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Kernenergie Atomkraft: Die Risiken des deutschen Sonderwegs

Europa setzt wieder auf Atomkraft, baut neue Meiler und lässt alte länger laufen. Deutschland ist umzingelt – hadert aber mit der Kernenergie. Derweil machen deutsche Unternehmen mit Nuklear-Technik gute Geschäfte. Ein politischer Sonderweg mit wirtschaftlichen Risiken.

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Atommeiler in Biblis: Europa Quelle: dpa/dpaweb

Ganz Europa setzt wieder auf Kernkraft. Ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Germanen bevölkertes Land hört nicht auf, dem Atomstrom Widerstand zu leisten. Die bei Demonstrationen gerne rauflustigen Deutschen fürchten sich zwar nicht davor, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt – aber vor der Nukleartechnologie haben sie große Angst.

So könnte die Geschichte beginnen, frei nach Asterix und Obelix: mit dem Kampf der Öko-Krieger gegen französische Atom-Imperialisten und schwedische Verräter. Mit der Schlacht unerschrockener Idealisten, die die Feldherren der Energie-Multis das Fürchten lehren. Dumm ist nur, dass den modernen Galliern im Geiste eine wichtige Waffe fehlt: der Zaubertrank.

Offenbar glauben viele Deutsche, bei der Energieversorgung ginge es ihnen wie dem Hinkelsteinträger Obelix, der schon als Baby in den Zaubertrank gefallen war: Sie fühlen „unermessliche Kräfte“, scherzte jüngst RWE-Chef Jürgen Großmann bei einer Rede im Frankfurter Union International Club. Bisher komme der Strom schließlich jederzeit aus der Steckdose.

Doch Energieversorgung ist kein Selbstläufer. Seit Russland der Ukraine den Gashahn wiederholt zudrehte, ist die Botschaft nicht nur bei den frierenden Osteuropäern angekommen. Mit der Kälte kam die Erkenntnis, dass die Abhängigkeit vom Nachbarn gefährlich und die Nutzung der eigenen Energiequellen umso wichtiger ist. Hätte der Lieferstopp ein paar Tage länger gedauert, wäre es auch in Deutschland „knapp geworden“, sagt Großmann. Wenn Fabriken stillgelegt worden wären, damit wenigstens Krankenhäuser Wärme und Strom haben – „was wäre da losgewesen?“.

Neue Atommeiler in Europa in Bau

Auf einmal besinnt sich Europa – weltweit Nummer eins in Sachen Kernkraft – wieder auf alte Stärken. Frankreich baut einen neuen Atommeiler in der Normandie und plant weitere Projekte. Die Franzosen bauen zudem in Finnland – und zwar am stärksten Reaktor der Welt. Bald soll es auch auf Baustellen in der Slowakei und in Bulgarien weitergehen. Und bei den Briten ist der Neubau sogar im Umweltprogramm der Labour Party festgeschrieben. Auch Balten, Polen und Rumänen erhoffen sich durch Atomstrom künftig mehr Unabhängigkeit vom russischen Gas. Sogar die Italiener, einst Atom-Aussteiger, planen fünf neue Reaktoren. Und plötzlich schwenken selbst die Schweden um. 30 Jahre nach dem Votum des Volkes, sich von dieser Energieform zu verabschieden, kehren sie zur Kernkraft zurück.

Deutschland steht auf einmal alleine da – von Atommeilern umzingelt. Denn „die deutsche Politik hält die Nutzung der Kernenergie in Europa nicht auf“, sagt Werner Schnappauf, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Nur Belgien und Österreich bleiben bei ihrem offensiven Anti-AKW-Kurs. Global gesehen kehrt die Kernenergie jedoch zurück: Die Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA), eine Unterbehörde der Vereinten Nationen, rechnet damit, dass weltweit bis 2020 mehr als 100 neue AKWs entstehen werden. Allein China will in den nächsten zwölf Jahren etwa 50 neue Meiler bauen.

