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Medizin Gen-Falle für Grippe-Viren

Wissenschaftler wollen mit einer neuen Methode Viren aushungern. Ihr Ziel: die erste hochwirksame Pille gegen Grippe.

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Der Vogelgrippe-Virus unter Quelle: AP

Die Tage werden kürzer, die Temperaturen sinken, und damit naht die nächste Grippewelle. Millionen Deutsche werden sich auch in diesem Winter eine Virengrippe einfangen, für einige Tausend, vor allem ältere Menschen und Kinder, wird die Krankheit sogar tödlich verlaufen. Wer sich impfen lässt, kann den Ausbruch vermeiden. Der gerade freigegebene Impfstoff für diese Saison wirkt allerdings nur, wenn die Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der europäischen Seuchenbehörde die richtigen Grippestämme identifiziert haben.

Haben sie die falschen Viren für den Saison-Impfstoff ausgewählt – was immer wieder passiert –, muss der Körper sich selbst gegen die Krankheit wehren. Dann helfen nur noch konventionelle Anti-Viren-Medikamente wie etwa Tamiflu von -Roche. Doch gegen sie sind die Viren mitunter resistent.

Forscher in aller Welt suchen daher nach einer Pille gegen Grippe, die ähnlich schnell und wirkungsvoll ist wie Aspirin bei Kopfschmerzen.

Viren aushungern

Amerikanische Forscher sind bei der Suche nach einem solchen Medikament nun in Führung gegangen. Das Biotechnologieunternehmen Zirus aus Buford im US-Bundesstaat Georgia will das Virus nicht mehr direkt bekämpfen, wie es traditionelle Anti-Viren-Medikamente tun. Stattdessen wenden die Amerikaner ein Verfahren an, das auf der sogenannten „Gen-Fallentechnologie“ aufsetzt.

Dabei versuchen die Forscher, diejenigen Zellen zu manipulieren, die von den Viren angegriffen werden. Das Ziel: Sie wollen durch das gezielte Abschalten von Genen die Viren förmlich aushungern. Dass dieser Ansatz grundsätzlich funktionieren kann, wurde bereits in mehreren unabhängigen Studien der US-Gesundheitsbehörde bestätigt.

Denn im Gegensatz zu Bakterien, die sich selber reproduzieren, brauchen Viren eine Wirtszelle, um sich zu vermehren. Die Forscher verändern die Wirtszelle deshalb so, dass bestimmte Proteine, die von ihren Genen produziert werden und zum Vermehren des Virus notwendig sind, ganz oder vorübergehend blockiert werden. Damit wäre der Vormarsch des Virus gestoppt.

An der Emory-Universität in Atlanta attackieren Zirus-Forscher dafür Zellen mit sogenannten Retroviren, die gezielt bestimmte Gene ausschalten. Überlebt eine Zelle die Attacke, war das vom ausgeschalteten Gen produzierte Protein nicht lebensnotwendig.

Die so manipulierten Zellen werden dann mit Viren infiziert, von typischen Grippe-Erregern bis hin zu tödlichen -Ebola-Erregern. Überlebt die Zelle auch das, so die Annahme, kann sich das Virus wegen des blockierten Proteins nicht vermehren. Die Zirus-Forscher haben bereits 1200 Gene entdeckt, die Viren zum Überleben brauchen.

Doch schon viele Visionen von Genforschern, wie beispielsweise die Heilung von Krankheiten durch das Einschleusen von gesunden Genen in den Körper, sind im Praxistest gescheitert. Zwar ist das menschliche Erbgut entschlüsselt. Doch kaum einer weiß bislang, wie Gene Krankheiten wirklich beeinflussen.

Es wird experimentiert, wie Quelle: dpa

Und selbst wenn man Gene kurzzeitig abschalten kann, ohne der Zelle zu schaden: Über die Langzeitfolgen einer solchen Manipulation gibt es bislang keine Erkenntnisse.

Der Chemiker Dennis Liotta, der das Arzneiforschungszentrum an der Emory-Universität leitet und selber jahrelang Anti--Viren-Medikamente entwickelt hat, meint, dass die Zirus-Methode nur eine zusätzliche Therapie neben bestehenden Ansätzen sein kann. „Das Abschotten von Genen“, sagt der Forscher, „kombiniert mit Impfstoffen und traditionellen Anti-Viren-Wirkstoffen, würde unsere Chancen beim Bekämpfen von Viren erhöhen.“

Abschotten von Genen

Unterdessen haben die Zirus-Forscher herausgefunden, dass es die begehrten Anti-Viren--Medikamente vielfach längst gibt: „Wir sind uns dessen nur nicht bewusst, weil sie eigentlich für andere Krankheiten entwickelt wurden“, sagt Zirus-Chef David Perryman. Die Namen der Arzneien will er aus Wettbewerbsgründen noch nicht nennen.

Nur so viel: In Versuchen mit Mäusen schützte ein Medikament die Tiere beispielsweise gegen einen speziellen Typ der Vogelgrippe, gegen den das Anti-VirenMittel Tamiflu wirkungslos ist.

„Wir fokussieren uns momentan auf existierende Medikamente, weil sie bereits zugelassen sind und so schneller eingesetzt werden könnten“, sagt der Zirus-Chef. Ziel ist der Aufbau einer Datenbank mit Genen, die für die Vermehrung von Viren nötig sind.

Gemeinsam mit der medizinischen Fakultät der Emory-Universität arbeitet Zirus deshalb in detektivischer Kleinarbeit daran, diese Medikamente aufzuspüren und zugleich neue zu entwickeln. 

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