WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Yotaphone Ein Russe auf den Spuren von Steve Jobs

Apple, Samsung – Yotaphone? Ein russisches Start-up nimmt es mit den Elektronikriesen auf. Die Macher wollen das Smartphone revolutionieren, indem sie zwei Bildschirme einbauen. Die Geschichte einer kühnen Idee.

Das Yotaphone hat ein Display vorne und eins an der Rückseite. Quelle: REUTERS

Seit Steve Jobs 2007 das iPhone aus der Tasche zog, meint der Russe Vlad Martynov, „hat es bei der Bedienung von Smartphones keine Revolution mehr gegeben“. Bessere Kameras, schnellere Prozessoren oder mehr Pixel auf dem Bildschirm – diese Entwicklungen habe es gegeben. Aber das alles sei für die Nutzer nicht so wichtig, meint Martynov.

Er glaubt, selbst für eine Umwälzung sorgen zu können. Für eine Umwälzung wie sie einst der legendäre Apple-Gründer schaffte.

Martynov hat mit seinem Start-up Yota Devices ein Mobiltelefon mit entwickelt, das sich in einem entscheidenden Punkt von der Konkurrenz abhebt: Es hat zwei Bildschirme. Einen vorne, einen hinten. Das Yotaphone soll länger durchhalten, trotzdem sollen Nutzer keine E-Mail, keine SMS verpassen.

Die Fachwelt ist begeistert. Aber reicht eine gute Idee, um die Welt zu verändern? Kann sich ein Start-up im Marketinglärm von Apple, Samsung und all den anderen bei den Käufern Gehör verschaffen? Es ist ein kühnes Vorhaben mit ungewissem Ausgang.

Der globale Smartphone-Markt

Die Idee stammte aus einem Brainstorming: 2010 machte sich Martynov mit einigen Kollegen darüber Gedanken, was ihnen an Smartphones nicht gefällt. Sie fanden zwei Probleme. Erstens: „Der Bildschirm ist die meiste Zeit eine Blackbox“, sagt der Yota-Chef – um Strom zu sparen, schaltet das Gerät nach kurzer Zeit in den Standby-Modus. Benachrichtigungen leuchten nur kurz auf, so dass man sie schnell verpasst (wenn nicht eine kleine Leuchte darauf hinweist).

Zweitens: Der Taschencomputer ist trotz des kleinen und spiegelnden Bildschirms ein beliebtes Lesegerät, viele Menschen lesen unterwegs auch längere Texte darauf. Das strengt aber auf Dauer nicht nur die Augen an, sondern verbraucht auch viel Strom. „Nach vier Stunden ist der Akku meistens leer“, sagt Martynov.

„Wir dachten uns: Wäre es nicht cool, wenn wir ein Smartphone hätten, das immer an ist?“ Die Lösung gab es bereits – allerdings nicht für Smartphones, sondern für E-Reader: Geräte wie Kindle und Tolino verwenden eine elektronische Tinte namens E-Ink, die wenig Energie verbraucht und die Augen schont. Die Entwickler machten sich daran, die Vorteile beider Geräte zu vereinen. Kindle meets iPhone.

Lehrstück über die Globalisierung

Im Dezember brachte Yota Devices – eine Ausgründung des russischen Mobilfunkanbieters Yota – das erste Modell auf dem Markt. Die zweite Generation war im Februar auf dem Mobile World Congress in Barcelona zu sehen, sie soll im Herbst in den Handel kommen. Zudem lud das Unternehmen Software-Entwickler ein, Anwendungen für den zweiten Bildschirm zu schreiben. Hier gilt das gleiche Prinzip wie bei Apps: Je mehr nützliche Helfer es gibt, desto mehr Argumente sprechen für das Gerät.

Die Geschichte von Yota Devices ist auch ein Lehrstück über die Globalisierung, über Spezialisierung und die Arbeitsteilung über Ländergrenzen hinweg. In Russland gibt es keine Handyhersteller, daher suchte sich Martynov Spezialisten in aller Welt zusammen – nur knapp 30 der insgesamt 50 Leute arbeiten in der Zentrale in Moskau.

Erfahrene Designer machte der Unternehmer in Finnland ausfindig: Sie waren früher beim kriselnden Handyhersteller Nokia tätig. Die Montage übernimmt eine Firma aus Singapur mit Fabriken in China. Foxconn, bekannt geworden als Fertiger von iPhone, iPad und zahlreichen anderen Elektrogeräten, war der Yotaphone-Auftrag für sein Millionenheer an Arbeitern zu klein. Das Team fürs globale Marketing ist in Deutschland angesiedelt.

Die Zutaten wiederum stellten Martynov und Kollegen nach dem Lego-Prinzip zusammen. Prozessoren, Speicher, Kameras und Bildschirme bieten Hersteller wie Qualcomm und Mediatek zu Billigpreisen an – diese müssen die Hersteller nur zusammenstecken lassen und mit dem offenen Betriebssystem Android verkitten. Auch ein Start-up kann das heutzutage.

Eine Innovation allein reicht aber wohl kaum, um im umkämpften Smartphone-Markt zu bestehen. „Mir gefällt die Idee, aber ich sehe nicht, wie daraus ein Geschäft werden kann“, sagt Carolina Milanesi, Analystin beim Marktforscher Kantar Worldpanel.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Denn Apple und Samsung investieren Milliarden von Euro in die Werbung, chinesische und indische Hersteller wiederum erreichen mit Billiggeräten für weniger als 100 Euro die Massen. Selbst Konzerne wie Sony und Nokia verdienen mit ihren Modellen derzeit kein Geld.

Das russische Start-up hat einen großen Nachteil: Es ist klein. „Yotaphone muss viele Geräte verkaufen, damit das Geschäft profitabel wird“, sagt Milanesi. Denn die Produktion sei teuer – zu den üblichen Kosten komme noch ein Aufpreis für das zweite Display hinzu. Um eine kritische Masse zu erreichen, müsse das Unternehmen einen Deal mit einem Mobilfunkanbieter erreichen, der das Telefon am besten mit einem Zuschuss vermarktet. Immerhin soll die russische Regierung darüber nachdenken, ihre Offiziellen mit Yotaphones auszurüsten. Es wäre ein Anfang.

Auch der zweite Bildschirm hilft nur bedingt, den Nachteil wettzumachen. Denn die anderen Hersteller tüfteln bereits daran, den Verbrauch zu senken. So hat das neue Galaxy S5 von Samsung einen „Ultra-Energiesparmodus“: Darin laufen nur einige ausgewählte Programme, während der Bildschirm in einen stromsparenden Schwarz-Weiß-Modus umschaltet. Und wer jederzeit eingehende Nachrichten und Anrufe im Blick haben will, kann sich auch eine Smartwatch umschnallen. „Das Zeitfenster für Yotaphone ist klein“, warnt Milanesi. Der intensive Wettbewerb ist eben ein Nachteil der Globalisierung.

Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%