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Soja-Ersatz für Deutschland Gute Bohne, schlechte Bohne

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Den ehrgeizigen Plänen, die ganze Welt mit Lupinen zu beliefern, steht noch einiges im Weg. Etwa der Anbau: Henning Christ ist Landwirt und unterhält mit seinem Unternehmen M & F Rhinluch Agrar GmbH zwei Betriebe im Norden Brandenburgs. Auf seinen Feldern wächst die Blaue Süßlupine auf 100 Hektar, Sorte Boregine. Christ sagt: "Es ist anspruchsvoll, Lupinen anzubauen, weil es sehr viel zu beachten gibt, um eine gute Ernte zu erzielen." Seine erste Lupinen-Aussaat wurde zu einem Misserfolg.

"Die Anbaufläche muss gut gewählt sein, die Saattiefe und der Saatzeitpunkt ebenfalls", erklärt Christ. Ein großes Problem seien Unkraut und Schädlinge. "Es gibt nur wenige Pflanzenschutzmittel. Tiere wie der Blattrandkäfer greifen Blätter und Wurzeln an."

Viel Mühe und Arbeit hätte er sich sparen können, wenn er einfach weiter Winterroggen anbauen würde. Der wächst gut und es gibt viele Erfahrungswerte: Deutschland ist mit über 4,6 Millionen Tonnen der größte Roggenproduzent der Welt, so eine Statistik der Welternährungsorganisation vor zwei Jahren.

Hübsch und unkompliziert: der Roggen. Quelle: dpa

Trotzdem setzt Christ auf die Lupinen. "Ich habe das Gefühl, dass der Umschwung kommt. In der Branche wird diese Pflanze immer mehr ein Thema." Außerdem hofft er, dass seine Böden von der Hülsenfrucht profitieren. Denn Lupinen zeichnen – genau wie Ackerbohne und Futtererbse – als Leguminosen wertvolle Eigenschaften aus. Sie bilden Wurzelknöllchen, an denen sich Bakterien sammeln, die Stickstoff binden. "Die nachfolgende Pflanzenkultur profitiert von den Rückständen unheimlich", erklärt Manuela Specht von der UFOP. Das bedeutet weniger chemische Dünger – und mit ihrer bis zu eineinhalb Meter langen Pfahlwurzel lockert die Pflanze das Erdreich zusätzlich auf.

Roggen bleibt ertragreicher

Allerdings lassen sich davon längst nicht alle Bauern überzeugen, schließlich brauchen sie Abnehmer für ihre Lupinen. Ihr Geschäft muss sich wirtschaftlich rentieren. "Es gibt bislang zu wenig Pflanzenzuchtprogramme für Lupinen", sagt Specht. "Sie müssen höhere und stabile Erträge erbringen, um für Landwirte interessanter zu werden." Das ist der Knackpunkt. Denn die Blauen Süßlupinen stehen im Wettbewerb mit dem ertragreichen Roggen.

Wie viel Aufholbedarf Lupinen im Vergleich zu anderen eiweißhaltigen Pflanzen haben, zeigt der Ertrags-Vergleich: Während Raps dem Landwirt durchschnittlich 3,77 Tonnen pro Hektar einbringt, ist es bei der Blauen Süßlupine nicht einmal die Hälfte. Auch der Rohprotein- und Ölertrag sind deutlich geringer.

Zwar konkurrieren Lupinen nicht direkt mit Raps, trotzdem müssen ihre Eigenschaften verbessert werden, um sie auf dem Agrarmarkt besser zu positionieren. Auch bei Pflanzen gibt es einen harten Wettbewerb – den zu gewinnen, ist für Proteinpflanzen-Expertin Specht die Aufgabe der (ebenfalls in der UFOP organisierten) Pflanzenzüchter.

Züchter schauen sich mittlerweile auch in Deutschland Futterbohnen wie Soja oder Lupine immer genauer an. Quelle: dpa

Doch die finanzieren ihre Programme über den Saatgutabsatz – und der ist bei Lupinen gering. Mehr Anbau würde helfen – aber die Landwirte bauen ohne Abnehmer nicht an. Da fehle derzeit ein Markt, sagt Birgit Wilhelm vom WWF: "Die Lupinen in der Lebensmittelindustrie stecken noch in ihren Anfängen und die meisten großen Abnehmer in der Futtermittelindustrie sind auf Soja spezialisiert."

