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IBM-Manager im Interview "Wir verkaufen uns unter Wert"

Der Chef des IBM-Forschungszentrums Böblingen, Erich Baier, über Strohfeuer, Schwächen nationalen Denkens und Deutschland als Trendsetter in der Informationstechnik.

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Der Forschungschef von IBM Erich Baier Quelle: IBM

WirtschaftsWoche: Herr Baier, Ihr Vorgänger Herbert Kircher stand mehr als 20 Jahre an der Spitze des Zentrums in Böblingen. Als er antrat, war das World Wide Web noch nicht erfunden, waren Handys, Navigationsgeräte im Auto oder über Funk programmierbare Herzschrittmacher noch Visionen. Welche Techniken werden unseren Alltag in 20 Jahren bestimmen?

Erich Baier: Du lieber Himmel, 20 Jahre! Wenn ich das wüsste. Was ich sagen kann ist, dass ich dann sicher nicht mehr Chef in Böblingen bin, sondern hoffentlich die Rente genieße. Aber wo und wie genau sich die Informationstechnik in unserem Leben breit gemacht hat, das kann über einen so langen Zeitraum – jedenfalls glaubwürdig – heute noch keiner genau vorhersagen.

Verkürzen wir die Prognosefrist: Welche Trends in der IT werden die absehbare Zukunft bestimmen?

Das ist leichter. Immerhin arbeiten wir ganz kräftig daran mit: Vor allem wird sich die IT in immer mehr Lebensbereichen vernetzen. Schon heute funktioniert im Alltag kaum noch etwas ohne irgendeine Form von Computereinsatz. Sei es der Betrieb von Supermärkten, das Management der Energienetze oder die Steuerung des Flugverkehrs – ohne IT geht nichts mehr. Nur existieren diese Systeme heute zumeist nebeneinander her.

Das wird sich massiv ändern. Wir sind in Böblingen intensiv dabei, technische Voraussetzungen zu entwickeln, um die IT-Infrastruktur der Zukunft zu schaffen. In Unternehmen, in der Verwaltung oder im Privatleben, in allen Lebensbereichen werden übergreifende IT-Systeme die Abläufe beschleunigen und effizienter machen. Wir nennen diese Idee bei IBM „Smarter Planet“ – den intelligenteren Planeten.

Geht das vielleicht etwas konkreter?

Ein Beispiel: Bisher sind Kommunikations- und Energienetze in Unternehmen und Privathaushalten strikt getrennt. Dabei ließe sich schon jetzt der Energieverbrauch – von der Waschmaschine bis zu Klimaanlage – über Steuerimpulse aus dem Netz an die verfügbare Energiemenge anpassen. Das würde teure und ineffiziente Spitzenlasten vermeiden. In der Praxis aber hapert es noch an der Verknüpfung der Systeme. Genauso wie im Gesundheitswesen. Auch dort existieren die Infrastrukturen von Krankenkassen, Ärzten und Krankenhäusern getrennt voneinander. Alleine der Austausch von Daten verursacht immense Kosten. Hier eröffnet die Vernetzung enorme Potenziale.

Kann die neue elektronische Gesundheitskarte, die 2009 in Deutschland an den Start geht, diese Effizienzgewinne ermöglichen?

Das ist ein perfektes Beispiel und es geht in die richtige Richtung. Endlich werden die Spieler in der Gesundheitswirtschaft vernetzt, die bisher alle ihre eigenen technischen Gärtchen gepflegt haben. Nun kann die Informationstechnik im Gesundheitswesen zu einem der großen Zukunftsthemen werden, bei denen Deutschland die technologischen Trends setzt.

Deutschland als Trendsetter in der IT? Gemeinhin gelten doch Regionen wie das Silicon Valley als Speerspitze der Computerei?

Wenn mir in den wenigen Monaten, die ich nun wieder in Deutschland bin, etwas klar geworden ist, dann das: Wir brauchen uns hinter Technologie-Standorten wie dem Silicon Valley wahrlich nicht zu verstecken. Vielleicht trauen wir Deutschen uns die Exzellenz nicht zu, vielleicht verkaufen wir uns auch unter Wert.

Aber die Realität ist, dass wir hier exzellent ausgebildete Fachleute haben, Menschen, die sehr interdisziplinär denken, global vernetzt sind und unheimlich produktiv. Dazu haben wir eine vielfach erstklassige Vernetzung von Hochschulen und Wirtschaft. Diese Zusammenarbeit ist viel, viel besser als ihr Ruf. Und sie geht inzwischen auch weit über die – nennen wir sie mal „klassischen deutschen“ – Branchen Automobil- und Maschinenbau hinaus.

Das Bild vom etwas verschnarchten, zipfelbemützten Michel ist also überholt?

Wenn ich mir die jungen Menschen von heute ansehe, dann sind die gedanklich und geografisch um ein Vielfaches beweglicher als sie es in dem Maße waren, als ich in den Neunzigern aus Deutschland weggegangen bin. Die einst so gescholtene Beamtenmentalität habe ich jedenfalls kaum mehr vorgefunden.

Was bedeutet "kaum mehr"?

Natürlich gibt es in Politik, Verbänden und Wissenschaft immer noch Leute, die Veränderung als Gefahr sehen. Manche Hochschulen tun sich schwer, sich vom Gedanken der rein akademischen Ausbildung zu lösen und sich an eine mehr praktische, ergebnisorientierte Arbeit anzunähern. Und natürlich kämpfen die Vertreter der genannten „deutschen“ Industrien vehement um ihre Vormachtstellung in der politischen und öffentlichen Wahrnehmung. Andere Branchen, auch die IT, tun sich da noch immer etwas schwer.

