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Zweites Preisschild So viel kosten unsere Einkäufe wirklich

Das Umweltministerium fordert ein zweites Preisschild, das Umwelt- und soziale Kosten anzeigt. Sebastian Amrhein von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Aschaffenburg erklärt den Plan in einem Gastbeitrag.

Preisschild im Kleidungs-Discounter Quelle: dpa

Klimaschutz, E-Mobilität - das Umweltministerium nimmt vor der Wahl noch einige heiße Eisen in Angriff. Eine weitere Idee, die dort derzeit diskutiert wird: Umweltschädliche Einkäufe deutlicher zu machen. Doch wie bekommt man unseren Konsum so transparent, dass seine Folgen schnell ersichtlich sind?

Das Integrierte Umweltprogramm 2030 des Ministeriums schlägt dazu ein "zweites Preisschild" vor, das anzeigt, ob ein Produkt mit sozialen Ungerechtigkeiten wie Kinder- oder Zwangsarbeit behaftet ist und wie groß die Schäden an der Natur sind - allerdings sollen so ungleiche Faktoren wie CO2-Emissionen, Wasserverschmutzung oder Abfall vergleichbar sein.

Die größte Schwierigkeit eines solchen Auszeichnungskonzeptes ist die Bewertung von "Ökologie" und "Sozialem" als Nachhaltigkeitsdimensionen. Es ist ein beträchtlicher Aufwand, alle Bestandteile und Materialien, deren Herkunft sowie die genauen Umstände ihrer Fertigung und Bereitstellung auch für komplexe Produkte zu erheben. Andererseits legen viele Unternehmen schon Wert auf eine transparente Supply Chain - für sie könnte ein zweites Preisschild zum Werbefaktor werden und gegen Billigimporte schützen.

Stellt sich die Frage, inwiefern einfache Zahlenwerte oder Farbskalen diese Faktoren darstellen können und ob die direkte Vergleichbarkeit völlig unterschiedlicher Produkte zulässig ist. Die Fachwelt hat ihre Konzepte - doch es braucht dringend eine Möglichkeit, die Ergebnisse bei der Verbraucherinformation nutzen zu können.

"Token" als Umwelt-Währung

Das hier vorgestellte Kennzeichnungsmodell ist eine Methode zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Elektronikprodukten, die für ein entsprechendes Forschungsprojekt konzipiert wurde. Für die ökologische Bewertung kommt die Methode des Life Cycle Assessment (Ökobilanz) zur Anwendung, wodurch sämtliche Bestandteile und Lebensphasen des jeweiligen Endproduktes berücksichtigt werden. Die sozialen Auswirkungen werden mit Hilfe der Social Hotspot Database ermittelt. Dabei werden über 100 Indikatoren herangezogen, welche die Länder und Wirtschaftssektoren der Wertschöpfungskette nach ihrem Beitrag zum Produkt bewerten.

Im Sinne einer differenzierten Darstellung wird eine Kennzeichnung mit zwei unabhängigen Einheiten vorgeschlagen. Die ökologischen Auswirkungen werden dabei in Öko-Token und die sozialen Auswirkungen in Human-Token ausgewiesen. Eine Kompensation oder Verrechnung dieser beiden Bereiche wäre ethisch und wissenschaftlich nicht vertretbar. Eine Klassifizierung, wie sie beispielsweise bei Nährwertampeln oder Energieeffizienzklassen mit Hilfe von Farbskalen realisiert ist, wird aufgrund der Anforderung zur universellen, produktübergreifenden Anwendbarkeit ausgeschlossen. Stattdessen bietet sich zur Einführung des zweiten Preisschildes der Vergleich mit Produkten des alltäglichen Verbrauchs, wie zum Beispiel einer Jeanshose, einem Fahrrad, einem Buch oder einem Smartphone an.

350 T-Shirts sind ein Fahrrad

Ein mit dem beschriebenen System untersuchtes Elektrofahrrad ist mit 32.700 Öko-Token und 32.350 Human-Token auszuzeichnen. Ein vergleichbares Trekkingfahrrad ohne Elektroantrieb erhält mit 15.958 Öko-Token und 14.063 Human-Token in beiden Bereichen Werte, die weniger als halb so groß sind. Ein einfaches T-Shirt, hergestellt in Bangladesch, schlägt mit 45 Öko-Token und 408 Human-Token zu Buche.

Die gezeigte Kennzeichnung hat keinesfalls den Anspruch, reale Auswirkungen und Effekte auf Umwelt und Gesellschaft exakt aufzuzeigen. Dennoch zeigt das Modell, wie Produktnachhaltigkeit qualitativ deutlicher wird - und hilft so verantwortungsbewussten Käufern.

Für die Einführung eines zweiten Preisschildes bedarf es zunächst einer verbindlichen Definition des zugrunde liegenden Bewertungsverfahrens. Darüber hinaus sind Kennzeichnungspflichten für Produkte sowie Vergütungs- oder Besteuerungssysteme für Konsumenten denkbar, die mit den fiktiven Einheiten der Umweltverträglichkeit verknüpft werden.

Die Darstellung der Produktnachhaltigkeit als Kriterium neben dem Kaufpreis selbst stellt ein vielversprechendes Werkzeug dar, um eine Transformation zu nachhaltigerem Konsumverhalten zu  initiieren. Wie stark damit in dem Markt eingegriffen wird, hängt von der konkreten Umsetzungsform ab. Manche Unternehmen dürften ihr Geschäftsmodell ganz schön umstellen, um auch auf dem zweiten Preisschild attraktiv zu wirken. Doch es wäre der nächste Schritt hin zur nachhaltigen Wirtschaft - und ein ziemlich großer dazu.

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