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Energiewende Falsches Spiel um Mieterstrom

Mieter sollen nun auch von der Ökostromförderung profitieren, verheißt die Bundesregierung. Doch die meisten gehen leer aus – für viele wird es sogar teurer.

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Solarstromanlage vor blauem Himmel Quelle: dpa

230 Mietparteien in der Gemeinde Burg vor den Toren Magdeburgs leben die solare Zukunft bereits. Sie beziehen rund ein Drittel ihres Stroms emissionsfrei aus Fotovoltaik-Anlagen, die die örtlichen Stadtwerke auf zehn Mehrfamilienhäusern einer Wohnungsbaugenossenschaft installiert haben. Für jede Kilowattstunde (kWh) zahlen sie etwas weniger als den gegenwärtigen Grundversorgungstarif des Energieversorgers von knapp 30 Cent. Der Preis ist für 20 Jahre garantiert.

Ähnliche Projekte gibt es quer durch die Republik. Zumeist treiben sie Ökostromanbieter wie Lichtblick, Polarstern und Naturstrom oder Stadtwerke mit kommunalen Wohnungsbaugesellschaften voran. Doch der Bundesregierung sind es viel zu wenige.

Sie holt nun zum großen Schlag aus. Vor allem private Vermieter will sie dazu ermuntern, die Dächer ihrer Häuser mit Solaranlagen zu bestücken und den damit produzierten grünen Strom an die Mieter zu verkaufen. Um das Modell für die Vermieter attraktiv zu machen, können diese laut dem gerade vom Kabinett verabschiedeten Gesetzesentwurf bis zu 3,8 Cent je kWh extra erhalten – zusätzlich zu dem Preis, den sie mit dem Vermieter für jede Kilowattstunde vereinbaren.

Geradezu euphorisch verspricht Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD): „Mit der Förderung von Mieterstrom bringen wir die Energiewende in die Städte und beteiligen die Mieter an ihr.“ Auf bis zu 3,8 Millionen Wohnungen schätzt sie das Potenzial.

Doch profitieren Mieterhaushalte wirklich? Wird mit dem neuen Fördertopf tatsächlich die Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft, dass Mieter über die Umlage für Erneuerbare Energien (EEG), die sie mit ihrer Stromrechnung überweisen, Immobilienbesitzer subventionieren, die sich eine Solarstromanlage anschaffen?

Zweifel sind angebracht. Vor allem aus zwei Gründen.

Eigentliche Profiteure sind die Vermieter

Zum einen begrenzt die Regierung nach den gegenwärtigen Plänen den geförderten Ausbau auf jährlich 500 Megawatt. Das würde reichen, um rund 68.000 Haushalte anzuschließen. Ob ihnen der saubere Strom vom Dach außer einem reinen Gewissen auch finanzielle Einsparungen beschert, hängt vom guten Willen ihres Vermieters ab. Genauer davon, wie sehr er gewillt ist, einen Teil seiner Rendite aus der erhöhten Einspeisevergütung, die er kassiert, in Form eines günstigen Tarifs für den bezogenen Strom an die Mieter weiterzureichen. Die eigentlichen Profiteure sind dank der Zusatzförderung jedenfalls die Vermieter. Ihnen stellt die Regierung Renditen von "fünf bis sieben Prozent im Jahr" in Aussicht. Nicht schlecht in diesen zinsarmen Zeiten.

Auf der anderen Seite wird diese den Strompreis für Millionen Mieterhaushalte weiter in die Höhe treiben. Sie sind die Verlierer der Initiative. Denn sie bezahlen die privilegierten Mieterstrommodelle mit erhöhten Ökostromabgaben. In ihrem Gesetzesentwurf kalkuliert das Wirtschaftsministeriums mit weniger als 0,1 Cent je kWh. Garantiert ist das nicht.

Dabei wäre dringend Entlastung angesagt. Im europäischen Vergleich zahlen deutsche Stromkunden heute schon mit die höchsten Preise. Die Stromrechnung einer Durchschnittsfamilie mit einem jährlichen Stromverbrauch von 4000 Kilowattstunden verteuerte sich nach einer aktuellen Auswertung des Vergleichsportals TopTarif  seit 2006 um 42 Prozent. Sie stieg von 771 auf jährlich knapp 1100 Euro. Um sie zu bezahlen muss ein deutscher Arbeitnehmer heute durchschnittlich sieben Stunden mehr arbeiten als zehn Jahre zuvor.

So weit sind andere Länder mit der Energiewende
Windrad Quelle: dpa
Eiffelturm in Paris Quelle: dpa
Brüssel Quelle: dpa
Bern Quelle: REUTERS
Prager Burg Quelle: dpa
Bratislava Quelle: dpa
Istanbul Quelle: Fotolia

Bei Lichte betrachtet dürfte die Mieterstrom-Initiative der Regierung so kurz vor der nächsten Bundestagswahl daher vor allem der Sehnsucht vieler Bundesbürger geschuldet sein, etwas Gutes für die Umwelt zu tun. Die Bereitschaft, Mieterstrom zu beziehen, ist laut einer jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag des Hamburger Energieunternehmens Lichtblick jedenfalls groß: Zwei Drittel aller Mieter können sich das grundsätzlich vorstellen. Gero Lücking, Geschäftsführer Energiewirtschaft bei den Hanseaten, sieht schon ein großes Geschäft auf die Solarindustrie zurollen. „Um das avisierte Potenzial von 3,8 Millionen Wohnungen auszuschöpfen, müssen rund 370.000 Solaranlagen installiert werden“.

Wie aber könnte ein Modell aussehen, von dem nicht nur Industrie und Vermieter profitieren, sondern auch die Mieter? In Burg bei Magdeburg glauben sie, einen Ansatz gefunden zu haben. Dort konnten sich die Mieter auch an der Finanzierung der Fotovoltaik-Anlagen beteiligen. Das hat den Vorteil, dass sie entsprechend ihrer Beteiligung nun auch an den Einnahmen aus dem Stromverkauf beteiligt sind. So erzielen sie ebenfalls eine Rendite – genaue Höhe derzeit noch unbekannt.

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