Öko-Bewegung Indiens Kampf gegen die Plastikflut

Umweltschutz: So kämpft Indien gegen die Flut aus Plastikmüll Quelle: dpa

Beim diesjährigen Weltumwelttag steht Indien im Blickpunkt. „Kampf der Plastikverschmutzung“ ist das Motto. Ein Schüler, ein Geschäftsmann und ein Müllsammler machen vor, wie es geht.

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert lebt Ram Nath unter einer Eisenbrücke am Ufer des Yamuna. Morgen für Morgen führt ihn der nur wenige Meter lange Arbeitsweg aus seiner Hütte ins schlammige Wasser des Flusses. Nath fischt allen Unrat, der sich noch irgendwie verwerten lässt, aus den trüben Fluten. Der Yamuna zählt zu den dreckigsten Gewässern Indiens, die Chancen auf reiche Beute sind groß.

„Das ist die einzige Arbeit, die wir haben“, sagt der drahtige 40-Jährige, während er einen Haufen aus alten Flaschen, Tüten und Elektroschrott durchsortiert. Mit Hunderten Kollegen teilt er sich das Müllsammelgeschäft an den Ufern des Yamuna in Neu Delhi. Zwei bis vier Dollar am Tag bringt ihnen dabei der Plastikmüll ein.

Und damit wird Nath, ohne es zu wissen, zum Teil einer kleinen Öko-Bewegung, die gegen die Plastikmüllflut in Indien ankämpft. Vorreiter sind unter anderem ein Neuntklässler, der Nobelrestaurants von Plastikstrohhalmen abbringt, und ein Geschäftsmann, der Einweggeschirr aus Palmenblättern fertigt.

Indien, an diesem Dienstag Schwerpunktland des UN-Umwelttages unter dem Motto „Kampf der Plastikverschmutzung“, kann alle Hilfe brauchen, die es kriegen kann. Allein in Neu Delhi und Umgebung hinterlassen die mehr als 15 Millionen Einwohner nach Angaben von Behörden und Umweltschützern schätzungsweise 17.000 Tonnen Müll – täglich, wohlgemerkt. Die Folge sind riesige Müllhalden, bis zu 50 Meter hohe Berge Unrats, stinkend und gefährlich. Im vergangenen Jahr kamen zwei Menschen ums Leben, als ein solcher Müllberg einstürzte.

Einen beträchtlichen Teil machen Wegwerfprodukte aus, die sich auch vermeiden ließen, Einweggeschirr etwa. Bis das auch nur teilweise verrottet, braucht es Jahrhunderte, wie Chitra Mukherjee beklagt, Chefin der Umweltgruppe Chintan. Sie sieht allerdings Fortschritte dank der Politik der regierenden Bharatiya-Janata-Partei: Sie mache Umweltverschmutzung zum Thema, und zwar in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Aktivisten.

Zwischen Vorgaben und Umsetzung klaffen jedoch riesige Lücken. Schon bei einem Bummel durch die Geschäfte in Neu Delhi sticht das ins Auge: Mehrmals wurden Verbote für dünne Plastiktüten erlassen, zuletzt unter Androhung einer Strafe von umgerechnet mehr als 60 Euro. Zu haben sind die Tüten weiterhin.

Doch dann gibt es Menschen wie Amardeep Bardhan, die nicht aufgeben. Sein Unternehmen Prakritii stellt kompostierbare Teller und Schalen her, und zwar aus Palmblättern, die ohnehin abgefallen sind und vom Boden gesammelt werden. Es dauere nur sieben bis zehn Tage, bis das Geschirr zerfällt, sagt der Öko-Unternehmer. „Während des gesamten Prozesses fügen wir der Umwelt keinen Schaden zu“, betont Bardhan. „Wir fertigen etwas aus Abfall, die Menschen lieben es, und dann kehrt es wieder als Abfall zurück.“

Zunächst lief das Geschäft vor allem dank der Nachfrage aus Europa und den USA. Inzwischen kommen aber auch die Inder auf den Geschmack umweltfreundlicher Produkte, wie Bardhan erklärt. Vor allem die jüngere Generation achte zunehmend eher auf die Qualität als den Preis.

Wie Aditya Mukarji. Der Schüler schaut nicht nur auf Umweltverträglichkeit beim Einkaufen, sondern macht auch andere mobil. Seit März drängt er gefragte Restaurants und Hotels in und um Neu Delhi, die allgegenwärtigen Plastikstrohhalme durch Papierröhrchen zu ersetzen. Anstoß für ihn war ein Video, auf dem eine Meeresschildkröte zu sehen war, in deren Nase ein Strohhalm aus Plastik feststeckte.
„Die Leute hören eher auf Kinder, wenn sie Umweltsorgen vortragen“, ist die positive Erfahrung des Jugendlichen. Seit Beginn seiner Kampagne wurden mehr als 500 000 Plastikstrohhalme eingespart.
Zum Weltumwelttag bekommt das Thema Plastikmüll mehr Aufmerksamkeit als sonst. Quer durch Indien standen Umwelttreffen ebenso auf dem Programm wie Säuberungsaktionen entlang des Yamuna. Viele Restaurants haben zugesagt, für den Tag auf Plastikgeschirr zu verzichten. Vielleicht machen zumindest einige davon auch noch am Mittwoch so weiter.

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