WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

High End 2011 Messe für Klangpuristen

Die besten Stereoanlagen, Lautsprecher oder Hi-Fi-Komponenten, die es für Geld gibt. Das Motto der Messe: Es geht nicht um die Technik, sondern um die Musik. WiWo-Reporter Mehmet Toprak hat dennoch einige Highlights entdeckt.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Branko Glisovic, Geschäftsführer der High End Society

Diesen einen Satz hört man auf der High End immer wieder: Es geht nicht um die Technik, es geht um die Musik. Um die Musik, um die Leidenschaft und die Emotionen. Einer der ersten, der diesen Satz sagt, ist Branko Glisovic, Geschäftsführer der High End Society. Er sagt es auf der Eröffnungs-Pressekonferenz der High End 2011, und er wiederholt das im Interview. Musik und Emotionen, das ist so etwas wie die zentrale Botschaft der High End. Glisovic ist auch Mitbegründer der Messe, die in diesem Jahr ihr 30. Jubiläum feiert. Es geht also um Musik, besser gesagt, die naturgetreue Musikwiedergabe mit Hilfe von hochwertigen elektronischen Apparaturen.

Beim Spaziergang über die Messe im M,O,C einem Veranstaltungsgelände im Norden Münchens, gewinnt man allerdings schnell den Eindruck, dass es schon auch um die Technik geht. Dann an vielen Stellen sieht man aufgeschraubte Verstärkergehäuse oder Querschnitte von Lautsprechermodellen. Die Kunden, die sich, bewaffnet mit Digitalkameras, über die offenen Verstärkerplatinen beugen oder die Rückseite von Lautsprecherboxen studieren, sind natürlich technikbegeisterte Männer. Dass High End weitgehend eine männliche Veranstaltung ist, bestätigt auch Glisovic bedauernd, fügt aber hinzu: "Die Frauen entscheiden, was am Ende im Wohnzimmer steht." Auch dies womöglich ein Grund, warum der Faktor Design in den letzten Jahren immer mehr Bedeutung gewonnen hat.

Messe der kleinen Hersteller

335 Aussteller sind zur High End 2011 gekommen, davon 168 aus dem Ausland. Die High End ist eine Messe der kleinen und mittleren Unternehmen. Zwar sind auch einige Branchengrößen wie Denon, Canton oder Panasonic vertreten, aber den Charme der Messe machen doch die kleineren Anbieter aus, die mit genialen Tüfteleien und exklusiven Einzelkomponenten für Faszination sorgen.

Ein großes Stück Faszination geht auf der Highend von den Lautsprechern aus. Zu den auch optisch beeindruckendsten Exponaten gehören die Hornlautsprecher des deutschen Herstellers Avantgarde Acoustic. Die riesigen hochglanzlackierten Hörner der Trio-Serie dürften die Sensation in jedem Eigenheim sein. Für die Dreizimmer-Wohnung sind die Klang-Giganten eher weniger geeignet. 102.000 Euro kostet das teuerste Modell. Immerhin, das ist der Paarpreis. Und der Klang? Keineswegs schlecht, soviel lässt sich nach der Vorführung im Hörraum mit Sicherheit sagen. Ähnlich luxuriöse Hornlautsprecher gibt auch von der Firma A Capella, ebenfalls ein deutsches Unternehmen, aus Duisburg.

Plattenspieler zu erschwinglichen Preisen

Neben den exklusiven Standboxen zählen Vinyl-Plattenspieler immer noch zu den Klassikern der Branche. Hier gibt es inzwischen nicht nur die ganz teuren Laufwerke ab 2000 Euro aufwärts, sondern auch den soliden Plattendreher für 500 oder 1000 Euro, ein Zeichen dafür, dass Plattenspieler mehr sind als nur ein kurzlebiger Nostalgie-Trip. Beispiele zeigt das österreichische Unternehmen Pro-Ject Audio Systems, das bereits ab 210 Euro schön anzusehende und gut verarbeitete Plattenspieler im Sortiment hat. Für rund 1000 Euro gibt es dann schon exklusive Modelle für den gut betuchten Musikliebhaber. Und wer mehr als 5000 Euro ausgeben will, hat auf der High End ebenfalls kein Problem fündig zu werden. Für 14.000 Euro gibt es dann wahre Manifeste der Ingenieurskunst wie etwa die Spitzenlaufwerke von Acoustic Solid. Der Hersteller hinter dem englischen Markennamen heißt eigentlich Wirth Tonmaschinenbau, der massive Aufbau der Plattenspieler passt zum Namen.

Skeptiker oder Pragmatiker halten Musikabspielgeräte aus diesen Preisregionen meistens für Irrsinn. Doch wo sonst in der Konsumwelt findet man noch so kompromisslos und liebevoll auf Qualität ausgerichtete Produkte? High End ist "das Salz in der Suppe" der Unterhaltungselektronik, meint dazu Alex Manninger, Vorstandsmitglied der High End Society.

