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Hirnforschung Wie das Gehirn im Alter besser wird

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Ernst Pöppel

Eine weitere Motivation für mich, ein Gedicht zu lernen, ist: Ich stelle damit einen zeitübergreifenden sozialen Bezug her. So ist zum Beispiel der Anfang des Liedtextes »Der Mond ist aufgegangen « von Matthias Claudius die Übersetzung eines Gedichtes der griechischen Dichterin Sappho, die vor über 2500 Jahren lebte. Allerdings geht das Gedicht bei Sappho anders weiter als bei Claudius, es wird erotisch.

Man stellt aber mit älteren Gedichten generell immer einen Zeitbezug zu heute und zu unserem Kulturkreis her und merkt, dass all unsere grundsätzlichen Lebensfragen die Menschen schon immer beschäftigt haben. Das ist auch ein tröstlicher Gedanke. Aus diesem Grunde lerne ich auch nicht nur Gedichte einer bestimmten Zeitepoche, etwa nur der Romantik oder nur moderne Gedichte, denn damit würde mir viel entgehen. Vielmehr verinnerliche ich etwas über verschiedene Epochen. Die Kür besteht dann darin, Gedichte in anderen Sprachen zu lernen, um auch etwas über andere Kulturen zu erfahren. »Omnia mea mecum porto«, »alles, was ich habe, trage ich mit mir«. Darum geht es auch bei der in neuen Bibliothek.

Neben dem Erstellen einer inneren Bibliothek geht es mir beim Gedichtelernen noch um etwas anderes: Gedichte kann ich auch in ein Gesprächeinfl echten und gebe diesem damit eine neue Richtung. Ein Thema erhält durch Gedichte eine würdige Bedeutung, und ich kann es damit gleichzeitig elegant beenden, weil mein Gegenüber dann meist lieber über Gedichte und das Phänomen des Auswendiglernens spricht. Und auf diese Weise bediene ich auch meine – allzumenschliche – Eitelkeit.

Der Squashprofessor

Aber nicht nur die Lyrik, sondern auch der Sport ist für mich immer eine besondere Herausforderung gewesen. Als ich Professor wurde und Medizinstudenten unterrichten musste, habe ich beschlossen, einen neuen Sport zu lernen. Es war Squash, was man vor allem in England und an der Ostküste der USA spielt. Ich habe jeden Tag trainiert, woran zu sehen ist, dass ein Professor durchaus auch Zeit für andere Tätigkeiten hat. Daran ist weiterhin zu sehen, dass man auch im Erwachsenenalter neue Bewegungsabläufe lernen kann, obwohl das immer als schwierig gilt.

Eine Voraussetzung ist allerdings, dass man als Kind viel Sport betrieben hat. Dann fällt es einem im Alter und sogar im hohen Alter umso leichter, sich noch einmal neue Bewegungsabläufe anzueignen. Bei mir hat es jedenfalls so gut geklappt, dass ich den Studenten regelmäßig folgendes Angebot gemacht habe: Sie müssen keine Prüfung in medizinischer Psychologie ablegen, wenn sie mich im Squash schlagen. Das ist allerdings niemandem gelungen. In der Münchner Abendzeitung stand dann irgendwann einmal ein Bericht über den »Squashprofessor«.

Jetzt, da ich älter bin, lasse ich mich vermehrt auf die für mich faszinierendste Sportart und die schwierigste Sportart überhaupt ein, nämlich das Golfspielen. Bislang ist meine Lernkurve jedoch leider eher flach. Vor allem das Einlochen des Balls fällt mir schwer. Nun habe ich erst einmal einen wissenschaftlichen Artikel darüber geschrieben, mit dem Titel »Putting is impossible« – »Einlochen ist unmöglich«: Was leicht aussieht, muss nicht leicht sein, und einen liegenden Ball mit einer exakt abgestimmten Geschwindigkeit in eine präzise Richtung zu stoßen, bei unterschiedlichen Oberflächen des Rasens oder unterschiedlichen Neigungswinkeln des Grüns, ist außerordentlich kompliziert. Das alles zu lernen, ist eine wirkliche Herausforderung, die ich aber mit sehr viel Freude annehme.

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