Hackerangriffe Wie die Airlines der Gefahr begegnen

Cyberattacken bedrohen zunehmend Airlines und ihre Kunden. Obwohl die Branche ein ideales Ziel für Hacker ist, reagiert sie oft zögerlich.

Quelle: Getty Images

Der Angriff kam am hellen Tag. Im Herbst 2015 drangen Datendiebe in das Netzwerk einer großen lateinamerikanischen Fluglinie an deren Drehkreuz ein. Sie stahlen dabei Finanzdaten und zweigten umgerechnet mehrere zehntausend Euro ab. Spuren hinterließen sie keine.

Der bislang nur in Auszügen bekannte Vorfall gehört zu den wenigen gesicherten Fällen von Computerkriminalität im Fluggeschäft, die erfolgreich waren. Daneben gibt es eine ganze Reihe unbestätigter Fälle und gescheiterter Angriffe. "Die Dunkelziffer ist hoch", so Alan Pellegrini, Leiter des US-Geschäfts beim französischen Rüstungs- und Elektronikkonzerns Thales.

Auch wenn bislang spektakuläre Angriffe ausblieben oder nicht bekannt wurden, sind Unsicherheit und Unbehagen in der Flugbranche beim Thema Cyberkriminalität derzeit groß. Dass ausgerechnet die Airliner von Computerverbrechen verschont bleiben, glaubt niemand mehr. "Wenn 94 Prozent aller Unternehmen bereits angegriffen wurden, müsste es uns natürlich auch treffen", sagt Calin Rovinescu, Chef von Air Canada, einem der engsten Lufthansa-Partner.