Automobil- und Maschinenbau haben, was die Zahl der Arbeitsplätze angeht, eine ganz andere Relevanz in Deutschland als etwa die IT-Unternehmen. Da fehlen – abgesehen vielleicht von SAP – große Namen mit Strahlkraft.

Mag sein. Aber zum einen sind – und das sagen auch die Auto- und Maschinenbauer – ein Großteil der Innovationen quer durch alle Branchen nur noch durch den Einsatz von IT möglich. Zum anderen gibt es in Deutschland einen enormen Fundus an erstklassigem Know-how, speziell in der Softwarebranche. Es ist ja nicht so, dass nur IBM hier Forschung und Entwicklung betreibt. Von General Electric über 3M bis Philips sind eine Vielzahl internationaler Konzerne mit Technologiezentren in Deutschland präsent – auch wenn diese viel kleiner sind als unser Standort in Böblingen. Das spricht doch für sich.

Erich Baier:

Fokussiert sich die öffentliche Aufmerksamkeit also zu sehr auf nationale „Leuchttürme“?

Ehrlich gesagt wurmt es mich schon, dass wir in erster Linie als „einer von diesen internationalen Riesen“ gelten. Natürlich ist auch IBM Deutschland Teil eines Weltkonzerns. Aber wir sind eben auch hier im Land ein technologisches Schwergewicht. Mit rund 21 000 Mitarbeitern beschäftigen wir in Deutschland mehr Menschen als beispielsweise SAP. Und auch was Hightech-Arbeitsplätze angeht, sind wir ganz vorne dabei. Mit rund 2200 Beschäftigten in Forschung und Entwicklung in Böblingen und den Außenstellen in Mainz und Walldorf lassen wir manchen deutschen Konzern klar hinter uns.

Entscheidend ist doch, dass wir in Deutschland möglichst viele hoch qualifizierte Arbeitskräfte haben, egal, ob in internationalen Konzernen oder bei nationalen Leuchttürmen. Eine vordergründige nationale Denke bei der Förderung von Unternehmen oder Ansiedelungen ist jedenfalls der falsche Ansatz.

Nur ist es leider so, dass auch Franzosen, Briten oder Amerikaner unverhohlen ihre nationalen Technologiekonzerne protegieren. Deutschland soll zusehen – und den Kürzeren ziehen?

Nein, aber wenn man etwas tut, dann muss man es richtig machen. Statt zu schauen, wo die Stärken des eigenen Standorts liegen, wird ganz grundsätzlich diskutiert, welche Industrien diesem Land gut zu Gesicht stünden. Und dann fließen die Millionen – unabhängig davon, ob Deutschland in dieser oder jener Branche noch Standortvorteile im internationalen Wettbewerb hat.

Um es klar zu sagen: Vor ein paar Jahren galt die Halbleiterproduktion international als Boombranche. Also musste sie das auch in Deutschland sein. Bund und Länder haben Millionen von Fördergeldern aufgebracht, um beispielsweise die Chipproduktion zu unterstützen.

Die Ansiedelung der Chipfabriken galt mal als industriepolitisches Meisterstück.

Heute zeigt sich, dass es ein Irrtum war. Das kurzzeitig entfachte Feuer ist längst wieder erloschen, weil sich die Halbleiterfertigung bei uns nicht mehr etablieren konnte. Sie ist – jedenfalls in weiten Teilen – kein Know-how-Geschäft mehr, sondern schlichte Massenproduktion. Das funktioniert in Deutschland einfach nicht.

Sie erteilen staatlicher Investitionsförderung also eine klare Absage?

Andersrum wird ein Schuh daraus: Kein Unternehmen handelt verantwortungsvoll, wenn es Standortentscheidungen alleine von Fördergeldern abhängig macht und nicht davon, ob es tragfähige ökonomische Konzepte gibt. Erst wenn sich das Projekt wirtschaftlich rechnet, dürfen staatliche Hilfen – wie beispielsweise Infrastrukturmaßnahmen – relevant werden.

Eines der Standardargumente gegen den Standort Deutschland sind die hohen Lohnkosten. Wie rechtfertigen Sie intern das teure Böblingen gegenüber anderen IBM-Forschungszentren in Staaten wie China oder Indien?

Um ehrlich zu sein, führen wir die Diskussion gar nicht, was bei uns ein Entwickler kostet. Klar, bei Hard- und Softwareproduktion als Massengeschäft zählt jeder Cent. Aber wir betreiben High-Tech-Forschung und -Entwicklung. Da ist die Frage, wie schnell sind wir bei der Identifikation von Zukunftstrends, wie gut bei der Konzeption der passenden Technologien und wie schnell können wir sie marktreif entwickeln? Da ist Böblingen seit Jahren einer der produktivsten Standorte im IBM-Verbund. Wir könnten uns auch vorstellen, ein paar Projekte an andere Standorte abzugeben, um uns auf neue, strategische Themen konzentrieren zu können.

Finden Sie denn in Deutschland die Nachwuchskräfte, die Sie brauchen? Die Branche stöhnt seit Jahren über Fachkräftemangel.

Wir profitieren natürlich davon, dass der Name IBM noch eine gewisse Strahlkraft hat. Aber wir sind auch sehr aktiv bei der Zusammenarbeit mit der Wissenschaft. 65 Leute hier aus Böblingen halten beispielsweise regelmäßig Vorlesungen an Universitäten und Fachhochschulen. Wir stellen Professoren an Lehrstühle ab, unterstützen Forschungsprojekte, vergeben Aufträge für Diplomarbeiten – und wir haben jedes Jahr rund 400 Studenten, die teilweise mehr als sechs Monate in unseren Teams arbeiten. Bisher funktioniert das sehr gut, denn die besten Leute wechseln nach dem Studium direkt zu uns. Wir haben jedenfalls seit Jahren keine Stellenanzeige mehr schalten müssen.

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