WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Kim Schmitz Der Sturz des „Kimperiums“

Schnelle Autos, schöne Frauen, illegale Straßenrennen – Kim Schmitz, ebenso schillernde wie verhasste Figur der Dotcom-Szene, war schon immer für Schlagzeilen gut. Nun machte die US-Justiz sein jüngstes Baby Megaupload.com dicht - und nahm ihn fest. Spurensuche im Leben eines zwielichtigen Stehaufmännchens.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Kim Schmitz in bekannter Pose 1999 in Hong Kong. Inzwischen sitzt der umtriebige Unternehmer in Haft. Quelle: Reuters

Düsseldorf Das Spiel ist aus für Kim Schmitz – wieder einmal. Seinen 38. Geburtstag wird „Kim Dotcom“, wie er sich inzwischen nennt, am morgigen Samstag in Untersuchungshaft verbringen. Er ist nicht die erste Begegnung mit der Justiz. Schmitz wurde von der deutschen Justiz wegen Betrug, Computerbetrug, Bandenhehlerei, Missbrauchs von Titeln, Insiderhandel und Veruntreuung verurteilt.

Schon am Beginn seiner Karriere steht kriminelle Energie: Schmitz gehört als Jugendlicher zur illegalen Mailbox-Szene. Auf Computern, die direkt per Telefonanschluss verbunden waren, wurden damals – vor dem Durchbruch des Internets in Deutschland – Dateien getauscht, vor allem illegal kopierte Programme.

Evrim Sen, Autor mehrerer Bücher über die Szene, war damals im gleichen Umfeld aktiv und kennt Kim Schmitz persönlich. „House of Coolness“ hieß die Mailbox, die Schmitz seinerzeit betrieb. „Er zählte sich zur Elite der Hacker“, so Sen.  „Er hatte nicht viele Freunde.“ Denn die meisten war die Mailbox-Aktivität ein Hobby, „das finanzielle stand nicht im Vordergrund“.

Schmitz war anders: Für den geschlossenen Bereich seines „House of Coolness“ verlangte er Geld. Dafür bekamen die Nutzer die Möglichkeit unbegrenzt von der Mailbox zu laden – das Modell Megaupload, nur in vielen Dimensionen kleiner. „In der Szene war das verpönt“, sagt Sen.

Schmitz will Geld

Doch Schmitz belässt bei seinen kostenpflichtigen Premium-Bereich der illegalen Mailbox, er wollte richtig Geld verdienen. „Er hat damals im großen Stil sogenannte Calling Cards in der Szene verkauft“, berichtet Lars Sobiraj, Autor bei dem Portal Gulli.com. Sobiraj war damals selbst Teil der sogenannten „Warez“-Szene, eine „Jugendsünde“, wie er sagt. Die Calling Cards waren gestohlen, mit ihrer Hilfe ließen sich Telefon-Gespräche führen. In der „Warez“-Szene waren sie besonders begehrt, da sie auch dazu nutzen lassen, sich gratis in Mailboxen einzuwählen, auf denen die Programme getauscht werden konnten.

Zeitgleich kursierten Anleitungen in der Szene, wie sich auch kostenlos Telefongespräche führen ließen. Dieser Gratis-Konkurrenz bereitet „Kimble“, wie er sich damals nennt, durch einen TV-Auftritt ein Ende. Den Autoren der WDR-Sendung „Monitor“ demonstriert er das Verfahren, die Telekom unterbindet es daraufhin.

Vor der Kamera gibt sich Schmitz als Hacker aus, seine Fähigkeiten werden allerdings angezweifelt. „Er ist kreativ, aber er kann nicht wirklich programmieren – und das schließt ihn als Hacker im Grunde schon prinzipiell aus“, sagt Sen. CCC-Sprecher Bogk sagt: „Er ist sicherlich nicht komplett dumm, hat es aber immer eher geschafft, technisch kompetente Leute um sich zu scharen.“

Doch die Demonstration der in der Szene damals üblichen illegalen kostenlosen Anrufe reicht, um „Kimble“ als Hacker zu etablieren – zumindest bei den Medien. In der Szene nimmt wird er damals nicht ernst genommen. Es folgen zahlreiche Auftritte in denen der stets selbstbewusst auftretende „Kimble“ seine angeblichen Fähigkeiten demonstriert – meist tritt der bullige und hochgewachsene Schmitz dabei mit Sonnenbrille auf.