„Atomenergie wird in Deutschland längere Zeit nötig sein als bisher politisch geplant“, sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Kernkraft sei jedoch nur eine Brückentechnologie. „Eine wirkliche Renaissance in Deutschland und Europa ist nicht zu erwarten.“ Viele Neubau-Pläne existierten nur auf dem Papier, das seien Absichtserklärungen ohne Genehmigung und gesicherte Finanzierung. Verbindliche Bestellungen gebe es nur wenige, sagt Kemfert.

Derzeit sind zwar weltweit 33 Reaktorblöcke im Bau, geplant sind weitere 89. Doch zunächst nimmt die Zahl der Atomkraftwerke ab. Grund dafür ist das Alter der Anlagen: Von den weltweit 437 Reaktorblöcken sind 342 schon 20 Jahre oder länger in Betrieb. Die maximale Laufzeit liegt meist bei 40 Jahren. Dieses Alter erreichen in den nächsten zehn Jahren über Hundert Anlagen. Gehen die vom Netz, sinkt die Zahl der Meiler deutlich – und das bei steigendem Strombedarf.

Der Anteil des Atomstroms auf der Welt wird deshalb auch nach optimistischen Schätzungen der Atomenergie-Agentur von derzeit 14,8 auf 9,1 Prozent bis 2030 fallen. Zur Diskussion stehen Neubau, Ersatz und Laufzeitverlängerung – doch von diesen Szenarien ist Deutschland noch weit entfernt. Die Warnungen der Deutschen Energie-Agentur (Dena) vor der absehbaren Stromlücke verhallen bei vielen Sozialdemokraten, Grünen und Linken ungehört. Dabei drohen Engpässe, Überlastung der Leitungen, eventuell Stromausfall. Auf Kernkraft und Kohle zu verzichten – das geht eben noch nicht, und keiner weiß, wann es so weit sein wird. Kohlestrom deckt etwa die Hälfte und Kernenergie knapp ein Viertel des deutschen Stromverbrauchs.

Die viel beschworenen erneuerbare Energien dagegen sind mit ihrem Anteil von etwa zehn Prozent an der Stromversorgung längst noch nicht grundlastfähig. Anders gesagt: Wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, dann liefern Solarzellen und Windräder keinen Strom.

Kernkraftwerk Krümmel: 2007 Quelle: AP

Inzwischen spaltet die Kern-Frage auch die große Koalition. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla wirft der SPD vor, mit der „bedingungslosen Ausstiegspolitik nicht mehr auf der Höhe der Zeit und mittlerweile auch international völlig isoliert“ zu sein. Die stellvertretende Vorsitzende der Unions-Fraktion, Katherina Reiche, warnt, Deutschland dürfe nicht „sehenden Auges in eine Energiekrise laufen“. Wenn andere europäische Länder den Neubau planten, könne Deutschland nicht abseits stehen.

Das Beispiel Schweden zeigt, dass ein Umschwenken möglich ist – vor allem, wenn die Mehrheit der Bevölkerung dafür ist. In Deutschland etwa sinkt bereits der Widerstand gegen eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke. Für den Kerntechnik-Standort wird das höchste Zeit: Auf Kernenergie spezialisierte Unternehmen hatten es in den vergangenen Jahren zunehmend schwer, qualifiziertes Personal zu finden. Erst in jüngster Zeit werden in Deutschland wieder mehr Reaktorphysiker ausgebildet, an Universitäten in Aachen, Karlsruhe und München wurden neue Lehrstühle dafür geschaffen. Insgeheim blüht nämlich die hiesige Kernenergie-Branche, weil deutsche Reaktor-Technik weltweit gefragt ist.

