Sturmtief und Windkraft Wie „Sebastian“ das Stromnetz unter Druck gesetzt hat

Das Orkantief „Sebastian“ hat das Stromnetz mit Windstrom überflutet. An solchen Tagen zeigen sich die Grenzen eines Systems im Umbau von konventioneller zu erneuerbarer Energie. Vor allem fehlen Leitungen.

Das Orkantief „Sebastian“ Quelle: dpa

Abgeregelte Windparks, hohe Stromexporte und Doppelschichten in den Stromnetzzentralen: Das Orkantief „Sebastian“ hat das deutsche Netz mit Windstrom überflutet und die Netzbetreiber unter Druck gesetzt. Am Mittwoch in der Zeit zwischen 11 und 12 Uhr speisten die Windparks vor allem in Nord- und Ostdeutschland sowie in der Nordsee insgesamt über 37.800 Megawattstunden Strom in die Netze ein – mehr als die Hälfte des gesamten Verbrauchs und knapp an einem neuen Rekord vorbei.

Solche Tage zeigen die Grenzen eines Stromnetzes im Umbau auf: Die umweltfreundliche Stromproduktion aus Wind und Sonne schwankt stark mit Wetter und Tageszeit, lässt sich aber bisher schlecht speichern. Deshalb werden Gas und Kohle vorerst weiter gebraucht. Deutschland produziert also parallel mit zwei Systemen – und damit am Mittwoch deutlich mehr als eigentlich gebraucht wurde. Zudem fällt der Windstrom überwiegend im Norden an, hohe Nachfrage herrscht dagegen im Süden – dazwischen fehlen weiter Leitungen.

Wie viel Strom wurde am Mittwoch über den Bedarf hinaus produziert?

Um 12.00 Uhr mittags waren es gut 5500 Megawatt zu viel – bei knapp 72.000 Megawatt Verbrauch. Das Überangebot setzte auch die Stromhändler unter Druck. Die Preise stürzten von normalerweise um die 30 Euro pro Megawattstunde auf nicht mehr kostendeckende knapp 11 Euro ab. Zugleich exportierte Deutschland kräftig Strom in die Nachbarländer wie Österreich, Dänemark, Frankreich und die Schweiz.

Was tun die Stromnetzverantwortlichen an solchen Tagen?

Sie müssen vor allem dafür sorgen, dass das Leitungsnetz dem Druck standhält. Dafür weisen sie konventionelle Kraftwerke im Norden an, vom Netz zu gehen. Gleichzeitig werden in Reserve gehaltene Kraftwerke im Süden Deutschlands hochgefahren, um dort die Versorgung zu sichern. Und wenn das nicht reicht, müssen Windkraftanlagen zur Sicherung der Netze gedrosselt oder ganz abgeschaltet werden – was am Mittwoch nach Angaben der Netzbetreiber Tennet und 50Hertz auch passierte.

Wer bezahlt das?

Die Kosten für solche Noteingriffe tragen die Verbraucher über die Netzentgelte in ihrer Stromrechnung. Im windreichen Jahr 2015 waren das etwa 1,1 Milliarden Euro, 2016 etwas weniger. In den kommenden Jahren könnte die Summe noch deutlich steigen, warnt die Bundesnetzagentur.