„Gegen alles, was es an Werten gab in der Szene verstoßen“

Bei seinen Mitstreitern aus der Szene erweckt Schmitz allerdings schnell Misstrauen. „Er ist damals sehr massiv in den Bereich der illegalen Warez-Szene gedrängt – und überall, wo er auftauchte, stand kurze Zeit später die Polizei vor der Tür“, so Insider Sobiraj weiter. Er vermutet, dass Schmitz damals seine Mitstreiter verraten hat. „Vermutlich wollte er Konkurrenten los zu werden“. Die Liste seiner eigenen Kunden landet bei dem berüchtigten Abmahnanwalt Günther Freiherr von Gravenreuth, berichten mehrere ehemalige Mitglieder der Szene übereinstimmend. In der Folge gab es Hausdurchsuchungen bei den Betroffenen.

Der Chaos Computer Club verhängt in den 90er Jahren ein Hausverbot für Schmitz, zu den Kongressen darf der selbsternannte Hacker nicht mehr erscheinen. „Der CCC hatte als Ideal schon immer die Verbreitung von Wissen gehabt“, so CCC-Sprecher Andreas Bogk. „Kim Schmitz hat sich dadurch hervorgetan, dass er als einer der ersten, aus dem Tausch von Dateien ein Geschäft machen wollte. Er hat gegen alles, was es damals an Werten gab in der Szene, verstoßen.“

Der aufziehende Dotcom-Boom fasziniert den ehrgeizigen Schmitz. Die erste gegründete Firma, Data Protect Consulting GmbH, stellt selbst nichts her und hat laut  Handelsregisterauszug nur einen Zweck: Verwaltung eigenen Vermögens sowie Erwerb und Halten von Beteiligungen. Schon 2001 meldet die Firma Insolvenz an.

Luxus-Hotels und Anti-Terror-Hacker

Das alles hält Schmitz nicht davon ab, ein Leben in Saus und Braus zu führen – oder zumindest so zu tun. Auf seiner Website Kimble.org stellt er damals mittels zahlreichen Fotos sein Luxus-Leben zur Schau – mit allem, was für Schmitz dazu gehört: Luxus-Hotels, leicht bekleideten Frauen, Helikopter und Reisen nach Kuba oder Japan. Die Inszenierung ist wahrscheinlich mehr Schein als Sein. „Einen Helikopter für 15 Minuten für ein Foto zu mieten und einen Aufkleber darauf zu kleben – das sind Dinge, die er gerne macht. Und das kostet auch nicht viel“, sagt Sen über Schmitz. Außerdem habe er beispielsweise Fotografen ihr Honorar nicht gezahlt.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2011 wittert Schmitz erneut eine Chance, sich in die Medien als Hacker zu inszenieren. In „Uncle-Sam“-Pose ruft er auf seiner Website zum Hacker-Krieg gegen den Terror auf, die von ihm gegründete Organisation Young Intelligent Hackers Against Terrorism (Yihat) soll Osama bin Laden zur Strecke bringen. Angeblich, so behauptet Schmitz damals wahrheitswidrig, arbeite Yihat sogar mit dem FBI zusammen. Die Szene lacht – und reagiert: seine Website Kimble.org wird kurz darauf gehackt. Der „Hacker“ Kim Schmitz hatte vergessen, die Webserver-Software auf den aktuellen Stand zu bringen. Erfolge kann Yihat nie vermelden.


„Dr. Schmitz“ genießt Kredit

Seine Neigung zur Hochstapelei lebt Schmitz in der Folge auch im Wirtschaftsleben aus. Immer will er  mehr sein als er ist: Bei der Beantragung einer Visa-Karte stellt er sich nicht nur wahrheitswidrig als Geschäftsführer einer Aktiengesellschaft vor. Einen Doktortitel dichtet sich Schmitz, der nie eine Hochschule besucht hat, auch noch an. Visa gewährte ihm die Karte dennoch. Seit dem bezahlt er mit Dr. Kim Schmitz auf Kredit und häuft Schulden an.

