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IBM-Manager im Interview "Wir verkaufen uns unter Wert"

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Erich Baier:

Fokussiert sich die öffentliche Aufmerksamkeit also zu sehr auf nationale „Leuchttürme“?

Ehrlich gesagt wurmt es mich schon, dass wir in erster Linie als „einer von diesen internationalen Riesen“ gelten. Natürlich ist auch IBM Deutschland Teil eines Weltkonzerns. Aber wir sind eben auch hier im Land ein technologisches Schwergewicht. Mit rund 21 000 Mitarbeitern beschäftigen wir in Deutschland mehr Menschen als beispielsweise SAP. Und auch was Hightech-Arbeitsplätze angeht, sind wir ganz vorne dabei. Mit rund 2200 Beschäftigten in Forschung und Entwicklung in Böblingen und den Außenstellen in Mainz und Walldorf lassen wir manchen deutschen Konzern klar hinter uns.

Entscheidend ist doch, dass wir in Deutschland möglichst viele hoch qualifizierte Arbeitskräfte haben, egal, ob in internationalen Konzernen oder bei nationalen Leuchttürmen. Eine vordergründige nationale Denke bei der Förderung von Unternehmen oder Ansiedelungen ist jedenfalls der falsche Ansatz.

Nur ist es leider so, dass auch Franzosen, Briten oder Amerikaner unverhohlen ihre nationalen Technologiekonzerne protegieren. Deutschland soll zusehen – und den Kürzeren ziehen?

Nein, aber wenn man etwas tut, dann muss man es richtig machen. Statt zu schauen, wo die Stärken des eigenen Standorts liegen, wird ganz grundsätzlich diskutiert, welche Industrien diesem Land gut zu Gesicht stünden. Und dann fließen die Millionen – unabhängig davon, ob Deutschland in dieser oder jener Branche noch Standortvorteile im internationalen Wettbewerb hat.

Um es klar zu sagen: Vor ein paar Jahren galt die Halbleiterproduktion international als Boombranche. Also musste sie das auch in Deutschland sein. Bund und Länder haben Millionen von Fördergeldern aufgebracht, um beispielsweise die Chipproduktion zu unterstützen.

Die Ansiedelung der Chipfabriken galt mal als industriepolitisches Meisterstück.

Heute zeigt sich, dass es ein Irrtum war. Das kurzzeitig entfachte Feuer ist längst wieder erloschen, weil sich die Halbleiterfertigung bei uns nicht mehr etablieren konnte. Sie ist – jedenfalls in weiten Teilen – kein Know-how-Geschäft mehr, sondern schlichte Massenproduktion. Das funktioniert in Deutschland einfach nicht.

Sie erteilen staatlicher Investitionsförderung also eine klare Absage?

Andersrum wird ein Schuh daraus: Kein Unternehmen handelt verantwortungsvoll, wenn es Standortentscheidungen alleine von Fördergeldern abhängig macht und nicht davon, ob es tragfähige ökonomische Konzepte gibt. Erst wenn sich das Projekt wirtschaftlich rechnet, dürfen staatliche Hilfen – wie beispielsweise Infrastrukturmaßnahmen – relevant werden.

Eines der Standardargumente gegen den Standort Deutschland sind die hohen Lohnkosten. Wie rechtfertigen Sie intern das teure Böblingen gegenüber anderen IBM-Forschungszentren in Staaten wie China oder Indien?

Um ehrlich zu sein, führen wir die Diskussion gar nicht, was bei uns ein Entwickler kostet. Klar, bei Hard- und Softwareproduktion als Massengeschäft zählt jeder Cent. Aber wir betreiben High-Tech-Forschung und -Entwicklung. Da ist die Frage, wie schnell sind wir bei der Identifikation von Zukunftstrends, wie gut bei der Konzeption der passenden Technologien und wie schnell können wir sie marktreif entwickeln? Da ist Böblingen seit Jahren einer der produktivsten Standorte im IBM-Verbund. Wir könnten uns auch vorstellen, ein paar Projekte an andere Standorte abzugeben, um uns auf neue, strategische Themen konzentrieren zu können.

Finden Sie denn in Deutschland die Nachwuchskräfte, die Sie brauchen? Die Branche stöhnt seit Jahren über Fachkräftemangel.

Wir profitieren natürlich davon, dass der Name IBM noch eine gewisse Strahlkraft hat. Aber wir sind auch sehr aktiv bei der Zusammenarbeit mit der Wissenschaft. 65 Leute hier aus Böblingen halten beispielsweise regelmäßig Vorlesungen an Universitäten und Fachhochschulen. Wir stellen Professoren an Lehrstühle ab, unterstützen Forschungsprojekte, vergeben Aufträge für Diplomarbeiten – und wir haben jedes Jahr rund 400 Studenten, die teilweise mehr als sechs Monate in unseren Teams arbeiten. Bisher funktioniert das sehr gut, denn die besten Leute wechseln nach dem Studium direkt zu uns. Wir haben jedenfalls seit Jahren keine Stellenanzeige mehr schalten müssen.

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