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Streit um Öl Der „Krabbenkrieg“ vor Spitzbergen

Norwegen: Schneekrabben liegen in einer Kiste. Quelle: dpa

Fast wirkt es läppisch: Norwegen und die EU streiten über Fangrechte für die Schneekrabbe, eine seltene Delikatesse vom Meeresgrund. Doch in Wahrheit könnte es um anderes gehen: Das schwarze Gold darunter.

Sie ist knapp anderthalb Kilo schwer, hat lange dünne Beine - und ist heiß umstritten. Zwischen der EU und Norwegen hat sich ein Streit um die Schneekrabbe entzündet. Ihr weißes Fleisch - etwas süßer als das anderer Krabben - gilt als Delikatesse aus arktischen Gewässern. Norwegen will verhindern, dass EU-Schiffe sie vor der Küste Spitzbergens ohne Einverständnis fangen. Die Europäische Union wehrt sich. Eine Lappalie? Nein, denn nach Ansicht von Experten steckt hinter dem Krabben-Streit etwas viel Gravierenderes: ein Streit ums Öl.

„Die Schneekrabbe selbst ist natürlich wichtig, weil ihr Fleisch wertvoll ist“, sagt der norwegische Jurist Geir Ulfstein. „Doch sie sitzt auch auf dem Meeresgrund, auf dem Kontinentalsockel, wo wir möglicherweise Öl und Gas finden.“ Jede Entscheidung über Fangrechte für die Schneekrabbe könnte auch zur Entscheidung darüber werden, wer das Öl darunter beanspruchen kann.

Grundlage des Streits ist der Spitzbergen-Vertrag von 1920, der besagt, dass das arktische Archipel zwar unter norwegischer Hoheit steht, dort aber Bürger aller Vertragsstaaten gleiche Rechte auf Arbeit, Handel und Ressourcen haben. Die Frage ist nun, wie weit hinaus aufs Meer dieser Vertrag noch gilt.

„Unsere Position ist, dass die Vertragspartner ein Recht auf diskriminierungsfreien Zugang zur Schneekrabbe in den Wassern von Spitzbergen haben“, sagt der EU-Kommissar für Fischerei, Karmenu Vella. Die EU geht davon aus, dass Norwegen hier nicht mehr Fangrechte hat als andere Staaten.

Norwegen dagegen ist der Meinung, dass der Spitzbergen-Vertrag außerhalb der 200-Meilen-Zone und auf dem Kontinentalsockel nicht mehr greift. Die Schneekrabbe bewege sich außerdem nicht im Wasser, sondern nur auf dem Meeresgrund - deswegen könnte Norwegen allein den Fang erlauben. Fischereiminister Per Sandberg machte im vergangenen Jahr klar, man sei zu Absprachen mit der EU bereit, „aber dafür müssen wir natürlich etwas zurückbekommen“.

Die Norweger boten den europäischen Schiffen an, für eine Gegenleistung 500 Tonnen Schneekrabbe zu fangen - gerade einmal ein Achtel der 4000 Tonnen, die das norwegische Fischereiministerium für 2018 als Fangquote festgelegt hat. Die Krabben lassen sich gut verkaufen: Die im Jahr 2016 gefangenen rund 4500 Tonnen haben Schätzungen zufolge einen Wert von mehr als 20 Millionen Euro. Wissenschaftler des norwegischen Meeresforschungsinstituts gehen davon aus, dass der ökonomische Wert der Schneekrabben in der Barentssee bald den des Kabeljau übertreffen wird.

Statt auf den Deal der Norweger einzugehen, entschieden die EU-Fischereiminister deshalb bei einem Treffen im Dezember, dass 20 internationale Schiffe weiter Schneekrabbe vor Spitzbergen fangen dürfen. Die Fischer sollten aber gewarnt werden, dass sie Probleme bekommen könnten, sagte Vella im Januar bei einer Befragung im Europaparlament.

Tatsächlich hat Norwegen im vergangenen Jahr ein lettisches Schiff samt Crew festgenommen, das zwar eine EU-Lizenz hatte, nach Ansicht der Norweger aber trotzdem illegal Schneekrabben fischte. Die Betreiber der „Senator“ wurden gerade vor Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt. Norwegische Medien schrieben bereits von einem „Krabbenkrieg“.

Ulfstein, der norwegische Jurist, hält beide Interpretationen des Gesetzes für nachvollziehbar. Den Kontinentalsockel hätten die Vertragspartner 1920 nicht im Spitzbergen-Vertrag erwähnt. Es sei also wahrscheinlich an europäischen Gerichten zu entscheiden, wie der Vertrag ausgelegt werde. Derzeit sind die Verhandlungen auf politischer Ebene festgefahren. Der nächste Schritt sei der vor Gericht, meint Ulfstein.

Dass man über Fischfang durchaus heftig streiten kann, zeigt die Vergangenheit. Berüchtigt sind die sogenannten Kabeljaukriege, die in den 1970er Jahren zwischen Großbritannien und Island tobten. Island wollte seine Fischereigrenzen ausweiten, was zu teils rabiaten Zusammenstößen britischer Trawler mit isländischen Schiffen führte. Netze wurden durchgeschnitten, Boote gerammt. So handgreiflich muss es diesmal nicht werden. Bei der EU-Kommission heißt es zumindest, man sei bereit die Gespräche fortzuführen.

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