Die Stimmung, die die Blase der New Economy um die Jahrhundertwende prägte, passt gut zu Schmitz Lebenseinstellung. Als das Internet-Start-Up Letsbuyit.com, eine Art früher Vorgänger der Rabatt-Seite Groupon, in finanzielle Schwierigkeiten gerät, gibt Schmitz den Retter in der Not. Die gerade erst gegründete Kimvestor AG soll das nötige Kapital stellen – das Geld sammelt Schmitz von gutgläubigen Anlegern ein.

Dass die Kimvestor AG überhaupt Investoren fand, wirkt aus heutiger Sicht erstaunlich: Die Aktien werden allesamt ohne Stimmrechte ausgegeben, Aktionäre nicht ausreichend informiert, Aufsichtsräte sagen mal zu und mal ab. Das angekündigte Investment in Letsbuyit.com kommt nie zustande, das Rabatt-Portal muss Insolvenz anmelden – die Anleger der Kimvestor AG sind geprellt. Im Januar 2002 wird Schmitz in Thailand festgenommen und bereits im Mai desselben Jahres vom Amtsgericht München wegen Insiderhandels zu einem Jahr und acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die angebliche Rettung von Letsbuyit.com eine Finte war, um mit Aktien des Unternehmens Geld zu verdienen. Eine Millionen Euro verdiente Schmitz mit dem Deal, stellte das Gericht fest.

Teppichluder und obskure Geschäftsmodelle

Doch auch die Verurteilung bremst Schmitz’ geschäftliche Ambitionen nicht. Eifrig gründet er neue Firmen mit obskuren Geschäftsmodellen: Die Firma Trendax beispielsweise verspricht garantierte Börsengewinne dank künstlicher Intelligenz. Seinen aufwendigen Lebensstil sowie eine Affäre mit der als „Teppichluder“ bekannt gewordenen Ex-Freundin von Dieter Bohlen Januna Youssefian lebt er vor allen in den Boulevard-Medien aus. 2004 plant der Mann mit der Vorliebe für schnelle Autos ein illegales Straßenrennen, das aber nie stattfindet.

Anfang 2007 wird es schlagartig still um Schmitz. Sämtliche Spuren im Web von ihm lässt Schmitz entfernen: Sein „Kimpire“ ebenso wie die Firma Trendax und die persönliche Website Kimble.org. Im Hintergrund arbeitet er damals an dem ersten Projekt, das ihm tatsächlich eine dauerhafte Geldquelle sichern sollte: Der Datei-Dienst Megaupload, auf dem Nutzer vor allem illegale Dateien hoch und runterladen können. Kimble ist wieder dort, wo er am Anfang war: Er betreibt eine Mailbox mit illegalen Inhalten – nur um viele Dimensionen größer als in den 1990er Jahren.

Öffentlich in Erscheinung treten will er mit seinem rechtlich fragwürdigen Konzept nicht. Als das Portal Gulli.com einen Artikel über die Verbindung von Schmitz zu dem Portal veröffentlichen will, bietet er der Website Geld dafür an, nicht zu berichten. Gulli.com lehnt ab und macht auch den Versuch öffentlich, die Berichterstattung zu verhindern.

Kurz vor seiner Verhaftung gelang Kimble noch sein vielleicht größter Coup: In einem populären Video bewarben ausgerechnet mehrere Größen der US-Musikindustrie, darunter der Rapper Kanye West und die Sängerin Alicia Keys, das Portal, das der Musikindustrie durch illegale Downloads von Songs Sorgen bereitet. Schnell machen im Netz Gerüchte die Runde: Ein Hip-Hop-Produzent soll selbst an Megaupload.com beteiligt sein.

Einige Aktivisten von Anonymous feiern Kim Schmitz nun als Helden - und rächen Megaupload durch Angriffe auf zahlreiche Websites. Bei Veteranen der Szene löst das Kopfschütteln aus. „Wer Kim Schmitz als Helden feiert, kennt die Geschichte nicht“, sagte der Netzaktivist Stephan Urbach im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. CCC-Hacker Andreas Bogk fügt im Gespräch mit Handelsblatt Online hinzu: „Ich glaube da haben viele nicht verstanden, wer Kim Schmitz ist und was der Unterschied zwischen Pirate Bay und Megaupload ist.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%