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Inflation Steigende Rohstoffpreise zwingen Firmen zu mehr Effizienz

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Energieeffizienz

Gerade den produzierenden Unternehmen im rohstoffarmen Deutschland muss es daher gelingen, Wachstum und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln, wollen sie im globalen Kostenwettbewerb überleben. Schon heute wenden sie fast die Hälfte ihrer Produktionskosten für Material und Energie auf (siehe Grafik). Schaffen sie es nicht, diese Ausgaben zu senken, drohen sie davon erdrückt zu werden.

Dabei könnte die deutsche Industrie viele Milliarden Euro sparen, würde sie modernste Fertigungstechnik einsetzen und ihre Prozesse auf Sparsamkeit trimmen. Nach Berechnungen der Deutschen Materialeffizienzagentur (Demea) in Berlin könnte allein das verarbeitende Gewerbe seine Materialkosten bis zum Jahr 2030 um ein Fünftel senken. Nach heutigem Stand würde das 100 Milliarden Euro bringen – im Jahr.

Noch aber folgen erst wenige Unternehmen dem Vorbild Vorwerk und wagen den großen Wurf. Allzu oft beschränken sich die Aktivitäten auf Einzelmaßnahmen. Erster Schritt sei es, Stoff- und Energieströme überhaupt erst einmal zu erfassen, sagt Vorwerk-Experte Kämper. Als er vor 20 Jahren loslegte, wusste niemand im Unternehmen, welche Maschine und welcher Prozess wie viel Energie und Material verschlang. Heute überwachen 150 digitale Zähler minütlich den Strom- und Wärmeverbrauch, wird der Materialeinsatz exakt erfasst.

Mehr Jobs, weniger Schulden

Auch gesamtwirtschaftlich hätte der Spar-wahn positive Wirkungen. Denn erschlösse die Wirtschaft die Effizienzpotenziale, fiele das Bruttoinlandsprodukt laut einer Modellrechnung des Umweltbundesamts 2030 um 14,2 Prozent oder 375 Milliarden Euro höher aus. Die Staatsverschuldung sänke um 226 Milliarden Euro (–10,5 Prozent), und wegen des stärkeren Wirtschaftswachstums fänden fast 700 000 Menschen mehr eine Arbeitsstelle.

Damit nicht genug. Entwickeln deutsche Unternehmen rechtzeitig innovative Spartechniken, winken lukrative Zusatzgeschäfte. Nach Schätzungen der Unternehmensberater von Roland Berger werden sich die Umsätze mit neuen Produkten und Verfahren zur Rohstoffeffizienz bis 2020 gegenüber heute auf weltweit 335 Milliarden Euro etwa verdreifachen.

Allerdings hat sich das anscheinend noch nicht allzu weit herumgesprochen. „Es ist faktisch keinerlei Fortschritt erkennbar“, kritisiert Johannes Lackmann, Leiter des Zentrums für Ressourceneffizienz (ZRE) in Berlin, das dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI) gehört. Halte der Schlendrian an, werde das Ziel der Bundesregierung, die Ressourcenproduktivität in Deutschland bis 2020 zu verdoppeln, „weit verfehlt“.

Radikal umdenken

Fraunhofer-Präsident Hans-Jörg Bullinger fordert die Unternehmen deshalb zum radikalen Umdenken auf: „An die Stelle maximalen Gewinns aus minimalem Kapitaleinsatz muss maximaler Gewinn aus minimalem Ressourcenaufwand treten.“

Das will sorgfältig geplant sein. „Erst wenn systematisch gemessen wird, zeigt sich, wo Verschwendung entsteht und welche Maßnahmen ökologisch wie ökonomisch besonders viel bringen“, sagt Herbert Hoelt-schl, Konzernbeauftragter für Nachhaltigkeit und Umweltschutz beim Münchner Automobilbauer BMW. Den Bayern hat der neue Fokus auf die Transparenz geholfen, den Energieverbrauch je produziertes Auto um neun Prozent zu reduzieren. Ersparnis seit 2007: mehr als 71 Millionen Euro.

Als Nächstes wollen die BMW-Entwickler Stahlblech effizienter einsetzen: Sie entwickeln dünnere Karosserien, bei deren Produktion zugleich weniger Verschnitt entsteht. Zudem wollen die Münchner noch mehr recyceltes Aluminium einsetzen, dessen Aufbereitung nur fünf Prozent der Energie der primären Aluminiumproduktion benötigt. „Kein Prozess ist schon ausgereizt. Überall lässt sich noch etwas herausholen“, ist Hoelt-schl überzeugt. Auch andere Pioniere machen vor, wie Profitabilität und Ressourcenschonung zusammenpassen: Beim Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern Bayer ist die beständige Suche nach Effizienzreserven fester Bestandteil des Innovationsprozesses. Immer wieder stoßen die Ingenieure dabei auf Ideen, die dem Unternehmen viel Geld sparen. So stellt der Konzern in diesem Jahr die Chlorproduktion zunächst am Standort Uerdingen auf ein Verfahren um, das 30 Prozent weniger Energie verbraucht. Tony Van Osselaer, Vorstandsmitglied von Bayer-Materialscience, will allein für seine Konzernsparte jährlich 40 Millionen Euro Strom- und Wärmekosten sparen.

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