Allmählich ist die Atom-Wende auch in Deutschland absehbar. Experten des Wirtschaftsministeriums sollen bereits vorfühlen, welche Zugeständnisse die vier großen Energieversorger bei einer Verlängerung der Laufzeiten machen würden. Weil ihre Kraftwerke lange abgeschrieben sind, können sie durch längere Laufzeiten große Gewinne erwarten. Der Plan des Ministeriums: Ein Teil der Rendite soll an die Verbraucher über niedrigere Strompreise weitergegeben werden. Im Gespräch ist zudem ein Fonds für die Erforschung erneuerbarer Energien, in den die Hälfte der Gewinne aus dem Verkauf von Atomstrom fließen soll. Dieser Vorschlag geht auf einen Parteitagsbeschluss der Christdemokraten in Stuttgart zurück. Auf der Klausurtagung in München sprach sich die CDU für einen Fonds in Höhe von 40 Milliarden Euro aus. Die FDP dagegen fordert, die Gewinne in eine Energiestiftung zur Erforschung der Nukleartechnik zu stecken.

Atom-Frage wird Top-Thema im Wahljahr

Und jetzt schon ist klar: Die Atom-Frage wird eines der Top-Themen im Superwahljahr 2009. SPD und Grüne können dabei eine simple Botschaft an die Bürger richten: Wer CDU/CSU oder FDP wählt, bekommt die Atomkraft zurück. Umweltminister Sigmar Gabriel warnte die Union bereits, im Wahlkampf für eine Abkehr vom Atomausstieg zu werben. Er habe zwar keine Angst vor einem Atom-Wahlkampf, sagt der Genosse. Denn gegen längere Laufzeiten spreche das Fehlen eines Endlagers für Atommüll. Gegen diese Bedenken läuft die Industrie Sturm. Die Frage müsse geklärt werden, „unabhängig davon, ob der Strom aus Kernkraft gewonnen wird oder nicht“, sagt Vattenfall-Chef Lars Josefsson.

Doch das As in Gabriels Ärmel heißt Asse. Das marode Versuchsendlager gerät immer wieder in die Schlagzeilen. Gerade wurde bekannt, dass der Schacht mit noch mehr radioaktiv kontaminierter Lauge belastet wurde als bisher angenommen. Seit das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) zum Jahreswechsel die Verantwortung für die Asse vom Helmholtz Zentrum München übernommen hat, kommen ständig neue Schreckensmeldungen ans Licht. Tausende Atomkraftgegner wollen Ende des Monats gegen die Asse demonstrieren.

Und wie beantwortet die Regierung die Gretchenfrage der Energiepolitik? Gar nicht. Umweltminister Gabriel und der zurückgetretene Wirtschaftsminister Michael Glos leisteten sich eine Dauerfehde. Damit die Streiterei ein Ende hat, wirbt die von Glos eingesetzte Projektgruppe Energiepolitisches Programm (PEPP) jetzt dafür, dass sich künftig nur noch ein Ministerium um die Energiepolitik kümmert. Die Berater empfehlen eine „Energieverfassung“ für Deutschland und fordern neben dem Ausbau alternativer Energien das Festhalten an der Kohle und der Kernenergie.

Für die Zukunft der Kernkraft in Deutschland ist entscheidend, wer künftig die Kompetenz in Energiefragen hat. Staatssekretär Jochen Homann fordert, Themen wie Energieversorgung, Einsparungen und erneuerbare Energien auf das Wirtschaftsministerium zu konzentrieren. Homann zufolge sei es „auf Dauer nicht sinnvoll“, dass sein Ressort für Energieträger wie Kohle und Atomstrom zuständig ist – und das Umweltministerium nur für Öko-Energien.

Die Kernkraftwerksbetreiber gehen indes davon aus, dass es nach der Bundestagswahl zur Laufzeitverlängerung kommt und der Atomausstieg gestoppt wird. Andernfalls, so RWE-Chef Großmann, müsse man sich fragen: „Wollen wir das Land der erlöschenden Glühbirne sein?“

Wie praktisch wäre es da, ließe sich das Problem notorischer Neinsager und Nörgler hierzulande auf Art der Gallier lösen. Wie das geht, zeigt ein Blick auf die letzte Seite eines jeden Asterix-Bandes. Da hängt der nervige Barde nämlich am Baum – weil niemand mehr seine alte Leier hören will.

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