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Greentech-Vordenker Unternehmen verschlafen den grünen Umbau

Greentech-Vordenker und Buchautor Torsten Henzelmann über die wahren Kosten von Nachhaltigkeit, Klima-Siegel und die grüne Transformation der Wirtschaft.

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Torsten Henzelmann

Die Ereignisse überschlagen sich: In Russland fressen Brände die Ernte. In Pakistan macht zur gleichen Zeit eine Flutwelle Millionen Menschen obdachlos. Und nur wenige Monate nach der Explosion der Ölbohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko erlebt China die schlimmste Ölkatastrophe seiner Geschichte. Für den Nachhaltigkeitsexperten Torsten Henzelmann ist diese Häufung kein Zufall, sondern Ergebnis eines allzu rücksichtslosen Umgangs mit Natur und Umwelt. Er zieht daraus eine radikale Schlussfolgerung: Unternehmen und Gesellschaft müssen die Ausbeutung des Planeten umgehend stoppen. In seinem neuen Buch „Green Transformation“ vertritt er die provokative These: Künftig werden nur noch diejenigen Unternehmen eine Chance haben, die Nachhaltigkeit in ihr Kerngeschäft integrieren.

WirtschaftsWoche: Professor Henzelmann, Sie warnen die Unternehmen davor, die Folgen von Klimawandel und Ressourcenknappheit zu unterschätzen. Die Kampagnen der Marketingabteilungen vermitteln einen ganz anderen Eindruck: Sie werben mit nachhaltigen Hotelzimmern, grünen Waschmaschinen und CO2-neutralen Fast-Food-Menüs – alles nur eine riesige Mogelpackung?Henzelmann: In vielen Bereichen ist es genau das. Und davor kann ich nur warnen. Denn dieses Greenwashing bringt allenfalls kurzfristig Erfolge. Die Kunden strafen Unternehmen dafür schnell ab.

Wo beobachten Sie Greenwashing?Überall. Ein extremes Beispiel ist BP. Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren versucht, mit dem Slogan „Beyond Petroleum“ das Image des klimaschädigenden Ölmultis zu korrigieren. Zum Marketing-Arsenal gehörte auch die öffentlichkeitswirksame Installation von Solarstromanlagen auf Tank-stellendächern. Mit der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ist der Versuch gescheitert, eine umweltfreundliche Fassade aufzubauen. Ein Gegenbeispiel ist Nestlé. Der Lebensmittelkonzern musste zwar zunächst auch Lehrgeld zahlen: Umweltschützer warfen Nestlé vor, mit einem Zulieferer zusammenzuarbeiten, der den Urwald und den Lebensraum von Orang-Utans mit illegalen Plantagen zerstört.

Die Kampagne verbreitete sich blitzschnell über das Internet, und Nestlé versuchte, entsprechende Videoberichte aus dem Netz tilgen zu lassen. Das brachte die Proteste dann richtig zum Kochen.Doch das Unternehmen hat reagiert, sich von dem Zulieferer getrennt und gehört heute zu den Vorreitern in Sachen Nachhaltigkeit.

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    Weshalb reagiert die Öffentlichkeit so sensibel?

    Die Menschen begreifen, dass wir nicht mehr so weitermachen können: Einerseits werden die Folgen des Klimawandels offensichtlich. Auf der anderen Seite wird deutlich, dass die Preise für Rohstoffe in den nächsten Jahren drastisch steigen werden.

    Die Unternehmen müssen also schon aus Eigennutz sparsamer mit Ressourcen umgehen.Völlig richtig. Ich rechne damit, dass wir uns noch glücklich schätzen können, wenn die Energiekosten in fünf Jahren nur um zehn Prozent zulegen. Wir müssen uns beispielsweise auf einen dauerhaft hohen Ölpreis einstellen. Dazu kommen Millionenkosten für den Kauf von Emissionsrechten. Sie werden vor allem Industriebetriebe, Energiekonzerne und Logistikunternehmen belasten.

    Welche Unternehmen sind besonders gefährdet?Der Luftverkehr ist das Paradebeispiel. Die Airlines müssen nicht nur ihre Flotte modernisieren, um die Emissionen zu senken. Sie müssen auch klären, ob ihr Geschäftsmodell noch funktionieren kann. Vor ähnlichen Fragen stehen Autohersteller und Unternehmen der Petrochemie.

    Stecken im grünen Umbau der Wirtschaft nicht auch große Geschäftschancen?Zum Teil ja. Unternehmen, die sich etwa auf Energieeffizienz spezialisieren, gehören zu den Gewinnern. Der Glasspezialist Schott gehört dazu, der im boomenden Markt für Solartechnik enorm wächst, oder der Weltmarktführer im Segment effizienter Motoren und Ventilatoren, EBM-Pabst aus Mulfingen, der teilweise emissionsfrei produziert.

    Sind das nicht nur Einzelfälle?Keineswegs. Aus der Transformation in eine grüne Wirtschaft entsteht ein Massenmarkt. 2007 lag der Umsatz mit Greentech-Produkten in Deutschland bei 200 Milliarden Euro. 2020 werden es nach unseren Berechnungen schon 470 Milliarden sein – also 14 Prozent des gesamten deutschen Inlandsprodukts.