Elf Anzeichen, dass Sie gehackt wurden
Software installiert sich selbstständigUngewollte und unerwartete Installationsprozesse, die aus dem Nichts starten, sind ein starkes Anzeichen dafür, dass das System gehackt wurde. In den frühen Tagen der Malware waren die meisten Programme einfache Computerviren, die die "seriösen" Anwendungen veränderten - einfach um sich besser verstecken zu können. Heutzutage kommt Malware meist in Form von Trojanern und Würmern daher, die sich wie jede x-beliebige Software mittels einer Installationsroutine auf dem Rechner platziert. Häufig kommen sie "Huckepack" mit sauberen Programmen - also besser immer fleißig Lizenzvereinbarungen lesen, bevor eine Installation gestartet wird. In den meisten dieser Texte, die niemand liest, wird haarklein aufgeführt, welche Programme wie mitkommen. Quelle: gms
Was zu tun istEs gibt eine Menge kostenlose Programme, die alle installierten Applikationen auflisten und sie verwalten. Ein Windows-Beispiel ist Autoruns, das zudem aufzeigt, welche Software beim Systemstart mit geladen wird. Das ist gerade in Bezug auf Schadprogramme äußerst aussagekräftig - aber auch kompliziert, weil nicht jeder Anwender weiß, welche der Programme notwendig und sinnvoll und welche überflüssig und schädlich sind. Hier hilft eine Suche im Web weiter - oder die Deaktivierung von Software, die sich nicht zuordnen lässt. Wird das Programm doch benötigt, wird Ihnen das System das schon mitteilen… Quelle: AP
Die Maus arbeitet, ohne dass Sie sie benutzenSpringt der Mauszeiger wie wild über den Bildschirm und trifft dabei Auswahlen oder vollführt andere Aktionen, für deren Ausführung im Normalfall geklickt werden müsste, ist der Computer definitiv gehackt worden. Mauszeiger bewegen sich durchaus schon einmal von selbst, wenn es Hardware-Probleme gibt. Klick-Aktionen jedoch sind nur mit menschlichem Handeln zu erklären. Stellen Sie sich das so vor: Der Hacker bricht in einen Computer ein und verhält sich erst einmal ruhig. Nachts dann, wenn der Besitzer mutmaßlich schläft (der Rechner aber noch eingeschaltet ist), wird er aktiv und beginnt, das System auszuspionieren - dabei nutzt er dann auch den Mauszeiger. Quelle: dpa
Was zu tun ist: Wenn Ihr Rechner des Nachts von selbst "zum Leben erwacht", nehmen Sie sich kurz Zeit, um zu schauen, was die Eindringlinge in Ihrem System treiben. Passen Sie nur auf, dass keine wichtigen Daten kopiert oder Überweisungen in Ihrem Namen getätigt werden. Am besten einige Fotos vom Bildschirm machen (mit der Digitalkamera oder dem Smartphone), um das Eindringen zu dokumentieren. Anschließend können Sie den Computer ausschalten - trennen Sie die Netzverbindung (wenn vorhanden, Router deaktivieren) und rufen Sie die Profis. Denn nun brauchen Sie wirklich fremde Hilfe. Anschließend nutzen Sie einen anderen (sauberen!) Rechner, um alle Login-Informationen und Passwörter zu ändern. Prüfen Sie Ihr Bankkonto - investieren Sie am besten in einen Dienst, der Ihr Konto in der folgenden Zeit überwacht und Sie über alle Transaktionen auf dem Laufenden hält. Um das unterwanderte System zu säubern, bleibt als einzige Möglichkeit die komplette Neuinstallation. Ist Ihnen bereits finanzieller Schaden entstanden, sollten IT-Forensiker vorher eine vollständige Kopie aller Festplatten machen. Sie selbst sollten die Strafverfolgungsbehörden einschalten und Anzeige erstatten. Die Festplattenkopien werden Sie benötigen, um den Schaden belegen zu können. Quelle: dpa
Online-Passwörter ändern sich plötzlichWenn eines oder mehrere Ihrer Online-Passwörter sich von einem auf den anderen Moment ändern, ist entweder das gesamte System oder zumindest der betroffene Online-Dienst kompromittiert. Für gewöhnlich hat der Anwender zuvor auf eine authentisch anmutende Phishing-Mail geantwortet, die ihn um die Erneuerung seines Passworts für einen bestimmten Online-Dienst gebeten hat. Dem nachgekommen, wundert sich der Nutzer wenig überraschend, dass sein Passwort nochmals geändert wurde und später, dass in seinem Namen Einkäufe getätigt, beleidigenden Postings abgesetzt, Profile gelöscht oder Verträge abgeschlossen werden. Quelle: dpa
Was zu tun ist: Sobald die Gefahr besteht, dass mit Ihren Daten handfest Schindluder getrieben wird, informieren Sie unverzüglich alle Kontakte über den kompromittierten Account. Danach kontaktieren Sie den betroffenen Online-Dienst und melden die Kompromittierung. Die meisten Services kennen derartige Vorfälle zu Genüge und helfen Ihnen mit einem neuen Passwort, das Konto schnell wieder unter die eigene Kontrolle zu bekommen. Einige Dienste haben diesen Vorgang bereits automatisiert. Wenige bieten sogar einen klickbaren Button "Mein Freund wurde gehackt!" an, über den Dritte diesen Prozess für Sie anstoßen können. Das ist insofern hilfreich, als Ihre Kontakte oft von der Unterwanderung Ihres Kontos wissen, bevor Sie selbst etwas davon mitbekommen. Werden die gestohlenen Anmeldedaten auch auf anderen Plattformen genutzt, sollten sie dort natürlich schnellstmöglich geändert werden. Und seien Sie beim nächsten Mal vorsichtiger! Es gibt kaum Fälle, in denen Web-Dienste E-Mails versenden, in denen die Login-Informationen abgefragt werden. Grundsätzlich ist es immer besser, ausschließlich Online-Dienste zu nutzen, die eine Zwei-Faktor-Authentifizierung verlangen - das macht es schwieriger, Daten zu entwenden. Quelle: dapd
Gefälschte Antivirus-MeldungenFake-Warnmeldungen des Virenscanners gehören zu den sichersten Anzeichen dafür, dass das System kompromittiert wurde. Vielen Anwendern ist nicht bewusst, dass in dem Moment, wo eine derartige Meldung aufkommt, das Unheil bereits geschehen ist. Ein Klick auf "Nein" oder "Abbrechen", um den Fake-Virusscan aufzuhalten, genügt natürlich nicht - die Schadsoftware hat sich bestehende Sicherheitslücken bereits zunutze gemacht und ist ins System eingedrungen. Bleibt die Frage: Warum löst die Malware diese "Viruswarnung" überhaupt aus? Ganz einfach: Der vorgebliche Prüfvorgang, der immer Unmengen an "Viren" auftut, wird als Lockmittel für den Kauf eines Produkts eingesetzt. Wer auf den dargestellten Link klickt, gelangt auf eine professionell anmutende Website, die mit positiven Kundenbewertungen und Empfehlungen zugepflastert ist. Dort werden Kreditkartennummer und andere Rechnungsdaten abgefragt - und immer noch viel zu viele Nutzer fallen auf diese Masche herein und geben ihre Identität freiwillig an die Kriminellen ab, ohne etwas davon zu merken. Quelle: dpa/dpaweb

