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Glühbirnen Keine Panik: Europa vor dem Glühlampen-Verbot

Das Ende der klassischen Glühbirne ist da. Lampendesigner haben sich längst mit der neuen Technik arrangiert.

Die herkömmliche Glühbirne hat bald ausgedient Quelle: laif

Der Ärger von Daniel Klages verrauchte fast so wie ein Wolframdraht ohne schützendes Vakuum – ein kurzes orange-rotes Glimmen, dann steigen feine Rauchschwaden auf. Heute ist der Geschäftsführer des Düsseldorfer Geschäfts „Licht im Raum“ kaum noch aufgebracht über das Ende der Glühbirne, das sich die Brüsseler Bürokratie ersonnen hat und das Klages als „Meisterstück der Lobbyarbeit“ der führenden Hersteller von Leuchtmitteln bezeichnet. Aber Sentimentalität oder gar Burgdenken ist Klages’ Ding nicht: „Wir bunkern nicht eine Birne.“

Die Bevölkerung hamstert Glühbirnen

Das halten viele Deutsche seit einigen Monaten anders. Landauf landab decken sich Privatleute mit klassischen Glühbirnen ein. Denn 100-Watt-Birnen und alle mit mattem Glas dürfen ab 1. September in Deutschland nicht mehr länger vom Handel verkauft werden.

Die Baumarktkette Obi meldet Zuwächse im zweistelligen Bereich im Vergleich zum Vorjahr und spricht von Hamsterkäufen. Lediglich die bestehenden Bestände können Geschäfte noch an Kunden abgeben. Ein Risiko gehen weder Händler noch Käufer dabei ein. „Glühbirnen gehen bei der Lagerung nicht kaputt“, sagt Klages. Er weist dennoch die Kunden in seinem Geschäft lieber auf die Alternativen hin, wenn sie für lieb gewonnene Lüster oder moderne Designerstücke die entsprechenden Leuchtmittel im großen Stil mitnehmen wollen.

Klassische Glühbirne

Neue Regeln Das Ende der Glühbirne ist nach dem Rauchverbot wohl das emotionalste Thema der deutschen Konsumenten. Zeitungsfeuilletons weinen dem vermeintlich einzig warmen Licht der Erfindung von Thomas Edison eine große Träne hinterher. Museumsdirektoren wie Andreas Blühm vom Kölner Wallraf-Richartz-Museum sorgen sich um den Verlust der Birne, da für die Beleuchtung von Kunstwerken natürliches Licht besonders wichtig sei.

Bei Straßenbefragungen der öffentlich-rechtlichen Radiosender kommt oft auf die Frage nach dem liebsten Beleuchtungsmittel schnell wie ein Lichtstrahl die Antwort: „Natürlich die Glühbirne.“ Mediziner warnen in der Boulevardpresse vor der Strahlung der als Energiesparlampen bezeichneten Kompaktleuchtstofflampen, die bei falscher Nutzung dank der UV-Strahlung Krankheiten wie Diabetes oder Osteoporose begünstigen könnten.

Anders als beim Rauchverbot geht beim Ende der Glühbirne allerdings kein Riss durch die deutsche Bevölkerung. Aller Ärger richtet sich gegen Brüssel. Der Lette Andris Piebalgs ist als Energiekommissar in der Europäischen Kommission dafür verantwortlich, dass die Bürger zwischen Brindisi und Bornholm künftig Energie sparen sollen. Und da sie über die Jahre nicht freiwillig zu energiesparenden Lampen griffen, sollen sie nun gezwungen werden – in- dem die lieb gewonnene klassische Glühbirne aussortiert wird. Stufenweise werden die verschiedenen Modelle verboten sein, zunächst die alltäglichen Varianten, bis 2016 sämtliche klare Birnen, gleich, welche Wattzahl.

LED-Leuchte

Betroffen sind auch jüngere Mitglieder der Leuchtmittel-Familie, wie die Halogenlampen, deren Energieeffizienz den Sparplänen Brüssels nicht genug ist. Eingeteilt werden Leuchtmittel in Energieklassen von A bis E. Die mit den schlechten Energieklassen D und E werden aus den Regalen genommen, das Schicksal handelsüblicher Halogenstrahler oder Spotlampen ist noch nicht besiegelt. Die einzigen überlebenden klassischen Glühbirnen werden Spezialbirnchen für Fahrradrücklichter, Backöfen, Nähmaschinen oder Kühlschränke sein, weil für sie kein Ersatz zur Verfügung steht.

