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Als Tragetasche oder Müllbeutel Biokunststoff-Tüten: Sinnvolle Alternative oder Greenwashing?

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Probleme bei Kompostierwerken

Zwei Hauptprobleme entstehen in den Anlagen durch die Biotüten. Das erste Problem ist, dass die wenigsten Anlagen drei Monate lang kompostieren, wie in der Norm vorausgesetzt. "Üblich sind vier bis sechs Wochen", sagt Michael Schneider, Geschäftsführer des Verbands der Humus- und Erdenwirtschaft (VHE). Die Sprecher des Tütenherstellers Victor Group argumentieren indessen, dass auch vier bis sechs Wochen Kompostierungszeit in 95 Prozent der Anlagen in Deutschland ausreichen würden, um die Beutel störungsfrei zu verarbeiten.

Aus den Kompostierungswerken kommt Widerspruch: Die Zeit reiche eben nicht aus, um die Biokunststoffe vollständig zu zersetzen. "Wir haben Vorgaben für die Kompostqualität, beispielsweise, wie hoch der Fremdstoffanteil sein darf", erklärt Florian Schanz, Vertriebsleiter bei KDM, dem Betreiber des Düsseldorfer Kompostierwerks. "Wenn Plastikreste darin sind, können wir die Qualitätskriterien nicht einhalten. Dann bekäme der Betrieb große Absatzprobleme." Der zweite Knackpunkt ist, dass eine kompostierbare Tüte auf dem Sortierband einer herkömmlichen Tüte zum Verwechseln ähnlich sieht. "Die Mitarbeiter sortieren das händisch", erklärt Schanz. "Das muss sehr schnell gehen. Wenn dann eine halb verrottete und verschmutzte Plastiktüte vorbeikommt, kann man das nicht unterscheiden."

Deshalb werden beide Tütensorten aus dem für den Kompost vorgesehenen Abfall aussortiert und landen schließlich in der Müllverbrennungsanlage. Eine Vorgehensweise, die sogar das UBA noch für die sinnvollste Lösung hält. Denn selbst vollständig kompostiert würden die biologisch abbaubaren Tüten nichts zur Kompostqualität beitragen: "Kunststoffe aufwendig herzustellen, damit sie am Ende bei der Kompostierung zu Wasser und Kohlendioxid zersetzt werden, ist aus unserer Sicht kein Beitrag zur Ressourcenschonung und daher nicht zu befürworten", sagt Franziska Krüger. "Bei einer energetischen Verwertung kann immerhin der Heizwert des Kunststoffes genutzt werden." Auch bei der Victor Group beurteilt man das so: "Für die Gewinnung von Kompost haben diese Taschen und Beutel tatsächlich nur eingeschränkten Nutzen".

Die am wenigsten schlechte Alternative?

Hans-Josef Endres vom unabhängigen Institut für Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe (IfBB) der Hochschule Hannover sieht das Thema pragmatisch. Er hält die Diskussion um die Tüten für zu negativ und fragt, was die Alternative sei: "Einfach so weitermachen wie bisher und limitierte Ressourcen ‚verballern‘?" Die Bio-Tüten schnitten zwar in einigen Umweltaspekten wie etwa der Landnutzung schlechter ab als andere, bei den Treibhauseffekten aber eben besser. Man müsse abwägen, welche Aspekte am wichtigsten sind. Biobasierte und abbaubare Tüten schienen da die am wenigsten schädliche Alternative. Eine Möglichkeit, das Problem zu lösen, läge darin, nur noch kompostierbare Abfallbeutel zuzulassen, meint er. "Das geht aber nur vorwärts, wenn auch der Gesetzgeber unterstützend eingreift und nicht jede einzelne Kommune eine eigene Regelung treffen kann." Das ist nämlich aktuell der Fall.

Trotz der komplizierten Gemengelage: Es ist Bewegung in der Sache. Die Werke kooperieren mit Herstellern und der Politik. Beispielsweise wollen sie zusammen ein einheitliches und eindeutiges Layout der Biotüten entwickeln, um das Aussortieren am Fließband doch noch möglich zu machen. Bis zur Entwicklung von ökologisch vollständig unbedenklichen Kunststofftüten ist es aber noch ein weiter Weg.

Bedeutet das, dass die aktuell erhältlichen Biokunststofftüten gar kein legitimes Einsatzgebiet haben? Nicht unbedingt. Denn auch, wenn die Tüten in ihrer bisherigen Form nicht kompostierbar und somit als Einkaufstragetaschen nicht ideal sind, können sie als Abfallbeutel allein durch ihre besondere Bezeichnung und ihr Aussehen die Verbraucher zur Mülltrennung ermutigen. Dieser Einschätzung schließen sich die Vertreter aller beteiligten Lager an. Und Praxistests der Victor Group haben bestätigt: Menschen, die Bioabfalltüten benutzen, achten eher darauf, kompostierbare Abfälle getrennt von den restlichen Küchenabfällen zu entsorgen. Michael Schneider vom Verband der Humus- und Erdenwirtschaft befürwortet dieses Verhalten: „Wenn wir die Tüten hier im Kompostierwerk dann aussortieren und verbrennen, ist das nicht so dramatisch. Die Bioabfälle, die so bei uns statt im Restmüll landen, machen das mehr als wett.“

Zum Einkaufen ist es aber immer noch am ökologischsten, eine Tasche aus festerem Material mitzunehmen, die man immer wieder verwenden kann. Die ist in der Anschaffung zwar etwas teurer, aber angesichts der neuen Tütengebühren rechnet sich so ein Dauerbeutel innerhalb kürzester Zeit.

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