Für Schlagzeilen sorgte der US-IT-Berater Chris Roberts. Er brüstete sich im April 2015 in einem Tweet damit, mindestens 20 Mal während eines Flugs über das Unterhaltungssystem in die Flugzeug-IT eingedrungen zu sein und dabei unter anderem die Triebwerkssteuerung beeinflusst zu haben. Die Aktion stellte sich im Nachhinein als Witz heraus. Die Angst, dass es Cyberkriminelle auf die Flieger selbst abgesehenen haben, ist in der Branche und in der Öffentlichkeit real.

Auch der Weltluftfahrtverband Iata widmete dem Thema Cybersicherheit während seines Jahrestreffens in der vergangenen Woche gleich eine eigene Veranstaltung. Bei der mahnten auch externe Experten zur Vorsicht. "Die Flugbranche ist praktisch das ideale Opfer für Onlineverbrechen", sagte Kurt Pipal, Sicherheitsfachmann vom Londoner Büro des FBI. Die Kombination aus Hochtechnologie, vielen Menschen an Bord und dem medialen Interesse an Flugzeugabstürzen macht die Flieger zum Ziel für Terrorzellen. "Einen Jet quasi online anzugreifen, wäre der Traum eines Terroristen", fürchtet ein führender Airliner, der lieber anonym bleiben will.

Für noch mehr Aufmerksamkeit – besonders im organisierten Verbrechen – sorgen aus Sicht der Experten ein paar Besonderheiten der Flugbranche. Die Airlines verfügen über einen überdurchschnittlich vielfältigen Schatz von Daten aus allen Lebensbereichen. Das Angebot der Airlines reicht von Kundenadressen über Passangaben auch für Familienangehörige bis hin zu Kreditkartendaten.

Die Schwachstellen der Airline-Sicherheit

Trotz der Gefahren, bieten sich Hackern gleich mehrere mögliche Einfalltore, um die Fluggesellschaften zu attackieren. Um auf die Kundendaten zugreifen zu können, unterhalten die Airlines im Schnitt notgedrungen deutlich mehr Zugriffspunkte auf ihre Systeme als andere Branchen. Von denen sind viele außerhalb des Unternehmens und somit für das Unternehmen schlechter abzusichern. Dazu zählen etwa Check-in-Schalter an den Flughäfen oder die Reservierungssysteme von Firmen und Reisebüros.

Auch die Flugzeuge selbst bieten Hackern potentielle Angriffsfläche. Die Unterhaltungssysteme werden zunehmend mit USB-Anschlüssen ausgerüstet, immer mehr Fluggesellschaften bieten Bord-WLAN an. Zu guter Letzt senden auch die Jets fast nonstop Daten zu den Herstellern und Wartungsfirmen sowie an Kreditkartenfirmen, sobald ein Passagier an Bord etwas kauft.

An einem Großteil dieser Schnittpunkte können schädliche Programme in die IT gelangen, gerade weil im Alltag oft der Zeitdruck die Unachtsamkeit fördert, weiß Anja Kaspersen, Sicherheitsspezialistin des World Economic Forum (WEF). "Die Erfahrung zeigt, dass ungefähr 13 Prozent aller Beschäftigten schon mal auf eine Phishing-Mail geklickt haben."

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