Es fehlt die natürliche Wärme

Neues Licht In großen Kronleuchtern, filigranen Hängelampen oder dezenten Wandleuchten könnte es künftig kühler scheinen. Denn geht es nach Energiekommissar Piebalgs sollten alle Europäer künftig auf die landläufig als Energiesparlampen bezeichneten Modelle setzen. Offiziell heißen diese Kompaktleuchtstoffröhren. Ihre Energieausbeute ist der klassischen Glühbirne gegenüber weit überlegen. Was ihr jedoch vor allem in den Anfängen fehlte, war die natürliche Wärme, die das Licht der Glühbirne mitbrachte. „Das Licht ist für uns keine Alternative“, sagt Pressesprecherin Claude Maurer vom Lampenhersteller Ingo Maurer.

Der Frust über das kalte Licht der Kompaktleuchtstoffröhren wird auch nicht dadurch gemindert, dass inzwischen Modelle erhältlich sind, die wärmeres Licht abstrahlen. „Wenn man in die bekannte Bauhauslampe Wagenfeld WG 24 eine Energiesparlampe hineinschraubt, ist sie zwar durch einen Glasschirm verdeckt, aber es ergeben sich schreckliche Schatten, und die Leuchte verliert ihre wertige Aussagekraft“, sagt Michael Gärtner, Vorstandschef des Zentralverbandes Europäischer Designkultur.

Lampendesigner Tobias Grau bleibt gelassen: „Wir arbeiten inzwischen auch mit LED-Spots, die der Sache schon sehr nahekommen“, sagt Grau. Grundsätzlich verstehe zwar auch er das Verbot für Privatleute nicht. Viel wichtiger sei eine gute Planung für Büros, die sehr wohl gut ohne Glühbirnen auskämen und neben Kosten auch ein besseres Raumklima bedeuten könnte: „Die neuen Leuchtmittel produzieren eben auch weniger Wärme.“

Die Sehnsucht nach warmem Licht ist bei den Deutschen besonders ausgeprägt. In südlichen Ländern gehören kalte Leuchtstoffröhren in Küchen zum Alltag. Daniel Klages hat eine Ahnung, warum das so ist: „In südlichen Ländern sehen die Menschen viel mehr Sonne, hier müssen wir die fehlende Sonne in der Wohnung kompensieren.“ Den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen in Ländern mit anderer Dauer der Sonneneinstrahlung tragen die Lampenhersteller Rechnung. „Wir haben spezielle Lösungen für den deutschen Markt“, sagt Anja Franke-Runtemund vom italienischen Hersteller Artemide.

Hochvolt-Halogenlampe

Im Programm von Artemide, die namhafte Designer wie Ross Lovegrove oder Karim Rashid für Entwürfe engagierten, sind kaum noch Lampen zu finden, die nicht für die neuen Leuchtmittel geeignet seien. Lediglich das Modell Calias benötigt eine spezielle Birne, welche die Besitzer einlagern sollten, wollen sie die Lampe auf Jahre noch weiter nutzen. Ansonsten setzt Artemide wie Grau auf die handelsüblichen Halogenstrahler. Der Hersteller Flos ließ den Designer Antonio Citterio seinen Büroleuchtenklassiker Kelvin so umbauen, dass er künftig mit 30 LED die Akten erhellt.

Claude Maurer ist dennoch verunsichert, „was bleibt“, denn ab 2016 sollen auch diese Halogenleuchten vom europäischen Markt verschwinden. „Und das Farbspektrum der Kompaktleuchtstoffröhre ist noch begrenzt."

Hoffnung legt Maurer ebenso wie Tobias Grau deswegen auf die LED, die im Autobau schon die Beleuchtung der aktuellen Wagen verändert hat und den Autodesignern die Möglichkeit für allerlei Spielereien lassen.

Neue Möglichkeiten der Lichtgestaltung

Und da stehen die Designer der immobilen Lampen erst am Anfang. Was kommt, ist offen. Designer Grau sieht sich deswegen gerade in einer spannenden Phase: „Die Hersteller von Leuchtmitteln kommen immer früher auf uns zu.“ Grau schwärmt von Bauformen und Lichtinszenierungen, die so früher nicht möglich gewesen wären, da die Leuchtmittel zum Beispiel viel kleiner seien. „Es ist sensationell, was wir für neue Leuchtmittel bekommen.“

Im September kommt sein neuestes Modell „Falling Water“ auf den Markt. Es sieht aus wie in Metall gegossene Wassertropfen. In jedem der neun Tropfen stecken LEDs mit 16 Watt, die laut Grau ein brillantes Licht mit hervorragender Farbwiedergabe garantieren.

