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Garmin Vivomove HR im Test Ein lieb gemeinter Murks-Hybrid

Von allem zu viel, überall das Gleiche: Garmins neuer Tracker Vivomove HR ist ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn Produktmanager sich bemühen, es sowohl Minimalästheten als auch Wearble-Nerds recht zu machen.

Ansonsten hat sich nicht so viel getan, schließlich greift der Tracker ja auf dieselbe Plattform zu wie alle anderen Garmin-Produkte auch. Dafür wird die Uhr via Connect App auf dem Handy synchronisiert, damit User ihre Statistiken genauer analysieren können. Über die Online-Trainingsplattform, bei der man sich zunächst ein kostenloses Benutzerkonto erstellt, erhält man motivierende Tipps. Und wer will, kann seine täglichen Erfolge mit einer Community teilen. Quelle: Carina Kontio

Na, konnten Sie Ihre Vorsätze schon realisieren? Auch Dauerhaft? Spätestens mit dem Beginn des neuen Jahres sind die fetten Tage vorbei und es ist traditionell die Zeit von guten Vorsätzen - allerdings überstehen viele davon noch nicht einmal den Januar. Deshalb gönnen sich viele Schweinehundgeplagte einen dieser total teuren und smarten Digital-Tracker - in der Hoffnung, dadurch motiviert zu werden und weiter am Ball zu bleiben. An diese Zielgruppe richtet sich Garmin mit seinem neuen Wearable Vivomove HR.

Smarter, digitaler, besser?

Der Schweizer Navigations-Experte hat dafür seinen 2016er-Tracker Vivomove (den wir hier ausführlich für Sie getestet haben) einem Digital-Tuning unterzogen und erweitert damit die erfolgreiche Vivo-Serie, die inzwischen aus mehr als acht unterschiedlichen Geräten besteht. Wie schon der Vorgänger erscheint auch das komplett überarbeitete Modell zunächst aufs Wesentliche reduziert und ähnelt optisch eher einer klassischen Analoguhr statt einem digitalen Fitness-Tracker.

In den Funktionen allerdings grenzt sich der Vivomove HR nicht mehr ganz so klar von anderen alleskönnenden Gadgets auf dem Markt ab, denn das Gerät ist technisch inzwischen an vorderster Front gut mit dabei. Kann diese Mischung aus vermeintlicher Schlichtheit und Motivation von hartnäckigen Couchpotatoes noch funktionieren? Wir haben den Test gemacht, verraten Ihnen, was der Tracker kann und ob und für wen sich die Investition lohnt.

Zu kaufen gibt es den neuen Vivomove, der je nach Design zwischen 200 und 300 Euro kostet, seit 2018. Im Test stand uns das Modell HR Sport in Schwarz mit Kunststoffarmband zur Verfügung.
Was ist alles neu? Unter dem Ziffernblatt wurde ein OLED-Touchdisplay verbaut, das sich durch das Uhrenglas hindurch bedienen lässt. Eingespart wurde auch der Bedienknopf am Uhrengehäuse. Stattdessen wird die Anzeige durch Berührung und Gestik aktiviert und eintreffende Benachrichtigungen werden automatisch angezeigt.

Ausgestattet mit einem Herzfrequenzsensor, kann der neue Fitness-Tracker nun auch den Puls seines Trägers messen und auf dieser Grundlage den VO2max-Wert und das persönliche Stresslevel berechnen. Außerdem ermittelt der Vivomove HR neben klassischen Funktionen, wie das Zählen von Schritten und Stockwerken, Schlafanalyse, Berechnung des Kalorienverbrauchs und mehr, jetzt zusätzlich noch das persönliche Fitness-Alter und zeichnet intensive Bewegungsminuten auf. Vorinstallierte Sport-Apps gibt es für Laufen, Fahrradfahren, sowie Kraft- und Wiederholungstraining. Es können aber auch weitere Sportarten manuell über die Garmin-Connect-App ergänzt werden - die Auswahl scheint nahezu unbegrenzt.

Ansonsten hat sich nicht so viel getan, schließlich greift der Tracker auf dieselbe Plattform zu, wie alle anderen Garmin-Produkte auch. Dafür wird die Uhr via Connect App auf dem Handy synchronisiert, damit User ihre Statistiken genauer analysieren können. Über die Online-Trainingsplattform erhält man motivierende Tipps. Und wer will, kann seine täglichen Erfolge mit einer Community teilen.

Herzfrequenz am Handgelenk

Die Werte, mit denen Garmin hier diesmal besonders punkten will, liegen im Innern des Vivomove HR. Dort also, wo die Herzfrequenz gemessen wird. Wie das funktioniert? Ein optischer Sensor wirft über drei LEDs (der finnische Konkurrent Polar nutzt bereits doppelt so viele LEDs, siehe Produkttest M430) Licht auf die Haut am Arm und misst dann die Lichtmenge, die reflektiert wird.

Daraus errechnet eine Software dann wiederum die Herzfrequenz pro Minute und macht damit einen Brustgurt, wie man ihn als Läufer sonst kennt, überflüssig (na ja, zumindest fast. Aber dazu später mehr). Außerdem werden faule Schreibtischtäter nach einer inaktiven Stunde an die nächste Bewegungseinheit zur Kaffeeküche oder ins Treppenhaus erinnert.

