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Umweltschutz Italiens schwieriger Abschied von der Plastiktüte

Lose Bananen in einer Plastiktüte Quelle: dpa

Italien hat zum Jahreswechsel seine ohnehin schon strenge Plastiktüten-Regelung verschärft. Die Taschen dürfen nur noch abgegeben werden, wenn sie wiederverwertbar sind und etwas kosten. Warum die Italiener dagegen auf die Straßen gehen – und was auf deutsche Kunden zukommt.

Wer den Alltag in Italien einigermaßen wohlbehalten überleben möchte, sollte sich eines wichtigen Unterschiedes vergewissern: Es gibt Gesetze – und es gibt Regeln. Gesetze schreiben vor, was sich der Staat wünscht. Regeln geben vor, wie die Bürger in der Realität handeln. Beides kann, muss aber nicht widerspruchsfrei sein.

Der Unterschied lässt sich sehr schön am Rauchverbot in Kneipen und am Umgang mit Plastiktüten im Handel verdeutlichen. Das Rauchverbot wurde 2015 auf das komplette öffentliche Leben ausgeweitet und sofort von allen Italienern befolgt. Gesetz und Regel stimmten überein. Die Ausgabe von Plastiktüten wurde zum 1. Januar dieses Jahres dem Handel quasi verboten – und dagegen brach unerwarteter Protest in Italien los. Gesetz und Regel, sie müssen hier wohl noch zusammenfinden.

Das sieht dann aus wie am Montagmorgen an der Obst- und Gemüsetheke eines Mailänder Supermarktes. Eine ältere Frau, die Pelzmütze gegen den norditalienischen Winter noch immer in die Stirn gezogen, irrt mit zwei Orangen in der Hand durch die Gänge. „Wo sind die Sacchetti?“, fragt sie eine Mitarbeiterin, deren Fluchtversuch vor der Kundin im letzten Moment gescheitert ist. „Die können Sie nur noch gegen Geld bekommen“, antwortet die Mitarbeiterin.

Worauf eine typische italienische-Zeter-Szene beginnt, an deren Ende sich sechs weitere Rentner um die Orangenträgerin geschart haben und gemeinsam mit ihr die Verkäuferin beschimpfen. Am Ende einigt man sich darauf, der verdutzten Frau einfach mehrere der kleinen Tüten für Obst zu entzerren und davon zu stapfen.

Szenen wie diese spielen sich in Italien derzeit zu Hunderten ab. Eigentlich sind die Italiener in den vergangenen Jahren zu einem durchaus umweltfreundlichen Völkchen geworden: Man befürwortet mehrheitlich das Verbot von Pestiziden, man engagiert sich gegen die Verschwendung von Ressourcen, man war das erste europäische Land, das den Einsatz von Plastiktüten im Handel reglementierte.

Deswegen überraschte es Regierung und Medien umso mehr, welch Ärger zum Neujahrstag in Italien losbrach: Eigentlich hatte die Regierung an der bestehenden Einschränkung nur einige Details ändern wollen, doch nun tobt ein Kulturkampf. Selbst Verbraucherschützer distanzieren sich von der verschärften Regel, das Umweltministerium sah sich genötigt, zu betonen, man selbst habe die Einschränkung veranlasst, nicht etwa der Handel – so sehr geraten große Ketten wie Coop oder Conad unter Beschuss.

Jede Tüte hat ihren Preis

Was war passiert? Seit Anfang des Jahres dürfen im Einzelhandel in Italien lediglich komplett recycelbare Einwegsacktüten für Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch verwendet werden. Also auch die kleinen Tütchen am Obstregal, bei denen sich Italiener gerne üppig bedienen und kunstvoll jede Tomate einzeln verpacken. Dafür müssen sie nun je nach Supermarkt zwischen ein und drei Cent zahlen. Die Regierung verteidigt das als Meilenstein im Kampf gegen Plastik.