Die größten Windkraft-Konzerne der Welt
Platz 14: XEMC (China)Nirgendwo auf der Welt werden jährlich mehr Windräder ans Stromnetz angeschlossen als in China. Zu den größten Profiteuren dieses fernöstlichen Grünstrom-Booms zählt XEMC. Der chinesische Elektrokonzern hat im Jahr 2009 die niederländische Energiefirma Darwind gekauft und sich so wertvolles Know-how für die Herstellung von Windturbinen und Rotorblättern gesichert, den wichtigsten Komponenten von Windenergieanlagen. Nach Berechnungen der Marktforschungsfirma FTI Intelligence brachte es XEMC 2016 auf einem Marktanteil von 2,2 Prozent. Marktanteil 2,2 Prozent.   Quelle: REUTERS
Platz 13: Dongfang (China)Der chinesische Staatskonzern Dongfang stellt Schiffe, Lokomotiven und Gasturbinen her. Zu einem immer einträglicheren Geschäft werden aber auch die Windräder, die das Unternehmen aus der Provinz Sichuan fertigt. Marktanteil: 2,2 Prozent. Quelle: REUTERS
Platz 12: Senvion (Deutschland)Deutschlands viertgrößter Windkraftkonzern Senvion rangiert global gesehen nur noch auf Platz 12. Die Hamburger kämpfen derzeit mit schwindenden Aufträgen, bröckelnden Marktanteilen und sinkenden Umsätzen. Nach einer Konsolidierungsphase soll der Erlös bis 2019 aber auf 2,6 Milliarden Euro in die Höhe schnellen. Damit die Konkurrenz Senvion in der Zwischenzeit nicht völlig enteilt, streicht der Konzern Hunderte Stellen und investiert in neue Produkte. Marktanteil: 2,5 Prozent. Quelle: dpa
Platz 11: Sewind (China)Die Windkraftsparte des chinesischen Staatskonzerns Shanghai Electric produziert in zwei Fabriken jährlich mehr als 3.000 Windräder. Besonders erfolgreich ist das Unternehmen mit seinen Anlagen auf hoher See. Im Segment Offshore-Wind zählt Sewind zu den drei größten Herstellern weltweit. In Deutschland sind die Chinesen zudem am Maschinenbauer Manz AG beteiligt. Marktanteil: 3,0 Prozent.   Quelle: dpa
Platz 10: CSIC Haiz huang (China)Unter den 14 führenden Windkraftkonzern der Welt befinden sich gleich acht Unternehmen aus China. Der Grund ist simpel: Im Reich der Mitte wurden alleine 2016 mehr als 40 Prozent der weltweit neu installierten Windräder ans Stromnetz angeschlossen. Ausländische Firmen kommen in China kaum zum Zug, der Markt ist weitgehend abgeschottet. Dieser Heimatbonus beflügelt Konzerne wie CSIC Haizhuang – sie prägen verstärkt den Weltmarkt. Marktanteil: 3,2 Prozent. Quelle: dpa
Platz 9: Mingyang (China)Chinas viertgrößter Windkraftkonzern will sich vom Maschinenbauer zum Service-Unternehmen wandeln. Zwar soll die Produktion von Turbinen, Gondeln und Rotorblättern weiterhin eine wesentliche Säule des Geschäfts bleiben, aber die Wartung und Instandhaltung von Windrädern verspricht höhere Renditen. Marktanteil: 3,5 Prozent. Quelle: PR
Platz 8: Envision (China)Lei Zhang ist das Enfant terrible der Windenergieindustrie. Der Chef von Envision bezeichnet sein Unternehmen gerne als das „Apple der Energiewelt“. Statt wie die Konkurrenz lediglich „dumme“ Windräder herzustellen, will Zhang künftig mit einer offenen Plattform Geld verdienen, die Angebot und Nachfrage im Energiemarkt synchronisiert. Schwankende Solar- und Windenergie will er im großen Stil mit Stromspeichern, Elektroautos oder Industrieanlagen koppeln und auf lange Sicht mit dem smarten Steuern von Energieflüssen Milliarden verdienen. Zumindest ein paar Jahre lang dürfte der Verkauf von Windmühlen aber noch das Kerngeschäft von Envision bleiben. Anders als die Wettbewerber lässt Envision aber die Anlagen von Subunternehmen fertigen. Damit braucht der Konzern fast zwanzig Mal weniger Fixangestellte als die Branchenführer. Nur das Design und die Patente gehören Envision. „Wie bei Apple“, meint Unternehmenschef Zhang. Marktanteil: 3,5 Prozent. Quelle: Bloomberg

Was hilft dagegen?

Aus Sicht der Netzbetreiber vor allem ein schneller und wirkungsvoller Ausbau der großen Stromleitungen in Nord-Süd-Richtung. Dabei gibt es nach langen Anlaufschwierigkeiten Fortschritte. Am Donnerstag etwa sollte nach mehr als zehn Jahren Planung und Bau die sogenannte Thüringer Strombrücke in Betrieb genommen werden. Die Höchstspannungsleitung von Sachsen-Anhalt über Thüringen nach Bayern soll Strom von Norddeutschland in den Süden bringen, um vor allem den Windstrom aus dem Nordosten besser anzubinden. Auch künftig brauche es weitere Fortschritte beim Netzausbau, der zentrales Element der Energiewende sei, forderte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD).

Aber das kostet doch auch wieder Milliarden?

Auf gut 50 Milliarden Euro wird der Investitionsbedarf für den Netzausbau zur Energiewende geschätzt. Das klingt nicht gerade wenig, aber wenn das Geld einmal ausgegeben ist, werden die regelmäßigen Kosten für Noteingriffe zur Netzstabilisierung wegfallen, argumentiert die Bundesnetzagentur. Und wenn man nichts täte, würden die Netzkosten mit dem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien noch weiter drastisch steigen.

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