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Städte in Not Wie kommt die Ware aus dem Internet zum Kunden?

Hermes DHL Innenstadt

Der Online-Handel legt von Jahr zu Jahr zu, mehr Lieferverkehr in den Städten ist die unausweichliche Folge. Neue Konzepte sollen die Belastungen begrenzen. Doch vielleicht wird das Problem überschätzt.

Wer bringt künftig die Schuhe von Zalando, den Anzug von otto.de oder die Büchersendung von Amazon zum Kunden? Wird es eine fliegende Drohne sein, ein kleiner Zustell-Roboter auf Rädern oder ein autonom fahrendes Elektrofahrzeug? Oder doch weiterhin der Paketbote von UPS, DHL oder Hermes? An der innerstädtischen Logistik entzündet sich die Fantasie von Verkehrsplanern und Versandhändlern. Die „letzte Meile“ - der finale Schritt vom Logistikzentrum am Stadtrand zum Kunden - ist noch eine ungelöste Herausforderung.

Im Jahr 2025 werden rund fünf Milliarden Pakete jährlich in Deutschland verschickt, erwartet die Unternehmensberatung McKinsey. Das wären fast doppelt so viele wie heute. Die meisten davon gehen an private Haushalte. Bis dahin wird rund ein Fünftel aller Waren von den Verbrauchern im Internet bestellt und an die Haustür geliefert.

„In den deutschen Großstädten macht sich der Boom im Online-Handel besonders stark bemerkbar“, sagt Dirk Rahn, Geschäftsführer Operations von Hermes Deutschland. Die Branche erwartet, dass sich auch das Liefertempo steigert. Sofortlieferung und Lieferung am gleichen Tag würden an Bedeutung gewinnen, auch wenn die Kunden heute überwiegend noch nicht bereit sind, dafür zusätzlich zu zahlen.

Wie die Deutsche Post die Autobauer narrt
DHL StreetScooter Work XL Quelle: DHL
DHL StreetScooter Work XL Quelle: DHL
DHL StreetScooter Work XL Quelle: DHL
DHL StreetScooter Work XL Quelle: DHL
DHL StreetScooter Work XL Quelle: DHL
DHL StreetScooter Work XL Quelle: DHL

Allein wegen der schieren Menge an Paketen dürften futuristische Konzepte mit Drohnen und Robotern sich nicht durchsetzen, schätzt die Hamburger Unternehmensberatung MRU. „Den bislang präsentierten Geräten fehlt es in aller Regel an einer ausreichenden Transportkapazität und/oder Reichweite“, sagt Geschäftsführer Horst Manner-Romberg. Er rechnet damit, dass die Branche eher auf sogenannte Micro-Hubs oder auch Micro-Depots setzen wird. Das sind kleine, dezentrale Verteilzentren in den Stadtteilen und Quartieren.

Dafür gibt es eine Reihe von Modellen und Pilotversuchen. UPS hat schon vor Jahren ausprobiert, einen Container mit den Sendungen für ein Quartier morgens abzustellen und die Pakete über den Tag zu Fuß, mit Sackkarren und speziellen elektrischen Lastenrädern zuzustellen.

In einer französischen Stadt wurden ausrangierte Straßenbahnen genutzt, um Pakete von einem Lager am Stadtrand ins Zentrum zu schaffen. In Bremen werden Pakete in einem Bus-Anhänger zu einem zentralen Standort gebracht und dann per Lasten-Pedelec verteilt.