Ob sich in allen Haushalten die Begeisterung so schnell einstellt, ist – auch angesichts der Preise für die High-Tech-Leuchtmittel – ungewiss. Die Energieberater der Verbraucherzentralen melden jedoch bislang keine erhöhte Anzahl von Anrufen. „Die Menschen haben das trotz der vielen Berichte wohl noch nicht so mitbekommen“, sagt Hans-Joachim Döll von der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt. Auch seine Kollegin Inse Ewen in Bremen weiß nichts von beunruhigten Bürgern.

Die Verbraucherzentralen in Deutschland raten einheitlich zu den neuen Kompaktleuchtstoffröhren. „Die Energieeinsparung ist dabei das entscheidende Kriterium“, sagt Ewen, wenngleich die Wahl der richtigen Birne schwierig sei. „Der Markt ist sehr undurchsichtig.“ Statt einfach eine Glühbirne zu kaufen, sollte sich der Kunde tief in die Ergebnisse von Stiftung Warentest oder Ökotest vertiefen, um für die verschiedenen Anwendungen das passende Leuchtmittel zu wählen. Gingen Birnen früher einfach irgendwann kaputt, ist heute die zu erwartende Brenndauer ein Qualitätsmerkmal.

Kompaktleuchtstofflampe

Allerdings sei die Einsparung vergleichsweise gering. Die größten Energieverschwender seien in den Haushalten ganz andere Geräte: „Oft würde es mehr helfen, einfach mal die Kühlschrankdichtung zu erneuern.“ Deswegen rät Ewen auch bei der Energieberatung dazu, zunächst einmal mit Stromzählern zu messen, welche Verbraucher den meisten Strom schlucken, bevor im Sparwahn funktionierende Glühbirnen durch weniger Energie verbrauchende Modelle ersetzt werden.

Dass nicht alle Modelle gleich lange halten und der Preis weder etwas über die Qualität des Lichts noch über die Haltbarkeit aussagt, verschweigen Ewen und ihre Kollegen nicht. Auch nicht, dass jede Kompaktleuchtstoffröhre etwa drei Milligramm Quecksilber enthält, die austreten, sollte sie zerbrechen. Fenster aufreißen und lüften, heißt es dann – die Dämpfe sind giftig. Und ist die Birne erstmal ausgebrannt, gehört sie wegen der eingebauten Elektronik in den Sondermüll – was viele Käufer entweder nicht wissen oder ignorieren.

Die Umgewöhnung wird etwas dauern

Kunden werden sich dennoch umgewöhnen müssen, denn einige lieb gewonnene Eigenschaften der Glühbirne werden verloren gehen. Das fängt damit an, dass laut Stiftung Warentest einige Kompaktleuchtstofflampen erst mit kleiner Verzögerung angehen und ihre volle Leuchtkraft teils erst nach einigen Minuten erreichen und bei häufigem An- und Ausschalten schneller kaputt gehen.

Wer also in einer Kammer häufig am Tag für wenige Sekunden Licht benötigt, spart zwar Strom, hat aber auch weniger Licht. Und die Lebensdauer der Kompaktleuchtstofflampe ist eine Sache – wie lange sie hell leuchtet eine andere. Bei einigen Modellen stellten die Tester fest, dass die Leuchtkraft schon nach gut 1.300 Stunden um 20 Prozent nachgelassen hatte.

Neue Quellen Für wenige Lampenklassiker bedeutet das Birnen-Verbot dennoch das Ende. Das Leuchtmittel Linestra ist eine lange Röhre, die ihren Sockel in der Mitte trägt und trotz ihrer Anmutung einer Leuchtstoffröhre eine klassische Glühbirne ist. Sie wird es nicht mehr geben, da ihr Glas matt ist. Hersteller von Leuchten, die mit dem Licht der halb verspiegelten Glühbirnen arbeiten, suchen noch nach vernünftigen Alternativen. Und einige Lampen kommen mit unter die Räder auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht von dem Verbot betroffen sind. „Die Hersteller nutzen die Gelegenheit und bereinigen ihre Portfolios“, sagt Klages von Licht im Raum. Das sei schon öfter so gewesen, und einige Leuchten seien dann irgendwann unbrauchbar.

Aufruf zum zivilen Ungehorsam

Designer Ingo Maurer kämpft mit offenen Briefen weiter für die Glühbirne, preist ihren kulturellen Wert und das natürliche Licht. Er ruft zum zivilen Ungehorsam und dem Aufbau von Lagern auf. Denn verstanden hat er noch immer nicht, wieso etwa Oldtimer keinem Verbot von Ersatzteilen unterliegen und jeder Abgasprüfung entgehen, aber die Glühbirne gehen soll. Schließlich, so schreibt er, sei sie nicht so schlecht, wie sie derzeit gemacht wird: „Auch Kerzen dürfen wir noch kaufen und anzünden, obwohl ihre Energieeffizienz bekanntermaßen sehr schlecht ist.“

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