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WasserspeicherStillstand für die „sanften Riesen“ der Energiewende

Kaum etwas erfordert die Energiewende so dringend wie Speicher für den schwankenden Wind- und Sonnenstrom. Wasserkraftwerke könnten das erledigen. Doch bei Umweltschützern stoßen die riesigen Anlagen auf Widerstand. 20.02.2017 - 17:08 Uhr

Nebel überdeckt das Oberbecken eines Pumspeicherkraftwerk in Hohenwarte (Thüringen).

Foto: dpa

Ohne Massenspeicher für den stark schwankenden Wind- und Sonnenstrom kommt die Energiewende nicht voran - bei Dunkelheit und Flaute müssen sonst noch sehr lange Kohle- und Gaskraftwerke einspringen. Wasser-Speicherkraftwerke könnten die Lücke füllen: Sie nehmen große Strommengen auf und können sie sekundenschnell mit relativ hohem Wirkungsgrad wieder abgeben, wenn das hochpumpte Wasser abfließt und über einen Generator Strom erzeugt. Doch der Ausbau der „sanften Riesen“ der Energiewende stockt, sie rechnen sich derzeit nicht.

Aus Sicht des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) liegt das nicht zuletzt an zu hohen staatlichen Abgaben. „Systemrelevante Pumpspeicherkraftwerke sind von Stilllegung bedroht, Neubauprojekte werden gestoppt“, kritisierte BDEW-Chef Stefan Kapferer vor kurzem bei der Messe „E-World“ in Essen.

Deutsche Speicherkraftwerke müssten für den Strom zum Beladen des Speichers Netzentgelte zahlen und später fielen für den aus dem Speicher erzeugten Strom beim Kunden noch einmal Netzentgelte an - eine Doppelbelastung und ein Wettbewerbsnachteil gegenüber der Konkurrenz in Europa, bemängelt der BDEW.

Energiewende

Weniger Kohle- und mehr Ökostrom - höherer Strompreis

Um den stockenden Ausbau der Pump-Kraftwerke in Fahrt zu bringen, fordert der Branchenverband einen völligen Verzicht auf Netzentgelte für die Speicher. Der Projektleiter Wasserspeicherkraftwerke des Stadtwerkeverbundes Trianel, Elmar Thyen, könnte sich sogar vor
stellen, Pumpspeicher ähnlich wie Stromnetze mit festen, staatlich garantierten Renditen auszustatten. Schließlich seien sie wichtige Strompuffer bei Überschuss am Markt und schnelle Lieferanten bei Bedarf und stabilisierten so das Netz.

Das Bundeswirtschaftsministerium kann solchen Szenarien aber wenig abgewinnen - kein Wunder: Weitere Subventionen für das Stromsystem würden den Strompreis für Haushaltskunden noch mehr nach oben treiben. Ein Ministeriumssprecher verwies auf die bereits existierenden Erleichterungen für die Speicherbranche: Neuanlagen seien ohnehin 20 Jahre netzentgeltfrei, bei größeren Erweiterungen eines Pumpkraftwerks oder einem Betrieb zu „atypischen“, für das Stromnetz günstigen Zeiten seien zusätzlich erhebliche Befreiungen möglich. Fest-Renditen für Speicher wie für die Netze verstießen gegen EU-Recht, so der Sprecher.

Derzeit stockt der Neubau in Deutschland komplett - anders als in Österreich und der Schweiz. Die Nachbarländer beziehen für ihre Speicherkraftwerke teils deutschen Strom bei Niedrigpreisen, speichern ihn und verkaufen ihn bei hoher Nachfrage mit Gewinn nach Deutschland zurück. Sie machen das Geschäft als „Batterie für Deutschland“.

32 Pumpspeicherkraftwerke gibt es laut Branchenverband BDEW derzeit in Deutschland mit zusammen 7 Gigawatt Leistung. „Nötig wäre aber mindestens das Doppelte“, sagt Trianel-Fachmann Thyen. Platz genug ist vorhanden: Nach Potenzialstudien kommen laut BDEW bundesweit über 200 mögliche Standorte mit insgesamt 116 Gigawatt in Frage.

Doch die Interessenten treten auf der Stelle. Trianel etwa gab ein 700-Millionen-Euro-Projekt am Rursee in der Eifel im Sommer 2013 nach anhaltenden Bürgerprotesten auf. Zwei weitere Großprojekte bei Höxter und Gotha werden aktuell nur noch auf Sparflamme weiterverfolgt - der Betrieb rechnet sich derzeit nicht. Ähnlich ging es Eon, die ein bereits genehmigtes 250-Millionen-Euro-Erweiterungsprojekt am Edersee mangels Rentabilität nicht weiter verfolgten. Auch RWE spricht von „enormem“ wirtschaftlichen Druck auf seine Wasserspeicher, darunter das über 80 Jahre alte Kraftwerk Herdecke an der Ruhr.

Zu den finanziellen Problemen kommt der Widerstand von Umweltschützern. Das zeigt sich etwa am geplanten Pumpspeicherkraftwerk Atdorf im Südschwarzwald, mit 1,6 Milliarden Euro Volumen derzeit eines der größten Pumpspeicherprojekte in Deutschland. Fast 1300 Einwendungen gab es in der Planfeststellung gegen das Projekt.

Anwohner und Nachbargemeinden befürchten jahrelangen Baulärm, Gefahren für die Trinkwasserversorgung und geschützte Tiere wie Schmetterlinge, Käfer und eine Fledermausart. Unter dem Projekt könne auch der Tourismus im nahen Kurort Bad Säckingen leiden, warnt die örtliche Bürgerinitiative. Zudem werde das Speicherkraftwerk ohnehin kaum Jobs und Gewerbesteuer bringen, sagen die Kritiker vor Ort.

Ob je gebaut wird, ist offen. Der Planungshorizont für Atdorf hat sich längst massiv nach hinten verschoben. Derzeit kalkuliere man mit einem Betrieb etwa im Jahr 2030/32, sagt ein Sprecher des Betreibers Schluchseewerk AG. Ursprünglich war mal 2019 das Ziel.

dpa
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