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Klimaökonom Richard Tol im Interview „Wir haben genug Zeit“

Der renommierte Klimaökonom Richard Tol über Panikmache beim Klimawandel und die richtigen Strategien zur Reduzierung der Emission von Treibhausgasen.

WirtschaftsWoche: Herr Tol, Sie haben die Studie des Wirtschaftsprofessors Sir Nicholas Stern über die finanziellen Folgen des Klimawandels als „Panikmache“ bezeichnet. Wie kommen Sie zu diesem Urteil? Tol: Von Panikmache spreche ich, weil Stern in der Kurzfassung des Reports für seine Schadensschätzung von 5 bis 20 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts nur extrem pessimistische Szenarien herangezogen hat. Andere Studien, die Schäden von weit unter einem Prozent errechnen, hat er unterschlagen. So kommt er zu den Furcht erregenden Zahlen. Zugleich erweckt die Zusammenfassung den Eindruck, die fünf Prozent seien von sofort an und bis in alle Ewigkeit gültig, wenn nicht sofort gegengesteuert würde. In der Langfassung steht jedoch, dass die fünf Prozent frühestens 2075 erreicht werden. Dieses Vorgehen ist abenteuerlich und kein akzeptabler Weg für eine Politikberatung. Nun schmelzen die Eiskappen der Pole schneller, als selbst die größten Skeptiker befürchtet haben. Ist es da nicht geboten, die Alarmglocken zu läuten? Erstens betrachtet der Report solche Entwicklungen gar nicht, und zweitens hilft Alarmierung nicht weiter. Es dauert 50 bis 100 Jahre, die Emission der Treibhausgase wieder auf ein verträgliches Niveau zu senken. Um dieses Ziel zu erreichen, ist Nüchternheit gefragt. Warum hat Nicholas Stern dennoch die Alarmglocke geläutet? Er war Chefökonom der Weltbank und gilt eigentlich als nüchterner Mann. Zu Beginn war die Studie eine rein akademische Übung. Dann hat der britische Schatzkanzler Gordon Brown, der den Stern-Bericht in Auftrag gegeben hat, gespürt, wie der Führer der Konservativen, David Cameron, Labour zunehmend unter Umweltdruck gesetzt hat, indem er sich grüner als die Regierung gab. Um sich zu profilieren, hat diese den Tenor der Studie zuletzt stark beeinflusst. Dass sich die Erde erwärmt, und zwar infolge menschlichen Handelns, steht wissenschaftlich außer Zweifel. Ist es dann nicht sinnvoll, konsequent gegenzusteuern, wie Nicholas Stern das vorschlägt? Wir müssen etwas tun und sollten jetzt anfangen, da bin ich mit Stern einig. Aber es drohen keine Schäden, die zu einem übereilten Handeln zwängen. Wir haben genug Zeit, in Ruhe nach den ökonomisch sinnvollsten Alternativen zu suchen, statt uns in einen Aktionismus zu flüchten, der sehr teuer wird. Stern rechnet vor, dass eine konsequente Bekämpfung der Erderwärmung heute zwanzig Mal billiger ist, als nichts zu tun. Das ist völlig übertrieben. Stern hat die Schäden viel zu hoch und die Kosten für die Emissionsreduktion viel zu niedrig angesetzt. Dieses Operieren mit falschen Zahlen macht es Klimaschutzgegnern leicht, sich einem Konsens zu entziehen. Sie sagen zu Recht: Was da steht, ist Quatsch. Dem Klima kann aber nur geholfen werden, wenn alle mitmachen. Wir brauchen eine Langzeitlösung, und sie muss global sein. Der Stern-Bericht stört diesen Einigungsprozess, insofern hat er dem Klimaschutz einen Bärendienst erwiesen. Wie gravierend schätzen denn Sie die ökonomischen Folgen der Erderwärmung ein? Die Situation ist ernst, aber längst nicht so ernst, wie Stern behauptet. Nach meinen Berechnungen kann der Treibhauseffekt jährliche Schäden in Höhe von 0,5 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts verursachen. Im nächsten Jahrhundert, wenn die Erderwärmung sich voll auswirkt, könnten die Schäden zwei bis vier Prozent betragen, wenn wir alles treiben lassen. Was schlagen Sie als Gegenmaßnahme vor? Das Mittel meiner Wahl wäre, weltweit Steuern auf die Emissionen zu erheben. Aber das ist politisch nicht durchzusetzen. Damit bleibt als zweitbeste Lösung der Emissionshandel. Der Staat vergibt dabei Zertifikate an Unternehmen, die ihnen anfangs erlauben, ohne Zusatzkosten so viel Kohlendioxid freizusetzen, wie sie es heute tun. Wollen sie aber mehr produzieren, müssen sie entweder effizienter mit der Energie umgehen oder von anderen Betrieben, die ihren Kohlendioxidausstoß verringert haben, Zertifikate an einer Art Börse kaufen. Ein solches marktwirtschaftliches System hilft der Umwelt. In Europa ist ein solches Steuerungssystem seit vergangenem Jahr in Kraft. Bewirkt hat es aber noch nicht viel. Das liegt daran, dass zu viele Zertifikate ausgegeben wurden und sich daher im Moment zu wenig mit dem Verkauf verdienen lässt. So fehlt der Anreiz zur Senkung des CO2-Ausstoßes. Um eine nachhaltige Wirkung zu entfalten, müsste der Zertifikate-Handel zudem auf Verkehr, Haushalte und Landwirtschaft ausgedehnt werden, weitere Treibhausgase einbeziehen und die ganze Welt betreffen. Europa allein kann das Klima nicht retten. Warum sollten China und Indien, deren Industrien oft noch mit veralteter Technik produzieren, bei dem Zertifikatehandel mitmachen? Genau diese veraltete Technik ermöglicht es China und Indien, mit relativ geringen Investitionen große CO2-Reduktionen zu erzielen. Die eingesparten Mengen könnten sie an Europa oder die USA verkaufen und dabei kräftig verdienen. Die Vereinten Nationen versuchen ja gerade, neue Klimaschutzziele zu vereinbaren. Wie Erfolg versprechend sind solche Abkommen? Sie bringen nicht viel, das hat schon Kyoto gezeigt. Nur wenige Länder haben sich überhaupt auf konkrete Ziele festgelegt, die wenigsten halten sie ein, und manche, wie jüngst Kanada, steigen einfach wieder aus. Warum auch nicht, es drohen ja keine Sanktionen!

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