Fledermaus contra Windkraft Versuch einer Kollisions-Entschärfung

Die Energiewende braucht Wald für die Windkraft. Dadurch gerät die Fledermaus stärker in Gefahr, zeigt eine Studie. Daraus wurden nun Empfehlungen für möglichst fledermausfreundliche Vorhaben abgeleitet.

Für Fledermäuse geht von den Windrädern eine besondere Gefahr aus. Quelle: dpa

Der Große Abendsegler braucht Raum. Er gehört zu den größten heimischen Fledermausarten. Mit seinen langen, schmalen Flügeln kann er über den Baumwipfeln locker 50 Stundenkilometer erreichen. Fledermäuse leben je nach Art recht unterschiedlich. Aber eines haben sie fast alle gemein: Wochenstube, Jagdgebiet, Winterquartier - der Wald ist für die Tiere ein sehr wichtiger Lebensraum. Seitdem immer häufiger auch im Wald Windenergie-Anlagen gebaut werden, leben Fledermäuse zunehmend gefährlich.

Nach Schätzungen des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin kommen jährlich rund 250 000 Fledermäuse an Windkraftanlagen in Deutschland um - obwohl alle 25 hier lebenden Fledermausarten streng geschützt sind. Experten rechnen damit, dass die Zahl der Todesopfer durch den Ausbau der Windkraft auch im Wald weiter steigen wird.

Wie kann das Risiko vermindert werden? Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) untersuchte in einer Studie, wie Fledermäuse den Wald als Lebensraum nutzen und entwickelte daraus Leit-Empfehlungen zur Erstellung von Fledermaus-Gutachten und Empfehlungen zum Schutz der Tiere. Je nach Art geht es um das zeitweise Abschalten von Anlagen, die Berücksichtigung von Abständen zwischen Rotoren und Kronendach des Waldes und um den Schutz alter Waldbestände.

Tiere, die wie der Abendsegler bei der Jagd über den Baumwipfeln unterwegs sind, konzentrieren ihr Ultraschallsystem voll und ganz auf die Insektenbeute. „Die Tiere nehmen die Gefahr nicht wahr“, sagt Sandra Balzer, Artenschutzexpertin beim BfN. Sie würden von den Rotorblättern erschlagen oder ihre inneren Organe platzten durch den raschen, starken Luftdruckwechsel.

Da sich die Verhaltensweisen je nach Art sehr unterscheiden können, betrachteten die Forscher in Fallbeispielen einige Arten besonders: Mopsfledermaus, Zwergfledermaus und den Kleinen Abendsegler. Sie werteten die Aufzeichnung von Tönen an über 100 Standorten in Bodennähe aus und sie zeichneten an sechs Standorten Töne in Höhen von bis zu 50 Metern auf. Dazu montierten sie Mikrofone an Masten. An den Rufen ließen sich Art und Häufigkeit der Fledermäuse dort ableiten. Mit kleinen Sendern, die sie einigen Tieren auf den Rücken montierten, konnten die Forscher außerdem feststellen, wo die Tiere jagen und wo ihre Quartiere sind.

Beim großen spätsommerlichen Treffen der Zwergfledermäuse in ihren Schwarmquartieren zum Beispiel nimmt der Flugverkehr demnach erheblich zu. „In einem solchen Fall müsste man gründlich prüfen, ob der Standort geeignet ist“, sagte Ruth Petermann, Fledermaus-Expertin beim BfN. Gegebenenfalls müsse man Windkraftanlagen deutlich häufiger als in anderen Fällen zeitweise abschalten. Bisher gibt es nach Einschätzung des IZW nur für einen kleinen Teil der Windkraftanlagen Naturschutz-Auflagen. Außerdem sind die Kriterien für die Genehmigungen in den Bundesländern nach Angaben des BfN sehr unterschiedlich und viele Fledermaus-Gutachten ungenügend.

Problematisch ist aber nicht nur der Tod von Tieren an den Rotoren. Für jede Anlage wird der Studie zufolge etwa ein Hektar Wald und damit Lebensraum etwa der stark gefährdeten Mopsfledermaus vernichtet - auch alte Wälder mit Totholz sind betroffen. In alten Waldbeständen, naturnahen Wäldern und Schutzgebieten sollten gar keine Windräder aufgestellt werden, empfiehlt das Bundesamt.

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