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Werner knallhart

Selfie-Stangen und Bierbikes: Clever und peinlich

Es ist der Google-Glas-Effekt: Zu einigen Erfindungen der Jetztzeit kippt plötzlich die öffentliche Meinung. Ein Alptraum für Vermarkter - und Nutzer, die das nicht gemerkt haben und sich plötzlich zum Idioten machen.

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Junge Frauen machen ein Selfie vor der Akropolis Quelle: dpa

Zum Geburtstag bekam ich von einem Freund eine Selfie-Stange geschenkt. Das Blöde war nur: Ich hatte kurz zuvor meine Meinung zu diesen Dingern geändert. Ich fand sie seitdem doof. Irgendwie hatte sich diese Ablehnung ganz unterbewusst in mich geschlichen. Meine Enttäuschung aber flog sofort auf: "Mein Geschenk scheint nicht gerade ein Volltreffer zu sein, was?"

"Ach, naja, es ist ja lieb gemeint, aber ich glaube, meine Affen-Arme sind lang genug für Selfies."

Wir pflegen in unserem Freundeskreis das Prinzip Vertrauen durch Ehrlichkeit. Ich hätte nun lange argumentieren können: Das Tolle an einem Handy mit Kamera ist ja, man hat immer einen Fotoapparat in der Tasche, aber so eine Teleskopstange muss man bewusst einpacken. Das nimmt dem Ganzen die Spontanität. Blablabla.

Zehn Gründe, warum Selfies nerven
Papst Franziskus posiert für ein Selfie mit Gläubigern Quelle: dpa
Bradley Cooper, Ellen DeGeneres, Jared Leto, Jennifer Lawrence, Meryl Streep, Peter Nyong'o Junior, Channing Tatum, Julia Roberts, Kevin Spacey, Brad Pitt, Lupita Nyong'o und Angelina Jolie. Quelle: AP
Dritter Grund: Nun macht es den Promis fast jeder x-beliebige Nutzer sozialer Netzwerke nach. Mehr als die Hälfte der Deutschen (54 Prozent) hat schon mal ein Selfie geschossen, wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ergab. YouGov befragte zwischen im September 2014 insgesamt 1013 Menschen ab 18 Jahren. Quelle: dpa
Vierter Grund: Demnach stimmten 57 Prozent der Befragten der Aussage „Selfies finde ich allgemein nervig“ ganz oder weitestgehend zu. Quelle: REUTERS
Fünfter Grund: Hier muss sich Bundeskanzlerin Angela Merkel schon bemühen, in die richtige Kamera zu gucken - beherrscht sie die Kunst der zehn parallel geschossenen Selfies? Bei so einem Besuch wie an der Staatlichen Europaschule Robert-Jungk in Wilmersdorf in Berlin wäre das eine nötige Grundkompetenz. Es scheint, es gibt kaum noch jemanden, der kein Selbstbild von sich in sozialen Netzwerken postet. In sozialen Netzwerken sind die Bildnisse quasi das Regelbild. Quelle: dpa
Sechster Grund: Die Selbstbeweihräucherung wirkt abstoßend, umso mehr, wenn Stars wie Wilmer Valderrama alles geben, um die perfekte Pose für ein Selfie mit ihren neuen Gadgets zu finden. Genießt er hier wirklich seinen Kaffee, oder geht es nur um den schönen Schein? Das finden die meisten Menschen, ob in Ost oder West, ob Männer oder Frauen, anbiedernd. Auf Ablehnung stoßen die Porträts vor allem bei Menschen, die älter als 45 sind. Quelle: AP
Siebter Grund: Selfies sind oft peinlich, etwa weil sich die Menschen in die unmöglichsten Posen verdrehen, um auf dem Bild gut zu sehen zu sein. Etwa drei Viertel (76 Prozent) der Deutschen sind zudem der Meinung, dass zu viele Selfies veröffentlicht werden - und 87 Prozent meinen, dass die Selbstporträts „manchmal peinlich“ seien. Hingegen findet nur ein knappes Drittel (31 Prozent) die Schnappschüsse anderer Menschen interessant – was dafür spräche, mit der Veröffentlichung auf Facebook oder bei Twitter etwas sparsamer umzugehen. Quelle: AP

Die Wahrheit ist: Ich finde Selfiestangen-Menschen komisch. Für Selfiestangen-Menschen kommt es beim Fotografieren nicht darauf an, eine einzigartigen Moment, eine besondere Stimmung oder einen faszinierenden Blick auf die Welt festzuhalten. Es kommt ihnen darauf an, ihre eigene grinsende Visage als Beweis auf Sehenswürdigkeiten draufzustempeln. "Guck, da war ich auch." Ein tolles Foto von den Niagara-Fällen gibt es tausendfach auf Facebook. Aber die Niagara-Fälle mit Bianca und Hanko Jöllenbecker im Vordergrund, dieses Foto haben nur die Jöllenbeckers in ihrem gemeinsamen Profil. Und schon fünfzehn Likes.