    Wie können Unternehmen den Wandel zu ihrem Vorteil gestalten?Zunächst einmal müssen sie verstehen, in welchen Geschäftsbereichen Chancen liegen und wie groß die Risiken sind. Dafür müssen sie ermitteln, in welchen Sektoren sie knappe Rohstoffe einsetzen, wie viel Emissionsrechte kosten können und was Kunden künftig von ihnen erwarten.

    Das sind doch Selbstverständlichkeiten.Im Grunde schon. Doch manche Unternehmen wissen bis heute nicht einmal, bei welchen Prozessen sie besonders viel Wasser und Energie verbrauchen. Künftig müssen Manager genau wissen, wie nachhaltig jedes Glied der Wertschöpfungskette ihres Unternehmens ist.

    Wie läuft das ab?Im Prinzip müssen sie alle Bereiche schrittweise durchgehen: Rewe zum Beispiel hat sich zunächst dazu entschlossen, sein Produktportfolio umzubauen. Es sollen vor allem Marken in den Regalen stehen, die nachhaltig hergestellt wurden. Dafür wählt der Einkauf Produkte aus, die nachvollziehbar zertifiziert wurden. In einem nächsten Schritt arbeitet Rewe daran, die Supermärkte auf Null-Emissionen umzustellen. Im Anschluss daran könnte der Konzern die Lieferketten umbauen, auf Fahrtwege verzichten, lokale Produkte einkaufen und nicht vermeidbare Emissionen kompensieren. Und all diese Schritte müssten bis zum letzten Zulieferer gegangen werden.

    Kaum ein international aufgestelltes Unternehmen kann bis zum letzten Lieferanten die Kontrolle behalten.Niemand sagt, dass es einfach wird. Aber kein Unternehmen kommt künftig darum herum, sein Lieferantenmanagement an nachhaltigen, klar definierten Zielen auszurichten. Sonst erleben Sie schnell einen PR-Gau...

    ...wie das Beispiel Nestlé zeigt.Umfragen belegen, dass in über 60 Prozent der deutschen Großunternehmen das Instrument des nachhaltigen Lieferkettenmanagements unbekannt ist oder es zumindest nicht angewendet wird.

    Welche Instrumente müssen Unternehmen schaffen?Konzerne wie BASF und die Telekom haben Abteilungen gegründet, die das gesamte Unternehmen in Nachhaltigkeitsfragen beraten und sämtliche Geschäftsbereiche durchleuchten.

    Das reicht schon? Es ist ein erster Schritt. Nachhaltiges Wirtschaften kann nur funktionieren, wenn das Management diese Ziele verfolgt und wenn die gesamte Strategie darauf ausgerichtet wird. Dafür müssen sie Ziele formulieren: Etwa, den Energieverbrauch um 20 Prozent zu senken, oder den Rohstoffeinsatz zu halbieren.

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      Wie teuer wird die grüne Umstellung? Unternehmen sollten Nachhaltigkeit als Investition behandeln, die sich auszahlt durch langfristig bessere Produkte sowie geringere Energie- oder Rohstoffkosten.

      Wie lassen sich die Strategien vergleichen?Unternehmen sind in puncto Nachhaltigkeit branchenübergreifend praktisch nicht vergleichbar. Ein Maschinenbauer hat andere Einsparpotenziale als ein Telekommunikationskonzern. Es gibt allerdings Ansätze, Nachhaltigkeit über Kennzahlen zu operationalisieren, um einen brancheninternen Vergleich zu ermöglichen. Dafür werden Energieverbrauch, Treibhausgasemission und Mitarbeiterfluktuation verglichen. Einen einheitlichen Standard gibt es aber nicht.

      Nicht einmal für das Controlling der Treibhausgasemissionen gibt es Regeln. Das lädt zur Manipulation geradezu ein.Die Gefahr besteht. Einige Unternehmen, wie der Chemiekonzern BASF, verfolgen den Cradle-to-Grave-Ansatz. Dabei wird für die CO2-Bilanz eines Produkts der Ausstoß über den gesamten Lebenszyklus betrachtet, vom Rohstoffabbau bis zur Entsorgung. Die meisten Unternehmen jedoch berücksichtigen lediglich die bei der Produktion emittierten Klimagase. Die machen bei Investitionsgütern wie Maschinen oder Computern aber nur zehn Prozent aus.

      Brauchen wir einen Nachhaltigkeits-TÜV, um die Ansätze vergleichen zu können? Wir brauchen ein einheitliches, von der Industrie entwickeltes Regelwerk.

      Es wäre das erste Mal, dass so etwas funktioniert.Die Industrie hat keine andere Wahl.

      Angenommen, die Industrie würde sich auf breiter Front ändern, wie groß wäre das Einsparpotenzial? Wir haben in einer Studie gezeigt, dass Industrieunternehmen mehr als 25 Prozent der Energie einsparen könnten – wenn sie am Ende einer Investitionsperiode neue Maschinen anschaffen würden.

      Wieso tun Unternehmen das nicht? Oft kaufen sie veraltete Geräte, um zu sparen. Dabei würde sich ein effizienteres Pendant in der Regel nach drei Jahren rechnen. Gleichzeitig müssten sie aber auch ihr Verhalten ändern und beispielsweise Pumpen abschalten, wenn sie nicht gebraucht werden.

      Sind Sie nur Mahner, oder haben Sie auch Ihr Leben umgestellt?Bei meinem Hausbau habe ich nahezu alle gängigen grünen Technologien eingesetzt: Wärmedämmung, Fotovoltaik und Wärmepumpe – wir haben sogar die Fensterfront gen Süden ausgerichtet.

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