Der WWF hat in einer Studie errechnet, dass diese Spezialisierung gar nicht notwendig ist: Deutschland könnte seinen Soja-Bedarf für die Futtermittelproduktion um 65 Prozent senken, wenn man einheimische Pflanzen nutze. Immerhin vier Millionen Tonnen.

EU-Förderung als Anschub

Es braucht also für Züchter und Bauern Anreize von außen. Das hat auch die EU erkannt und fördert seit vergangenem Jahr den Anbau von Leguminosen. Mittlerweile zeigt das Programm auch erste Erfolge: "Der Anbau von Leguminosen steigt", sagt Wilhelm. Um wie viele Tonnen die Lupinenproduktion gesteigert werden kann, ist angesichts der eingeschränkten EU-Förderung und ihrer speziellen Standortvorlieben allerdings kaum absehbar.

Zudem stößt die EU-Agrarförderung auch auf Kritik. Denn die Maßnahmen beziehen sich auf Leguminose-Flächen als sogenannte ökologische Vorrangflächen. "Und das sind eigentlich Hecken, Nassflächen und Wegraine, die als natürlicher Lebensraum die biologische Artenvielfalt sichern", sagt Wilhelm. "Hier werden Leguminosen und Artenvielfalt gegeneinander ausgespielt, obwohl wir beides brauchen."

Am Ende ließe sich der Soja-Import auch nicht komplett ersetzen, sagt Specht. "Aber heimische Eiweißpflanzen können den Import zumindest zum Teil überflüssig machen." Immerhin: Die Endverbraucher sind neugierig auf die heimischen Bohnen, sagt Prolupin-Geschäftsführer Malte Stampe: "Immer mehr Menschen interessieren sich dafür, wo ihre Lebensmittel herkommen, wie gesund sie sind und was genau drin steckt", sagt er. "Regionalität wird zunehmend wichtiger."

Das Fraunhofer IVV führt die Forschungen deshalb ebenfalls fort. "Es geht uns jetzt darum, weitere Produkte, auch mit Lupinenfasern und aus Lupinenöl, zu entwickeln", sagt Michael Schott. Aber auch die Arbeiten an dem Rohstoff Lupinen selbst gehen weiter. Gerade bei der Weißen Lupine, der Verwandten der Blauen Süßlupine, besteht Forschungsbedarf. Sie würde gut auf Böden in Süddeutschland wachsen – wenn sie nicht so anfällig für die Pilzkrankheit Anthraknose wäre. Deshalb hat die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) ein Forschungsprojekt mit Versuchsanbauten gestartet. "In diesem Rahmen haben wir einen neuen Stamm getestet, der deutlich pilzresistenter ist", sagt Schott. Im kommenden Jahr könnte die Saat auf den Markt kommen.

Neben Lupinen sollen künftig auch Ackerbohnen und Futtererbsen auf dem Lebensmittelmarkt eine größere Rolle spielen. "Bei der Ackerbohne gibt es Forschungsvorhaben, wobei die Markteinführung noch nicht absehbar ist", sagt Specht. Bei der Erbse sieht das schon anders aus. Erbsenmehl, das zu Nudeln verarbeitet wird und Erbsenstärke als Binde- und Verdickungsmitteln in Suppen, Soßen und Backwaren sind bereits im Handel. Specht: "Da werden wir in den nächsten Jahren mit Sicherheit weitere Produkte erwarten können."
So bleibt die Lupine weiter die heimische Eiweiß-Hoffnungsträgerin auf unbestimmte Zeit. Vielleicht auch gemeinsam mit der Soja-Bohne: Auch hier gibt es bereits versuche, diese für einen Anbau in Deutschland zu nutzen. Kurzfristig kann aber nur der Verzicht auf Fleisch den Import senken: 80 Prozent des Sojas landen im Futtertrog.

*** Dieser Text ist im Rahmen des Journalisten-Stipendiums Nachhaltige Wirtschaft entstanden. Alle Informationen zum Stipendium erhalten Sie unter diesem Link.***

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