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Medizin Herzinfarkte schneller erkennen

Ein neues Verfahren soll Herzinfarkte schon nach wenigen Minuten erkennen und dabei so einfach funktionieren wie ein Schwangerschaftstest. Damit würden sehr viel mehr Menschen einen Herzkollaps überleben.

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Herz

Es beginnt meist mit Schmerzen. Der Brustkorb zieht sich zusammen, und die Luft wird knapp. Kurz darauf: Angst, Übelkeit und Schweißausbrüche. Wenn solche Warnsignale einen Herzinfarkt ankündigen, rufen die meisten Menschen einen Notarzt oder lassen sich von einem Angehörigen ins nächstgelegene Krankenhaus bringen. Zum Glück: Je eher sie behandelt werden, desto größer sind ihre Chancen, den Kollaps ihres wichtigsten Muskels zu überleben.

Täglich werden in Deutschland rund 10 000 Menschen mit Verdacht auf Herzinfarkt in eine Klinik eingeliefert. Doch nicht alle haben tatsächlich einen Aderverschluss, der mit Hilfe eines in die Herzarterie geschobenen Schlauchs, dem Katheter, und einem kleinen Ballon geweitet werden muss. Damit fängt das Problem an: Die Ärzte müssen diejenigen mit Herzinfarkt und die ohne unterscheiden. Das ist nicht so einfach. Trotz moderner Technik wie etwa Herz-EKG-Maschinen sind echte Infarkte oft nicht zu erkennen. Auch Bluttests bringen erst nach Stunden Gewissheit. Weil jeder Patient getestet werden muss, ist das Feld heiß umkämpft: Der Weltmarkt für Herzinfarkttests beläuft sich laut US-Marktforschungsinstituts Kalorama auf eine Milliarde Euro.

Schnelltest gesucht

Doch trotz immenser Kosten: „Bei einem Teil der Patienten diagnostizieren wir den Infarkt immer noch zu spät“, sagt Georg Sabin, Direktor der Kardiologie und Angiologie am Elisabeth-Krankenhaus in Essen. Die Folge: ein schwer geschädigtes Herz, das den Patienten zum Invaliden macht. Oder der Tod: 60 000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr daran.

Schutz vor der zu späten Diagnose bietet nur ein Diagnoseverfahren, das direkt beim Auftreten der ersten Symptome klärt, ob wirklich ein Infarkt vorliegt. Mit so einem Schnelltest, nach dem Forscher weltweit seit Jahrzehnten suchen, ließe sich die Zahl der Menschen, die einen Herzkollaps überleben, drastisch erhöhen.

Ein kleines Unternehmen namens Diagenics hat genau solch einen Test entwickelt: „Unser Biomarker schlägt zuverlässig ab der ersten Minuten an“, sagt Diagenics-Gründer und Chef Ernest Kapetanovic. Eine groß angelegte Studie soll nun zeigen, wie gut dieser Herztest wirklich ist.

Den lebensrettenden Test hat die Gruppe um den Berliner Immunologen Franz Noll entwickelt. Der inzwischen emeritierte Professor gründete mit Kapetanovic die Diagenics – ursprünglich in Boston in den USA, weil dort damals die besten Spezialisten für eine schnelle Entwicklung eines Tests zu bekommen waren.

Hilferuf bei Atemnot

Der Trick an diesem Test: Er weist ein Molekül nach, das der Herzmuskel als Hilferuf ins Blut aussendet, wenn er in Atemnot gerät. Der Grund für die Atemnot ist der Infarkt: Setzt sich eine der Herzschlagadern mit Ablagerungen plötzlich zu, ist die Versorgung mit sauerstoffreichem Blut für das Pumporgan unterbrochen.

Gleichzeitig bekommt der Herzmuskel auch keinen Nachschub mehr an energieliefernden Stoffen wie Traubenzucker. Er setzt deshalb eine Art biochemischen Notruf ab und schreit nach Zucker: Das Molekül, das die Herzmuskelzellen nun ins Blut abgeben, ist ein Enzym namens Glycogen-phosphorylase BB. Es kann den dringend benötigten Zucker herbeischaffen, indem es das Speichermolekül Glycogen in seine Bestandteile zerlegt. Der Vorteil der Notruf-Substanz für den Herzinfarktnachweis: Sie kommt in dieser Form nur im Gehirn und im Herzen vor. Wird sie nachgewiesen, „können wir sicher sein, dass sie aus dem Herzen stammt“, sagt Diagenics-Mitgeschäftsführer Samir Yastas.

