenpasst? Man muss es kalt und hart sagen: Smartmeter sind in ihrer jetzigen Inkarnation nur ansatzweise brauchbar, weil funktionstechnisch eingeschränkt. Gleiches gilt für das "Smart Grid", an die sie angeschlossen werden sollen: Der Aufbau intelligenter Stromnetze beginnt erst. Entsprechend sind die 100 bis 150 Euro teuren Geräte leider kaum mehr als eine Spielerei - so interessant die Technik doch grundsätzlich ist.

Stets der beste Tarif

Beispiel Netzanpassung: Der Traum vieler Smartmeter-Proponenten liegt darin, dass der Kunde stets den besten Tarif erhält. Dazu müsste dann ein intelligenter Stromzähler aber erst einmal dem Netz signalisieren können, dass man kurzzeitig den Anbieter wechseln möchte, weil ein Konkurrent zum Hauptversorger genau zu dieser Uhrzeit kostengünstiger ist. Warum sollte aber ausgerechnet der freundliche Stromkonzern von nebenan, der auch den Smartmeter stellt, so etwas zulassen? Hier bedarf es neben einer zuverlässig funktionierenden (!) Technik vor allem regulatorischer Eingriffe - und die scheinen derzeit noch Zukunftsmusik zu sein. (Vom Problem der Rechnungsstellung, die am besten zentralisiert erfolgen müsste, ganz abgesehen.)

Die einfachere Lösung, energieintensive Aufgaben einfach in jenen Zeiten abzuwickeln, zu denen die Tarife besonders günstig sind, klappt auch nur im Einfamilienhaus - beginnen plötzlich alle Smartmeter-Nutzer in einem Mehrfamiliengebäude, nachts zu waschen, dürfte es schnell Beschwerden entnervter Mieter hageln, die in ihrer Nachtruhe gestört sind. Und tatsächlich: "Das Einsparpotenzial für die Verbraucher ist in der Tat relativ gering", meint auch Roland Pause, Energieexperte der Verbraucherzentrale Sachsen.

Was am Stromanschluss passiert

Stromzähler Quelle: AP

Bleibt die Datenerfassung, also die Möglichkeit, endlich einmal zu sehen, was die häuslichen Gerätschaften so alles durch die Leitung saugen. Hier kann ein Smartmeter tatsächlich ein echter Augenöffner sein. Die Möglichkeit, genau zu sehen, was am Stromanschluss passiert, wenn man den Herd oder den Trockner andreht, die Spülmaschine loslaufen lässt, den Haartrockner anstellt oder die 60-Watt-Birne brennen lässt, schafft ein neues Verbraucherbewusstsein. Durch die Visualisierung des Stromverbrauchs in Echtzeit, den moderne Geräte samt Weiterleitung an diverse Gerätschaften vom PC über das Smartphone bis hin zum Fernseher ermöglichen, lassen sich Veränderungen der Last sofort wahrnehmen. Die Motivation, "grünere" Technik zu kaufen, steigt dadurch deutlich.

Eingriff in die Privatsphäre

Allerdings verhält es sich mit der beim Smartmetering auftretenden Datenflut nach ersten Erfahrungswerten wie mit anderen technischen Spielzeugen der Neuzeit: Was anfangs noch spannend erscheint, wird später - siehe Beispiel obiger Großversuch - ignoriert. Die Daten werden aber stets weiter erfasst, was wiederum eine ganz andere Fragestellung induziert: Wie sensibel sind solche Informationen eigentlich? Tatsächlich lassen sich aus Smartmeter-Daten über Profilvergleiche Rückschlüsse ziehen, welche Geräte ein Nutzer verwendet und wann. Und potenzielle Sicherheitslücken existieren ebenfalls.

Gadgets



Der europäischer Datenschutzbeauftragte (EDB) ist auf die Problematik bereits aufmerksam geworden und meint, dass die Technik durchaus das Potenzial hat, in die Privatsphäre der Kundschaft einzugreifen. Denn nicht nur für Kraftwerksbetreiber ist es spannend, zu wissen, wann es besonders hohe Lastspitzen gibt oder wann bestimmte Geräte eingeschaltet werden - auch Marketingleute interessieren sich für solcherlei Material. "Informationen über den Energieverbrauch können von hohem kommerziellen Wert sein", heißt es denn auch in einem EDB-Einschätzungsbericht. Mit anderen Worten: Die Energiekonzerne sind in der Pflicht, den Schutz der Privatsphäre gleich in ihre Smartmeter einzubauen.

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