Kamel-Boom in Nordkenia Kuriose Folgen des Klimawandels

Immer mehr traditionelle Rinderzüchter steigen in Kenia auf die Haltung von Kamelen um. Die Tiere benötigen weniger Wasser, und ihre Milch ist nahrhafter. Nebenbei könnten so Stammeskonflikte abgebaut werden.

Die Menschen in Kenia verdienen mit Kamelmilch mehr als mit Kuhmilch. Quelle: dpa

Ein bisschen seltsam findet Peter Ekua es schon, dass er jetzt auf einen Haufen blökender Kamele achtgeben soll. Verlegen fuchtelt der 32-Jährige vom Stamm der Samburu mit seinem deutschen G3-Sturmgewehr in der Luft herum. Der Boden hier im Norden Kenias ist staubtrocken, Ekuas Kamelherde von 18 Tieren bleibt als Nahrung oft nur stachelige Akazien. Rinder waren in der Region bislang der ganze Stolz und Reichtum seiner Familie. Doch der Klimawandel und die damit verbundenen Dürreperioden verdrängen langsam die Kühe - das Geschäft mit den Kamelen hingegen boomt.

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Ekua trägt sein Gewehr immer bei sich, um sich vor Feinden zu schützen. Gewalt ist alltäglich hier im Norden Kenias. Waffen gibt es im ganzen Land zuhauf. Sie kommen aus den Krisengebieten der Nachbarländer, etwa aus dem Südsudan oder aus Somalia. Seit Menschengedenken führen Rinderzüchter aus Kenias unwirtlichem Norden bittere und blutige Fehden um ihre Kühe. Und wenn es wie derzeit eine schlimme Dürre gibt, dann eskaliert die Situation.

Immer wieder kommen bewaffnete Angreifer nach Isiolo rund 200 Kilometer nördlich der Hauptstadt Nairobi, um Rinder zu rauben. Erst im April hatte es deshalb eine heftige Schießerei in der Nähe gegeben, hundert Rinder wurden gestohlen, zehn Menschen getötet. „Aber wer stiehlt schon ein Kamel?“ fragt sich Ekua. „Die Kämpfer der Nachbarstämme lachen uns höchstens aus, wenn sie uns sehen.“

Der Konflikt wird von der Welt kaum bemerkt - es sei denn es trifft die überwiegend weißen Farmer, die zum Beispiel im nahen Bezirk Laikipia luxuriöse Touristencamps unterhalten. Etliche der Anwesen wurden von Samburu-, Pokot- oder Massaikriegern niedergebrannt. Im März starb der ehemalige Tour-Guide und britische Armee-Veteran Tristan Voorspuy im Kugelhagel. Ende April wurde auch die berühmte Naturschützerin und Autorin Kuki Gallmann auf ihrem Anwesen angeschossen. Gallmans Autobiografie „Ich träumte von Afrika“ war im Jahr 2000 mit Kim Basinger in der Hauptrolle verfilmt worden.

Seit in Folge des Klimawandels Wasser und Weideland in Ostafrika knapp werden, ändern manche einheimischen Stämme der Rinder- und Ziegenzüchter langsam ihre Gewohnheiten. Die Stämme, die auf die Haltung von Kamelen setzen, haben derzeit ihren Frieden, denn Kamele benötigen kaum Wasser. Immer häufiger lassen sich daher jetzt die Holzglocken der Wüstenschiffe vernehmen, die im Umland von Isiolo durch die trockene Landschaft stapfen und sich an Sträuchern und dornigem Gestrüpp gütlich tun.

Der Klimawandel wirkt sich in Ostafrika unterschiedlich aus. Experten sind sich jedoch einig, dass vor allem bereits trockene Gebiete und Halbwüsten wahrscheinlich noch trockener werden. Damit wird das Überleben für Mensch und Vieh schwieriger. „Wegen steigender Temperaturen ist bei abnehmenden Niederschlägen mit einer massiven Verschlechterung der Anbaubedingungen zu rechnen“, erklärt der Schweizer Ökologe Andreas Fischlin. Die Produktivität werde abnehmen.

Das ist Wasser auf die Mühlen der Kamel-Propheten: „Die Menschen haben den Nutzen der Kamele erkannt“, sagt Davis Ikiror von der Schweizer Hilfsorganisation Tierärzte ohne Grenzen (VSF): „Immer mehr Stämme steigen um.“ Seit sechs Jahren versucht die Gruppe, die Verbreitung der Kamele in Kenia zu fördern. „Jetzt könnte uns der Durchbruch gelungen sein“, so Ikiror, der aus Nairobi die Verbreitung der Tiere koordiniert. Die Zahlen der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) bestätigen seine These: Lebten im Jahr 2000 rund 700 000 Kamele in Kenia, waren es im Jahr 2014 schon über 2,9 Millionen. Mittlerweile sind es über drei Millionen.

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