Der seit 15 Jahren übliche Test aus dem Hause Roche, der das Molekül TroponinT nachweist und den sogenannten Goldstandard darstellt, hat demgegenüber aus heutiger Sicht enorme Nachteile. Zwar ist TroponinT ebenfalls ein für Herzinfarkte typisches biochemisches Signal. Doch das Molekül wird erst dann frei, wenn die Herzmuskelzellen nach einigen Stunden bereits abgestorben sind und zerfallen.

Das ist zu spät“, sagt Kardiologe Sabin. Der Chef eines der europaweit größten Herzklinik-Verbünde suchte deshalb, wie Tausende von Fachkollegen, nach einer genialen und einfachen Lösung, den Infarkt zu erkennen, bevor das Herz Schaden nimmt. Und dabei stieß er auf Diagenics. Tatsächlich hat das Unternehmen für den Diacordon genannten Test bereits seit 2006 eine europaweite Zulassung. 2010 kam eine EU-Zulassung für einen Kombinationstest beider Signale hinzu: den blitzschnellen Zuckernotruf und das langsamere Troponin. »

» Doch die Vermarktung lief schleppend, was die Diagenics-Chefs unter anderem auf die Marktmacht von Roche zurückführen, die mit Heerscharen von Verkaufsberatern die Kliniken mit einem eigentlich schwächeren Test fluten. Seit einem Jahr hat Roche zudem einen verbesserten TroponinT-Test auf dem Markt, der früher als bisher anschlagen soll. Ihr Test sei besser, halten die Diagenics-Forscher dagegen. Viele Ärzte sind jedoch misstrauisch, weil die Studien des Diagenics-Tests klein waren und nur in unbedeutenden Fachmagazinen erschienen. Die Folge: Der Test wurde nie als neuer Standard anerkannt.

Großer Test

Herzexperte Sabin will das nun in einer groß angelegten Studie ändern: An mehreren europäischen Kliniken wird bei 3000 Patienten getestet, ob der Diagenics-Test hält, was er verspricht.

Einer der Mitforscher, Evangelos Giannitsis von der Thoraxklinik des Universitätsklinikums Heidelberg, ist skeptisch: Einige wissenschaftliche Fragen seien noch nicht geklärt. Auch stelle der neue sensitive Troponin-Test von Roche schon eine deutliche Verbesserung dar. Sein Chef und Klinik-Direktor Hugo Katus ist der Erfinder es Troponin-Tests. Wenn sich aber in der Großstudie zeige, dass der neue Biomarker-Test wirklich so früh auf einen Herzinfarkt hinweise, wie Diagenics behauptet, dann sei das eine große Hilfe.

Diagenics hatte seit 2001 ein Europäisches Patent für die Kombination aus seinem frühen Signal und Troponin. Auch Roche bekam ein ähnliches Patent, allerdings Jahre später. Diagenics focht das Roche-Patent an, und es wurde widerrufen. Seit Ende 2010 ist die Rechtslage geklärt.

David gegen Goliath

Für Diagenics-Chef Kapetanovic ist nun endlich der Weg frei. Falls die Großstudie im Laufe des Jahres die erhofften Ergebnisse bringt, sieht er den Test schon in jedem Krankenwagen und neben jedem -Defibrillator in Rathäusern oder Altenheimen liegen. Denn die simpelste Variante als Teststreifen funktioniert mit einem Tropfen Blut so einfach wie ein Schwangerschaftstest mit paar Tropfen Urin.

Auch Kardiologe Sabin ist sicher: „Wenn die Ergebnisse gut sind, werden sich alle großen Diagnostikhersteller um die Patente bemühen.“ Ihm persönlich ist es egal, wer ihn dann vermarktet, er will nur sicherstellen, dass alle Kardiologen ihn nutzen können, um mehr Menschen vor dem Tod durch einen Herzinfarkt zu bewahren.

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