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Hörhilfen Hörgeräte-Miniaturisierung sorgt für Revolution im Ohr

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Wie sich die Zahl schwerhöriger Menschen weltweit entwickelt

Das Hören neu erlernen müssen deshalb all jene Schwerhörigen, die sich jahrelang ohne technische Hilfe durchs Leben schlugen. Da in der Regel die hohen Frequenzen zuerst verloren gehen, fehlt diesen Menschen vor allem die Erinnerung an Zisch- und Knack-Laute wie sie bei den Lauten „sch“ und „z“ oder „p“ und „t“ auftreten.

So wurde an der Universitätsklinik Mainz im Jahr 2007 untersucht, wie lange Menschen brauchen, um die entsprechenden Laute selbst nach Einsatz eines top-modernen Hörgeräts wieder richtig verstehen und nachsprechen zu können. Wurde einem 58-jährigen Probanden ein „zick“ vorgesprochen, so sagte er anfangs „rick“. Nach etwa zwei Monaten wurde daraus „schick“. Und erst nach drei Monaten hörte und sagte der Mann wieder ganz korrekt: „Zick.“ Wer zu lange gewartet hat, dem kann allerdings auch mit neuester Technik nicht mehr geholfen werden: Manche Hörleistungen lassen sich dann einfach nicht mehr restaurieren.

Das macht die Arbeit für Hörgeräteakustiker oftmals schwierig. Sie sind es, die zusammen mit den Patienten das vom Ohrenarzt verordnete Hörgerät aussuchen und anpassen müssen. Und dann erleben sie die Frustration von Menschen, die auf diesen langwierigen Lernprozess nicht vorbereitet sind, sondern davon ausgehen, dass sie mit der Technik vom ersten Tag an wieder optimal hören können. Auch die Hersteller bekommen einen Teil des Ärgers ab. „In der Regel kommen die Kunden zehn Jahre zu spät“, beklagt Wolfgang Bennedik, Geschäftsführer von Phonak in Deutschland. Derzeit liegt das Durchschnittsalter der etwa drei Millionen deutschen Hörgeräte-Benutzer bei 72 Jahren.

Das soll in Zukunft anders werden. „Das Stigma zu überwinden ist unsere größte Aufgabe“, sagt Valentin Chapero, der Geschäftsführer der im Schweizer Stäfa beheimateten Phonak. Wie seine Branchenkollegen geht er davon aus, dass die in die Jahre kommende Generation der Babyboomer für steigende Umsätze sorgen wird: unternehmungslustige junge Alte, die keine Abstriche an ihrer Lebensqualität dulden, zugleich aber eitel und technikverliebt sind.

Hörhilfen voller High-Tech

Und High Tech steckt reichlich in den neuen Hörhilfen, ganz gleich, ob sie hinter dem Ohr oder im Gehörgang getragen werden. Mit den mechanischen Hörrohren und Hörschläuchen, die im 17. Jahrhundert entwickelt wurden, haben sie so wenig gemein wie mit den monströsen, elektrisch betriebenen Apparaten, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts erstmals auf den Markt kamen. 100 Jahre technischer Entwicklung sorgten zwar dafür, dass die Hörhilfen immer kleiner und komfortabler wurden. Doch ein Mangel blieb: Die Akustik, die sie lieferten, ließ stark zu wünschen übrig. Das Hauptproblem war, dass sie einen Klangbrei produzierten, wenn sich ihr Träger in einer Gruppe von Menschen aufhielt – der sogenannte Party-Effekt.

Die Revolution im Ohr begann 1996, als der dänische Hersteller Widex das digitale Zeitalter auch bei Hörgeräten einläutete. Damit wurden die Apparate noch einmal kleiner. Heute verschwinden sie meist ganz hinter der Ohrmuschel. Und seit Batterien ebenfalls in Miniformaten verfügbar sind, verschwinden Hörhilfen als „Im-Ohr-Lösungen“ auch komplett im Gehörgang.

Gleichzeitig stieg die Leistungsfähigkeit der bis über 5000 Euro teuren Geräte: Moderne Hörgeräte sind Mini-Computer mit enormer Rechenkraft. So steckt beispielsweise im Top-Modell Exélia von Phonak ein Hybrid-Chip, der nur 1,7 mal 3,6 mal 5,6 Millimeter groß ist. Das entspricht etwa dem Viertel eines kleinen Fingernagels. Der Winzling besteht aus drei aufeinander geklebten Einzel-Chips mit insgesamt sechs Prozessoren und acht Millionen Transistoren. Damit können bis zu 120 Millionen Rechenoperationen pro Sekunde ausgeführt werden. Audio-Daten lassen sich so in Echtzeit zwischen den Hörgeräten in beiden Ohren austauschen und miteinander abgleichen.

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