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    Ballermann auf Rädern

    In der neuen Netflix-Serie Sense8, über die alle Welt spricht und die auch in Berlin spielt, kommt im Vorspann ein Bierbike vor. Eine Freundin maulte: "Oh Gott, was soll denn nun die anderen Leute von Deutschland denken?"

    Wahrscheinlich denken sie nur Gutes: Diese Deutschen. Da lassen sie sogar mal auf ihren heiligen Straßen Fünfe gerade sein. Die können aus sich hinaus. Witzig!

    Was die Welt nicht weiß: Der Ruf der Bierbikes ist hierzulande ruiniert. Und zwar wieder einmal durch deren Nutzer. Die eigentlich ganz nette Idee "gemeinsam durch die Gegend gondeln, zusammen lachen, was Schönes trinken, der Steuermann bleibt nüchtern" wurde verkehrt in "mitten im Straßenverkehr Mut ansaufen und dann im Rausch durch prolliges Gegröhle zu Scheißmusik die Aufmerksamkeit der anderen Verkehrsteilnehmer auf sich ziehen, um den Mitfahrern zu imponieren". Ballermann auf Rädern, schrieb einst die Welt am Sonntag. Passt. Und als Passant ist man hin und her gerissen zwischen Fremdscham und Empörung. Bierbiken ist wie Pupsen im Aufzug. Man macht es einfach nicht.

    Das sind die Highlights der Cebit
    Der Spielzeug-Dino «Watson» («Cognitoy») des start-up Unternehmens Elemental Path Quelle: dpa
    Ein Mann trägt sein Smartphone direkt vor seinem Gesicht Quelle: REUTERS
    eine Frau benutzt ein IO Hawk Quelle: AP
    Der Getränke-Kühlschrank von plenti Media soll seine Besitzer mit einer intelligenten LCD-Anzeige unterhalten, auf der aktuelle Fotos und Videos aus Cloud und Netzwerk gezeigt werden können. "Die ideale Kombination von digitalen Bildern und realen Produkten" wirbt das Unternehmen. Quelle: Presse
    ein Thermostat von Tado Quelle: Screenshot
    Powerbanks, also Ladestationen für das Smartphone, sind gerade beim Cebit-Partnerland China der Renner. Da kommt die Ladestation auch schon mit integriertem Schminkspiegel daher. Nicht weniger skurril, dafür aber für beide Geschlechter nützlich, ist der HotPot von Terratec. Das Unternehmen hat eine Thermoskanne mit integrierter Powerbank hergestellt. Aus der eingefüllten heißen Flüssigkeit (ab 80°C) generiert die Kanne Strom und lädt damit den integrierten Akku auf. So kann beispielsweise beim Campen Wasser am Lagerfeuer erhitzt und als Energiequelle für das Smartphone genutzt werden. Quelle: Presse
    Das Start-up Husarion präsentiert auf der Cebit seinen herzförmigen Roboter RoboCore. Das junge Unternehmen baut für seine Kunden individuelle Roboter zusammen, die per WLAN und Bluetooth gesteuert werden können. Der RoboCore ist außerdem mit anderen mechanischen Systemen kompatibel. Quelle: Screenshot

    Und so haben auch andere Dinge ihre gesellschaftliche Akzeptanz verloren, die einst hoch im Kurs standen. Etwa Handy-Klingeltöne: Einst ein akustisches Accessoire, ein Statement, geprägt auch von der Faszination davon, was heutzutage technisch alles möglich ist. Ein Telefon, das tutet wie ein Kreuzfahrtschiff oder miaut wie ein Kätzchen - verrückt! Noch vor fünf Jahren konnte man Menschen in der U-Bahn mit einem gut gewählten Klingelton ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Wer heute im ICE sein Telefon länger als fünf Sekunden klingeln lässt, gilt als komplett verpeilt, es sei denn er entschuldigt sich. Heute gilt es als schick, zu merken, dass jemand anruft, ohne dass es andere merken.