Welche Ideen taugen wirklich für die Paketzustellung?
KofferraumzustellungDer Kunde sitzt oben im Büro und muss arbeiten, der Paketbote legt das Paket deshalb einfach schon mal in den Kofferraum des Kundens in der Tiefgarage? Die Idee hört sich gut an, und wird von DHL und Amazon bei einigen Autotypen auch schon getestet. Aber ob sie Erfolg hat? Viele Verbraucher scheint die Idee eher abzuschrecken: In einer Umfrage der Unternehmensberatung PwC gaben 68 Prozent der Befragten an, dass sie "auf keinen Fall" eine solche Lösung nutzen wollen. Quelle: dpa
Wohnungsschlüssel für die PaketbotenWürden Sie ihrem Paketboten den Wohnungsschlüssel geben? Genau das plant nun Amazon in den USA. Dort hat der Onlinehändler sein Projekt "Amazon Key" vorgestellt. Der Zusteller öffnet mit einem Code per App die Wohnungstür - und kann das Paket dort hinterlassen. In Deutschland stößt diese Idee wohl eher auf unbehangen. Nach einer Umfrage des Dienstleisters Civey wollen sich mehr als 77 Prozent auf keinen Fall auf eine solche Lösung einlassen. Quelle: obs
Packstation3400 Packstationen hat DHL in Deutschland. Sie stehen am Supermarkt oder am Bahnhof, an Orten, an denen die Kunden unkompliziert und oft vorbeischauen. Klingt doch nach einer guten Idee, oder nicht? Mittlerweile ahmt auch Amazon die Schließfachsysteme nach, und Hermes, DPD und GLS arbeiten gemeinsam an einem offenen System, den Parcellock-Stationen. In der Praxis aber stoßen die Packstationen schnell an ihre Grenzen. Die Fächer sind oft blockiert, weil Kunden ihre Pakete erst vor Ende der Frist oder gar nicht abholen. Deshalb können dort längst nicht so viele Lieferung untergebracht werden, wie es Paketdienste und Kunden gerne hätten. Dafür ist die Packstation teuer im Betrieb. Quelle: dpa
DrohnenDHL hat einen Paketkopter, Amazon entwickelt eine Drohne, auch DPD und UPS testen fleißig. Medienaufmerksamkeit ist ihnen damit sicher. Doch werden uns bald tatsächlich Drohnen die Pakete bringen? Wohl kaum. Sie haben viele Nachteile: In der Innenstadt werden Drohnen zum Sicherheitsrisiko. Sie können immer nur ein Paket tragen, und es ist unklar, wer das Paket in Empfang nehmen kann. Und wenn der Empfänger nicht da ist, soll die Drohne dann auf ihn warten? Ein echter Vorteil ist die Drohne deshalb nur in schwer zugänglichem Gelände. Sie kann Lieferungen - vor allem im Notfall - schnell und unkompliziert auf Berge oder Inseln transportieren. Das Weihnachtsgeschäft aber ließe sich mit den surrenden Fluggeräten nicht anstatzweise bewältigen. Quelle: dpa
PaketboxDie Deutsche Post hat deshalb auch die Paketbox eingeführt. Diesen Paketkasten können sich Privatleute in ihren Vorgarten stellen. Doch dafür braucht es erstens einen Vorgarten und zweitens auch das nötige Budget. Ein Paketkasten kostet ab 200 Euro aufwärts. Und dann können ihn nur DHL-Boten nutzen. Pakete von Hermes oder DPD können dort nicht abgeladen werden. Die beiden Konkurrenten gründeten deshalb gemeinsam mit GLS das Unternehmen Parcellock, eine Art offenen Paketkasten. Quelle: dpa
LieferroboterDieser kleine Roboter von Starship fährt auf Straßen und Bürgersteigen, und über Kamera und Mikrofon können Passanten auch mit einem Mitarbeiter, der die Roboter von einer Zentrale aus steuert, sprechen. Hermes hat diese Roboter in Hamburg getestet. Doch der kleine Transporteur mit Kühlbox-Optik hat einige Nachteile: Sein Fassungsvolumen ist begrenzt, er kann keine Treppen steigen und ist bisher in den Tests von Hermes auch immer von einem Paket-Boten begleitet worden. Und was wäre, wenn der Empfänger gerade doch unpässlich ist, wenn der Roboter vor seiner Tür steht? Zu lange Wartezeiten wären ineffizient. Experten sprechen Starship daher wenig Potenzial aus, den Paketboten ihre Jobs wegzunehmen. Quelle: dpa
LieferroboterDer Postbot von DHL hingegen soll den Postboten gar nicht ersetzen, sondern unterstützen. Der Postbot ist größer als Starship und hat daher auch mehr Fassungsvolumen. Er folgt der Paketbotin "wie eine kleine Ente der Mama-Ente folgt", so drückte es kürzlich Post-Vorstandschef Frank Appel aus. Vorteil für die Paketboten: Sie müssen nicht mehr so viel Gewicht tragen, das nimmt der Postbot ihnen ab. Solange der Postbot schnell genug ist und auch mit unwegsamen Gelände gut klar kommt, ist das ein wahrer Vorteil für die Paketboten, von denen viele im Alter Gesundheitsprobleme haben. Quelle: AP

Amazon favorisiert Paketautomaten, wie auch DHL. In einem weiteren Schritt könnten diese Geräte mobil werden und autonom die Empfänger ansteuern. Eine weitere Lösung sind Paketkästen vor Privat- und Mietshäusern, die ähnlich wie Briefkästen funktionieren. Das Problem ist, dass sie neutral funktionieren müssen - also alle Paketdienste in die gleichen Automaten und Paketkästen einliefern dürfen.

Zudem gibt es den Flächenaspekt. Die britische Unternehmensberatung Cushman & Wakefield erwartet, dass der Bedarf an innerstädtischen Logistik-Flächen bis 2021 um 77 Prozent steigen wird. „Es ist äußerst schwierig, Flächen in der Innenstadt zu sichern, da die logistische Nutzung im Flächenwettbewerb mit höherwertigen Grundstücksnutzungen wie beispielsweise Wohnen steht und die Kommunalpolitik in Bezug auf Logistik restriktiv ist“, heißt es in einer Studie. „Zukünftig wird es für Online-Einzelhändler und Paketzusteller entscheidend sein, innerstädtische Logistikflächen zu nutzen, um die steigenden Erwartungen der Kunden befriedigen zu können.“

Doch vielleicht wird das Problem auch überschätzt. „Besonders in dicht besiedelten Ballungsräumen ist zwar eine beeindruckende Zahl an Lieferfahrzeugen im Einsatz“, sagt Manner-Romberg. „Im Vergleich zu weiteren relevanten Verkehrsströmen in einer Großstadt zeigt sich aber, dass beispielsweise durch Individualverkehr oder gewerbliche Lieferverkehre wesentlich höhere Frequenzen erzeugt werden.“

MRU hat das am Beispiel Hamburg einmal durchgerechnet. In der Hansestadt sind 770 000 private Pkw registriert, die täglich 1,7 Millionen Fahrten unternehmen. Dabei sind Pendler noch gar nicht berücksichtigt. Dagegen fallen die täglich 870 Lieferfahrten durch Paketdienste bisher kaum ins Gewicht.