Tüten-Debatte in Deutschland

Der Umweltschutzverband Legambiente begrüßte die neue Regel. „Italien setzt den 2011 eingeschlagenen Weg fort, als ein Plastiksackerl-Verbot eingeführt wurde. Auch wenn dieses Gesetz nicht ganz respektiert wird, ist der Konsum von Plastiktüten in Italien seitdem um 55 Prozent rückgängig“, sagte Stefano Ciafani, Generaldirektor von Legambiente. Anders wird die Lage vom Konsumentenschutzverband Condacons eingeschätzt, der von einer weiteren Steuer für die Italiener sprach. „Statt die Konsumenten zusätzlich zu besteuern, sollten Industrie und Supermärkte die Kosten für die grüne Einwegtüte übernehmen“, so Codacons in einer Presseaussendung.

In Europa werden nach Angaben der Agentur für den Umweltschutz 100 Milliarden Plastiktüten pro Jahr verbraucht. Teile davon landen im Meer oder auf den Stränden, kritisierte Legambiente. Die EU-Staaten beschlossen Ende 2014 einen Kompromiss zur Reduktion. Es ging dabei um Maßnahmen für sogenannte Einweg- oder Wegwerfsackerl mit einer Dicke von unter 50 Mikrometer. Diese können entweder völlig verboten werden oder der Kunde muss sie in den Geschäften bezahlen. Darauf beruft sich die italienische Regierung. Nur: Die Römer sind bisher die einzigen Europäer, die den Gemeinschaftsplan derart konsequent umsetzen.

Die Alternativen des deutschen Handels

In Deutschland ist der Tütenverzicht zwar schon seit zwei Jahren ein Thema – allerdings eher auf Basis freiwilliger Selbstverpflichtungen. 2016 hatte Umweltministerin Barbara Hendricks mit dem Handel eine Bezahlpflicht für Einkaufstüten ausgehandelt.

Es sollte eine freiwillige Selbstverpflichtung sein, um eine gesetzliche Regelung wie jetzt in Italien zu verhindern. Laut Bundesumweltministerium zeigt die freiwillige Bezahlpflicht Wirkung und habe bereits zu einem „deutlichen Rückgang des Tütenverbrauchs“ geführt, sagte ein Ministeriumssprecher im vergangenen Jahr der WirtschaftsWoche. So wurden nach den Zahlen der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) im Jahr 2016 rund 3,7 Milliarden Tüten an die Kunden ausgegeben. Damit verringerte sich die Abgabe der Plastikbeutel um rund 30 Prozent. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Plastiktüten in Deutschland sank damit von 68 auf 45.

Bei mehr als 350 Unternehmen müssen Kunden seit Sommer 2016 Geld für eine Plastiktüte zahlen. Große Lebensmittelhändler wie Real, Lidl oder Aldi entschieden sich sogar dafür, die Tüten komplett aus dem Sortiment zu streichen, nachdem der Kölner Rewe-Konzern mit einem Tütenbann vorgeprescht war. Rewe-Chef Lionel Souque beziffert die Ersparnis allein bei Rewe auf rund 140 Millionen Plastiktüten pro Jahr. Bei Lidl soll die Einsparung bei über 100 Millionen Tüten liegen.

Im öffentlichkeitswirksamen Kampf gegen Plastikmüll haben die deutschen Händler schon den nächsten Gegner ausgemacht: Knotenbeutel, also die dünnen Plastiktüten, die für Obst- und Gemüse verwendet werden. Erste Pilotprojekte laufen. Teils werden Kunden darauf hingewiesen, dass viele Obst- und Gemüsesorten auch ohne Beutel im Einkaufswagen zur Kasse transportiert werden könnten. Teils werden statt des bekannten Plastikbeutels spezielle Mehrweg-Frischenetze angeboten.

Und auch die Folienverpackungen sollen reduziert werden – etwa bei Rewe. Die Kölner bieten Bananen inzwischen ohne zusätzliche Verpackung an und testen für Bio-Avocados und Bio-Süßkartoffeln ein so genanntes „Natural Branding“. Per Laser werden dabei Logo und Informationen zu dem Produkt direkt in die Schale graviert. Möglich sei auch eine Ausweitung des Laser-Verfahrens auf andere Gemüse- und Obstsorten wie zum Beispiel Äpfel, heißt es bei Rewe.

Die Erfahrung aus Italien lehrt: Für den Frieden an der Obsttheke wäre es besser, das Verfahren schnell zu entwickeln. Bevor auch hier Tüten-Tarife eingeführt werden.

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