Hornlautsprecher mit Basshorn in der Mitte von Avantgarde Acoustic

Aber wie gesagt, es geht hier um Musik und Emotionen. Wer also hören will, wie die Manifeste der Ingenieurskunst musizieren, begibt sich in einen der zahlreichen Hörräume der Messe. Dort sind komplette Anlagen ehrfurchtgebietend wie Altäre aufgebaut. Männer mit Fotoapparaten schleichen respektvoll um die Wunderwerke der Elektronik herum oder sitzen andächtig lauschend auf Klappstühlen. Und, anders als beim Elektro-Discounter, wagt es keiner, die Geräte anzufassen oder an den Reglern herumzudrehen.

Ehrfurchtgebietend kommen auch die ungewöhnlich gestalteten Boxen des französischen Traditionsherstellers Cabasse daher. Dessen Spitzenmodell Artis ist ein 4-Wege-Standlautsprecher mit integriertem Verstärker. Damit das System auch im eigenen Heim so klingt wie der Preis von 80.000 Euro verspricht, sind ein Steuergerät mit Raumeinmessung und Mikrofon im Preis enthalten. Damit können die Boxen an die akustischen Verhältnisse im Wohnzimmer angepasst werden. Das ist keine technische Spielerei, der Gewinn an Klangqualität nach einer solchen Anpassung ist hörbar.

Lautsprecher mit individueller Anpassung

Das Konzept ist allerdings auch deutlich billiger zu haben. So bietet beispielsweise Phonar Akustik ein individuell anpassbares System für etwa 12.000 Euro. Die edlen Standboxen von Phonar sind teilaktiv. Elektronisch steuern lässt sich hier der Tieftonbereich über einen digitalen Signalprozessor, der seine Rauminformationen ebenfalls von einem Mikrofon erhält. Das ist sinnvoll, denn in den meisten Wohnräumen ist es der Tieftöner, der Probleme macht. Dessen Schallwellen breiten sich kugelförmig aus und werden von der Wand hinter dem Lautsprecher reflektiert. Das wiederum führt häufig zu dem bei Highend-Kennern so gefürchteten "aufgedickten" Bass.

Trotz aller Bekenntnisse zur Musik und Emotionen, die High End spiegelt natürlich auch die Trends wider. So gibt es dieses Jahr eine Menge Geräte zu sehen, bei denen Lifestyle und Design im Vordergrund stehen. Etwa bei den flippigen Lautsprechern des bulgarischen Boxenspezialisten EBTB (EBTB, everything but the box). Die Entwickler haben sich offenbar von der Raumfahrt inspirieren lassen, dafür sprechen Produktnamen wie Sputnik oder Venus und das entsprechend extravagante Design der Boxen.

Mobile Kopfhörer

Ein weiterer Trend ist der zu hochwertigen Mobil-Kopfhörern. Die sind vor allem interessant für den Musikhörer, dem der mitgelieferte Ohrstöpsel von iPod und Co. nicht gut genug ist und dem auch der etwas bessere In-Ear Kopfhörer für 30 Euro nicht mehr reicht. Unternehmen wie Sennheiser, Beyer Dynamic oder auch das süddeutsche Unternehmen Ultrasone zeigen auf der Messe ihre klanglich optimierten Mobilhörer. Der Zino von Ultrasone kostet 99 Euro, der T 50 p von Beyer Dynamic satte 249 Euro. Gar 890 Euro verlangt das Heilbronner Unternehmen für sein mobiles Spitzenmodell, den T 5 p. Dafür dürfte der Musikliebhaber auch unterwegs mit klanglich ansprechender Kost versorgt sein.

Neben all den Exklusivitäten zollt die High End dem Trend zu Komfort und der Zusammenarbeit mit dem Computer ihren Tribut. Ein interessantes Produkt ist in diesem Zusammenhang die Media Box des bereits oben erwähnten österreichischen Herstellers Pro-Ject. Damit kann der Anwender Musik von SD-Karten oder USB-Stick über einen herkömmlichen Hi-Fi-Verstärker wiedergeben. Wer also im Lauf der Zeit seine Musik-CDs als MP3 auf die Festplatte seines PCs gerippt hat, kopiert diese einfach auf SD-Karte oder USB-Stick, steckt das Speichermedium in die Media Box und der D/A-Wandler (digital/analog) schickt die Musik an den Verstärker.

Eine gute Nachricht zum Schluss: Telefunken ist wieder da. Gemeint ist damit natürlich nur die Marke und nicht das 1903 gegründete Traditionsunternehmen, das schon lange nicht mehr existiert. Unter dem Namen Telefunken verbergen sich jetzt eine Reihe so genannter Partnerunternehmen, die Elektronikprodukte unter dem Traditions-Logo vermarkten. Die auf der Highend 2011 vorgestellten Komponentenanlagen und Minisysteme der Serie "Perfekt Audio" machen allerdings nicht den Fehler, nostalgische Erinnerungen durch Retro-Formen zu wecken, höchstens dezente Anklänge an 70er-Jahre-Design haben sich die Entwickler erlaubt.

Die neuen Telefunken sind zeitgemäß gestaltete HiFi-Komponenten im Aluminiumgehäuse. Zielgruppe ist der nüchtern kalkulierende Hi-Fi-Fan, der für Einzelkomponenten wie CD-Player, Verstärker oder Tuner jeweils nicht viel mehr als 500 Euro ausgeben mag. Mit guten Lautsprechern und ordentlichen Kabeln kann auch so eine Stereoanlage schon sehr schön musizieren. Und Musik, das war es doch, worauf es bei der High End ankommt.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%