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Medizin Dubiose Geschäfte mit Stammzellen

Mit dubiosen Methoden lockte die Düsseldorfer Stammzellfirma XCell seit Jahren Schwerkranke zu einer umstrittenen Therapie: Dann gab es einen Todesfall. Nun packen Insider aus.

Ein Wissenschaftler zeigt Quelle: AP

Olga Romanova (Name geändert) war begeistert von ihrem neuen Job. Sie sollte im Auftrag eines deutschen Unternehmens Patienten für eine innovative Therapie gewinnen, mit der angeblich selbst Schwerstkranke geheilt werden können: Sie rekrutierte Parkinson-Patienten, sprach Querschnittsgelähmte an und gewann Eltern behinderter Kinder aus aller Welt. Sie alle vermittelte sie zu einer Stammzellbehandlung in das XCell-Center nach Düsseldorf.

Das Versprechen: Zuerst werden den Patienten Stammzellen aus dem Knochenmark des Beckens entnommen und dann in kranke Teile des Körpers gespritzt, etwa ins Rückgrat von Querschnittsgelähmten oder ins Gehirn von Epileptikern. Diese Zellen seien in der Lage, dort krankes Gewebe zur Heilung anzuregen, so XCell auf seiner Web-Site. Die Kosten: 8000 bis 25000 Euro.

Schon nach wenigen Monaten aber dämmerte der neuen XCell-Mitarbeiterin Romanova, dass es bei ihrem neuen Arbeitgeber offenbar weniger um den Heilerfolg geht als anfangs gedacht: Bei vielen Patienten, so erfuhr sie von ihren Kunden, brachte die Behandlung rein gar nichts. Doch mit solchen Berichten drang sie bei ihrem Arbeitgeber nicht durch.

Lebensbedrohliche Zwischenfälle

Wichtiger war dort, dass Romanova und ihre gut 30 Kollegen je vier bis fünf neue Patienten pro Woche präsentierten – mitsamt unterschriebenen Behandlungsverträgen. Um die Quote zu erhöhen, gab es zudem eine „Fangprämie“, wie Romanova es nennt, von 50 Euro pro Patient. Wer nur zwei neue Patienten pro Woche meldete, wurde von einem der XCell-Manager zum Vier-Augen-Gespräch bestellt und mit Kündigungsdrohungen unter Druck gesetzt. XCell nahm zu entsprechenden Fragen der WirtschaftsWoche keine Stellung. Für solche Methoden sind sonst eher Drückerkolonnen in Finanzvertrieben bekannt. Romanova wurde klar, dass in einem solchen System über kurz oder lang auch Menschen zu Schaden kommen würden.

Genau das passierte. Wie die WirtschaftsWoche aufdeckte, kam es seit Ostern immer wieder zu lebensbedrohlichen Zwischenfällen bei Gehirnoperationen. Als vor wenigen Wochen ein 18 Monate alter Junge starb, schritten die Behörden ein.

XCell reagierte zwar nicht auf Anfragen der WirtschaftsWoche, dafür aber mit einem Statement auf der Web-Site: Dort schob Unternehmensgründer Cornelis Kleinbloesem die Probleme kurzerhand auf die zuständige Neurochirurgin. Sie habe „das Risiko-Nutzen-Verhältnis der Behandlung nicht korrekt abgewogen“.

Rechtliche Grauzone

Auch die Staatsanwaltschaft ermittelte zunächst nur gegen die Ärztin, nicht aber gegen XCell. Doch das könnte sich ändern. Denn immer mehr deutet darauf hin, dass das ganze Konstrukt des Unternehmens einen für die Patienten bedrohlichen Systemfehler hat. Indizien dafür sind nicht nur Berichte von Insidern wie Patientenberaterin Romanova.

Auch die Einschätzung von Fachleuten weist in diese Richtung: Stammzellforscher, Ärzte und Organisationen wie die Deutsche Parkinson-Gesellschaft warnen seit Monaten vor den mitunter lebensgefährlichen und mit großer Wahrscheinlichkeit nutzlosen Therapien. So bezweifelt Hans Schöler, selbst renommierter Stammzellforscher und Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin, dass XCell seinen Patienten „wirksame Stammzellen überträgt“. Auch der Düsseldorfer Stammzellspezialist Peter Wernet erregt sich darüber, dass dieses Unternehmen mit der Vokabel Stammzelltherapie überhaupt werben darf.

Die fachliche Auseinandersetzung und das Gefährdungspotenzial richtig einzuschätzen fällt Juristen und Staatsanwälten schwer. Zumal XCell rechtlich in einer Grauzone agiert: Stammzelltherapien müssen erst ab 2012 bei der europäischen Gesundheitsbehörde (EMA) zugelassen werden. Bis dahin gilt in Deutschland eine Übergangsfrist, die XCell geschickt nutzt.

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