Der gewerbliche Lieferverkehr ist viel bedeutender. Restaurants, Cafés und Bäckereien müssen ebenso versorgt werden wie Supermärkte, Apotheken, Zeitschriftenhändler und Floristen, teils mehrmals am Tag. Das bringt Hamburg jährlich fast fünf Millionen gewerbliche Fahrten.

Hilfe, mein Paket ist weg! Was tun?
Kann ich bestimmen, wo mein Paket landet?Zusteller dürfen Pakete nicht einfach so vor der Haustür abstellen - es sei denn, es liegt eine schriftliche Abstellerlaubnis vor, so die Zeitschrift „Test" der Stiftung Warentest. Mit dieser Erlaubnis muss der Empfänger die Annahme des Pakets nicht mehr per Unterschrift quittieren. Der Zusteller darf die Sendung stattdessen an einen vorher festgelegten Ort legen, beispielsweise in die Garage. Wird das Paket dann jedoch geklaut, haftet der Empfänger. Auch Transportschäden lassen sich in diesem Fall schwer reklamieren, da schlecht bewiesen werden kann, wer den Schaden verursacht hat. Wer sich dennoch für eine Abstellerlaubnis entscheidet, muss mit jedem Paketdienst einen separaten Ablagevertrag schließen. Quelle: dpa
Laut ihren Geschäftsbedingungen dürfen die Zusteller Pakete und Päckchen jedoch beim Nachbarn abgeben. Der Empfänger muss darüber mit einer "gut leserlichen" Karte informiert werden, schreibt "Test". Quelle: dpa
Eine andere Möglichkeit ist, sich die Sendungen an einen Wunschort zustellen zu lassen, beispielsweise an eine Packstation (DHL). Dort können Empfänger mit einer Kundenkarte plus Pin-Nummer rund um die Uhr ihre Bestellungen in Empfang nehmen. Sobald die Sendung in der Wunsch-Packstation bereit liegt, wird der Kunde per SMS oder eMail informiert. Quelle: Handelsblatt Online
DHL bietet neuerdings auch Paketkästen an, die Kunden etwa auf dem eigenen Grundstück aufstellen können. Hermes, DPD, UPS und GLS arbeiten nach eigenen Angaben gemeinsam an einer ähnlichen Paket-Box. Quelle: dpa
Gleichzeitig testet die Deutsche Post DHL den Einsatz von Drohnen zur Paketzustellung. Auch der US-Paketdienst UPS denkt nach eigenen Angaben über den Einsatz von solchen Fluggeräten nach, genauso wie der Online-Händler Amazon. Quelle: dpa
Was tun, wenn das Geschenk nicht bei mir ankommt?In der Regel sind Pakete bis zu einer Schadenshöhe von 500 bis 750 Euro versichert. Die Unternehmen haften bei Verlust bis zu diesem Wert. Bei Hermes sind auch Päckchen mit bis zu 50 Euro versichert. DHL versichert Päckchen nicht; wer versicherten Versand will, muss die Sendung als Paket verschicken lassen. Kommt nichts an, muss der Kunde den Verlust melden und einen Nachforschungsantrag stellen. Dafür nötig sind der Einlieferungsschein und eine genaue Beschreibung des Inhalts. Schadensersatz muss der Paketdienst demnach auch leisten, wenn es keinen Benachrichtigungsschein gibt und das Paket verschwunden ist. Die Stiftung Warentest rät aber, wertvolle Gegenstände und Bargeld ausschließlich per Wertversand zu verschicken. Quelle: dpa
Was tun, wenn das Paket beschädigt ist?Nachbarn sollten beschädigte Sendungen nicht annehmen, empfiehlt die Stiftung Warentest. Denn mit ihrer Unterschrift würden sie bestätigen, dass eine Lieferung in Ordnung ist. Der Empfänger selbst sollte ein ramponiertes Paket möglichst in Anwesenheit des Boten öffnen und Schäden sofort reklamieren. Ansonsten müssen Schäden binnen sieben Tagen beim Paketdienst gemeldet werden. Quelle: dpa

Noch einmal das Dreifache davon macht die Belieferung der mehr als 100 000 Unternehmen mit Vorprodukten oder Roh- und Hilfsstoffen aus. Manner-Rombergs Fazit: „Zumindest für die Stadt Hamburg lassen diese gewaltigen Verkehrsbewegungen die Schlussfolgerung zu, dass die Paketzustellung nur einen sehr kleinen Teil des Verkehrsaufkommens ausmacht.“ Allerdings hat seine Studie keinen neutralen Auftraggeber - bezahlt hat sie der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel.

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