    Wie kommt das? Letztendlich geht es immer um Innovationen, die das Potenzial haben, anderen auf den Senkel zu gehen. Hier kann das Fallbeil der öffentlichen Ächtung Geschäftsmodelle in nur Monaten vernichten. Den Supergau haben die Strategen von Google erlebt. Ihre Datenbrille Glas hatte es noch nicht einmal auf den Massenmarkt geschafft, da war sie in ihrer Heimat Kalifornien dank der eingebauten Minikamera schon verhasst unter den Mitmenschen der Testtäger. In San Francisco hingen Schilder an Eingängen einiger Restaurants und Bars: "Google Glas muss draußen bleiben". Gesellschaftliche Isolation dank Innovation. Das war der Tod des Milliarden-Projekts. Es trifft selbst Weltkonzerne.

    Wackelkandidaten Nespresso, E-Bikes und die Apple Watch

    Und so wird auch die Selfie-Stange nicht nur als peinlich geächtet, sondern als sozial schädlich. Disney hat sie gerade in seinen Freizeitparks verboten. Das Rumgefuchtel mit den Apparillos ist schließlich eine Gefahr für das Augenlicht anderer Gäste und der Mitarbeiter.

    Früher haben wir uns an unseren Reisekoffern einen Bruch gehoben. Heute ziehen wir sie leichtfüßig auf Rollen hinter uns her. Man fragt sich: Warum ist die Menschheit erst in diesem Jahrtausend auf diese Idee gekommen? Aber auch den Rollkoffer-Schleppern drohte für kurze Zeit der soziale Genickschlag. In Berlin. Die Touris gehen dort einigen Einheimischen auf den Keks. Mit den rappelnden Rollkoffern auf den zerfurchten Berliner Gehwegen. Padabamm, padabamm.

    Aber die Forderung der Grünen Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg Monika Herrmann von den Grünen nach laufruhigeren Kofferrollen ging nach hinten los und wurde zur Lachnummer. 1 zu 0 für den Rollkoffer. Das war der Beweis: Er hat sich fest etabliert. Den kriegt keiner mehr weg.

    Und so wird es spannend für andere Produkte, die echte Wackelkandidaten sind.

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      Nespresso: Seit jeher musste man sich bei seinen Gästen entschuldigen für die umweltunfreundlichen Alu-Kapseln. Genuss auf Kosten der Umwelt. Bislang zog das Argument: "Aber er schmeckt halt einfach so genial!" Aber jetzt erlebt der gute alte Filterkaffee langsam sein Revival. Wird der Schickimicki-Kaffee aus der Kapsel-Boutique bald einfach ein uncooler Klimakiller aus alten Zeiten, als ein Espresso noch aufgesetzte Lifestyle-Wissenschaft war?

      Raucher gelten heute jungen Leuten als drogensüchtige Dinosaurier. Aber was wird aus der E-Zigarette? Sie schützt auch Passivdampfeinatmer vor Lungenkrebs. Aber dennoch verströmt sie künstliche Aromen und Nikotin. Was wird am Ende obsiegen? Die Toleranz gegenüber Nikotinabhängigen, die sich bessern wollen. Oder die Abneigung gegen ausgeatmeten Vanilla-Mango-Gestank im Kino oder in der Flughafen-Lounge?

      Gadgets



      E-Bikes: eine Errungenschaft für sportliche Leute, die dafür mal das Auto stehen lassen oder für Senioren, die ohne Hilfsmotor vom Sattel kippen würden? Fakt ist: Die Dinger sind schneller, als so mancher E-Bike-Fahrer "Aus dem Weg!" schreien kann, geschweige denn bremsen. Hier winkt in der Ferne die Sozialkeule.

      Die Apple Watch. Weil sie kaum etwas kann, was das Leben nennenswert bereichert, schabt die teure Computeruhr dicht am Rand der Lächerlichkeit entlang. Wer sie sich nicht leisten kann, hat gute Argumente, das Ding albern zu finden. Noch hält die Stimmung. Aber was, wenn die Dinger eine eingebaute Kamera bekommen? Gerüchten nach steht das für die nächste Generation an. Droht da das Google-Glass-Schicksal? Oder wird Apple die Funktionen der Kamera einschränken, so dass Außenstehende keine Angst haben müssen, vom Handgelenk aus im Flugzeug beim Nasebohren beobachtet zu werden?

      Ich gebe zu: Ich würde gerne mal ausprobieren, wie es sich anfühlt, mit einem Bierbike durch Berlin zu fahren. Ganz ideologisch unbelastet, ganz defensiv, ohne Showgebrüll, ganz ruhig und nüchtern. Aber das wird nichts werden. Alleine macht das keinen Spaß. Und es kommt einfach keiner mit.

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