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Jeff Jarvis im Interview "Ich bin ein Heuchler"

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In Ihrem Buch propagieren Sie Transparenz und Offenheit am Beispiel von Google. Google ist jedoch alles andere als transparent. Die Suchalgorithmen sind bis heute geheim...

...was beweist, dass Google mehr Transparenz fordert, als das Unternehmen selbst praktiziert. Bei den Suchalgorithmen ist das Problem, dass es eine ganze Industrie gibt, die nichts anderes versucht, als diese auszutricksen. Insofern kann ich eine gewisse Geheimhaltung nachvollziehen.

Man könnte aber auch argumentieren, dass die Offenlegung die Suchalgorithmen sicherer machen würde. Vielleicht hat die Allgemeinheit ja Ideen, auf die Google noch nicht gekommen ist.

Im Grunde stimmt das. Das Problem ist, dass das Internet alles andere als geordnet ist. Manchmal muss man eben Kompromisse machen – beispielsweise dafür sorgen, dass Betrüger das Netz nicht für alle ruinieren.

Deutsche plaudern nicht so freizügig über sich selbst im Internet

Wer nicht über Google auffindbar ist, existiert nicht, schreiben Sie in Ihrem Buch. Finden Sie das nicht Furcht einflößend?

Man kann es auch verallgemeinern – wenn man keine Spuren im Internet hinterlässt, existiert man nicht. Die Diskussion darüber dreht sich immer gleich um Privatsphäre, besonders bei Deutschen. Der Großvater meiner Frau wanderte 1923 aus Deutschland aus, aber er blieb sein ganzes Leben deutsch. Er sagte immer: „Die Leute müssen das nicht wissen, erzählt nicht so viel.“ Ich grüble bis heute darüber, warum Blogs in Deutschland nicht so populär sind wie in den USA.

Mir wurde gesagt, dass dies daran liegt, dass die Deutschen nicht so freizügig über sich selbst im Internet plaudern wollen. Als ich neulich die „Zeit“ in Hamburg besuchte, erzählte ein Redakteur, dass er ebenfalls zögert, Persönliches im Internet preiszugeben. Aber seine Kinder wären da ganz anders. Bleibt die deutsche Kultur so, oder prägt die Jugend ein neues Verständnis von Privatsphäre? Die Gefahr bei der Diskussion um Privatsphäre ist, dass sie oft die Vorteile unterschlägt, die mehr Offenheit mit sich bringt. Bei Flickr werden Fotos generell für die Allgemeinheit veröffentlicht. Wenn man das nicht möchte, kann man es anders einstellen. Das ist der richtige Ansatz.

Sie geben auf Ihrem Blog viel über sich preis. Hat das auch Nachteile?

Absolut, zum Beispiel, wenn man bösartig attackiert wird. Es gibt dieses kulturelle Verständnis, er hat sich das durch seine Offenheit selber eingebrockt, also muss er auch damit fertig werden.

Sie fordern in Ihrem Buch, dass Unternehmen stärker auf ihre Kunden hören sollten. Fürchten Sie nicht die negativen Konsequenzen des Massengeschmacks?

Ich habe nie behauptet, dass die Mehrheit sich durchsetzen sollte. Aber eine Diskussion muss doch erlaubt sein. Nehmen wir an, Google betriebe ein Restaurant, und die Gäste würden ihre Meinung über das Menü kundtun. Verantwortlich wäre dann aber immer noch der Küchenchef. Ich will zwar nicht, dass die Gäste das Menü bestimmen. Aber wie viel besser wäre der Küchenchef, wenn er auf Feedback hören würde! Es geht nicht um Mob oder Anarchie, sondern darum, was man aus ernsthaften Diskussionen herausziehen kann.

Wie erklären Sie sich dann den Erfolg von Apple? Das Unternehmen ist nicht gerade dafür bekannt, dass es auf seine Kunden hört.

Apple ist die große Ausnahme. Die können sich das leisten, weil ihre Produkte so gut und durchdacht sind. Diese Art von Qualität und Kontrolle hat immer noch Wert. Der Kunde will letztlich ernst genommen werden – wenn das Produkt ihn befriedigt, ist eine Hürde schon mal genommen.

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