Auch den Schlaf kann der Vivomove HR in der Nacht analysieren. Schließlich ist ein gesunder Schlaf eine wichtige Trainingseinheit, denn während der Nachtruhe hat der Körper Zeit, sich an die körperlichen Herausforderungen des Trainings anzupassen. Schlafen Sie schlecht, trainieren Sie also auch schlecht. Ich muss allerdings zugeben, dass das Interesse an der Auswertung ziemlich schnell nachgelassen hat bei mir. Schlafmangel ist kein Thema, das mich groß umtreibt. Die Nächte weitgehend identisch. Hervorheben kann ich aber, dass die Uhr durch ihr geringes Gewicht und das weiche Silikonarmband überhaupt nicht stört im Bett (vorausgesetzt, Sie haben die Smart-Notifications deaktiviert...). Lobenswert ist auch die Akku-Laufzeit. Der Vivomove HR muss eigentlich nur einmal pro Woche an die Steckdose.


Manöver-Kritik

Kommen wir zur Manöver-Kritik der Herzfrequenz-Messung. Die Sache hat einen Haken. Die Technologie der Messung am Handgelenk hat in den letzten Jahren zwar große Fortschritte erzielt, kann jedoch noch nicht den Genauigkeitsstatus der Herzfrequenzmessung über einen Brustgurt erreichen. Es gibt also immer Abweichungen, die in der Regel bei mindestens fünf Prozent liegen von der am Brustkorb gemessenen Herzfrequenz. Und das betrifft Garmin gleichermaßen wie Polar oder Suunto oder TomTom und sämtliche andere Hersteller, die auf diese Technologie setzen.

Außerdem reagiert die optische Herzfrequenzmessung sensibel auf Bewegungen der Uhr. Deshalb ist es wichtig, dass die Uhr gut am Handgelenk anliegt und etwas höher am Arm getragen wird, als eine normale Uhr (was ich immer blöd fand und irgendwie nicht richtig). Die Messwerte variieren auch aufgrund der Durchblutung der Hautoberfläche des Trägers.

Am besten ist die Herzfrequenzmessung am Handgelenk deswegen für Aktivitäten geeignet, in denen die Uhr die Herzfrequenz konstant am Arm des Trägers ablesen kann, d. h. wenn der Blutfluss konstant ist und die Uhr kontinuierlich in Hautkontakt bleibt. Dazu gehören Laufen, Radfahren und Aktivitäten des täglichen Lebens (einschließlich des Messens der Herzfrequenz im Ruhezustand).

Trotzdem trainiere ich persönlich viel lieber mit einem Brustgurt, denn als Leistungssportlerin will ich immer möglichst genaue Messwerte haben und hier kommt die optische Messung bislang einfach nicht ran.

Fazit: Ein lieb gemeinter Murks-Hybrid

Garmins Vivomove HR ist ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn Produktmanager sich bemühen, es sowohl den Minimalästheten als auch den Wearble-Nerds Recht zu machen: ein lieb gemeinter Murks-Hybrid. Am Ende bleibt das Gefühl, dass sich die Schweizer bei der Überarbeitung selbst die Daseinsberechtigung für dieses Produkt genommen haben. Ich seziere das gerne kurz.

Punkt 1: Ein Tracker im Design einer Analoguhr? Was früher vielleicht noch als Abgrenzungsmerkmal galt (Withings - heute Nokia - hatte hier mal ganz früh die Nase vorne mit der Activité), hat inzwischen jeder Wearable-Hersteller im Programm, der etwas auf sich hält, denn auch die zahlungskräftige Premium-Klientel will mit edlem Schnickschnack umgarnt sein, der auch zum Business-Outfit passt. Hier liefert Garmin also leider nur nochmal mehr vom selben.

Punkt 2: Von allem zu viel! Beim Vorgänger Vivomove war für mich entscheidend, dass das Produkt auf die nötigsten Funktionen reduziert war: Schritte, Kalorien, Schlaf. Ende. Keine Beleuchtung, kein Datum, kein Wecker oder Wetter, keine Herzfrequenzmessung, kein GPS, keine eingehenden Anrufe oder SMS, die angezeigt werden und das Gerät brummen, vibrieren und blinken lassen und auch kein gestengesteuertes High-Tech-Touch-Display.

Ich bin davon überzeugt, dass der Vivomove HR durch das Digital-Tuning an einem Teil seiner Zielgruppe vorbeirauscht. An denjenigen Kunden nämlich, die schon ein bisschen in die Jahre gekommen sind und sich schwer tun mit der Steuerung über ein 2-Euro-kleines Uhrendisplay. Auch, weil die Augen vielleicht nicht mehr so richtig wollen. Meine Mutter ist so ein Fall. Die ist jetzt 62 Jahre alt und würde dieses Gerät nicht zum Laufen bringen (umgekehrt dann also leider auch nicht), während sie sich den schlichten Vorgänger, der 30 Euro günstiger ist, noch zu Weihnachten gewünscht hat.

Nun ist also auch Garmin der Versuchung erlegen, in einen einfachen Tracker für die breite Masse so viele Funktionen rein zu stecken, dass man am Ende einen zu hohen Preis für das zahlt, was man unterm Strich eigentlich haben wollte: einen schönen und unkomplizierten Schrittzähler und Fitness-Tracker, der im Alltag ein bisschen motiviert und zu mehr Bewegung anschubst.

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