WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Medizin Medikamente nach Maß

Seite 2/3

Was sich an Behandlungskosten einsparen ließe

Bei vielen Tumoren ist es inzwischen gelungen, bestimmte Gene ausfindig zu machen, die sie besonders empfänglich für die eine oder andere Behandlung mit Cytostatika oder mit modernen, zielgerichteten Medikamenten machen. Zuweilen steht auch das Genom eines Krankheitserregers im Mittelpunkt des Interesses, etwa beim HI-Virus: Hier können die Ärzte inzwischen per Gentest prüfen, mit welchen Medikamenten sich das Virus am besten in Schach halten lässt.

Doch der Weg dorthin war lang. In den vergangenen Jahren haben Forscher in komplizierten Verfahren die entscheidenden Gensequenzen aus dem Erbgut von Menschen, Viren und Bakterien herausgefiltert, die solche Rückschlüsse zulassen. Auf dieser Grundlage haben Diagnostik-Unternehmen auf der ganzen Welt Tests entwickelt. Sie müssen nicht zwangsweise das Gen selbst nachweisen. Sie können auch Biomarker wie Enzyme aufspüren, die entstehen, wenn das Gen im Körper vorhanden und aktiv ist.

Weil die Untersuchung solcher Biomarker in Zukunft an Bedeutung massiv zunehmen werden, prognostiziert das Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers (PwC) für den weltweiten Testmarkt bis 2012 ein Wachstum um fünf Prozent pro Jahr auf 50 Milliarden Dollar. Das Segment der Gentests soll mit 14 Prozent pro Jahr am stärksten wachsen.

Druck der Behörden

Was die Entwicklung beflügelt: Die Gesundheitsbehörden machen die Personalisierung zunehmend zur Auflage. Heute hat die US-Gesundheitsbehörde FDA bereits 32 solcher „Companion Diagnostics“ zugelassen. Ein Jahr zuvor waren es 22. Allein 18 dieser Tests hat die deutsche Qiagen im Angebot, seit Schatz im September 2009 für 95 Millionen Dollar den britischen Testanbieter DxS kaufte.

Wer jetzt die Sorge hat, dass er sich in Zukunft keine Kopfschmerztablette mehr beim Kollegen leihen kann, ohne vorher sein Erbgut durchchecken zu lassen, sei beruhigt: Die neuen Medikamente sind zwar maßgeschneidert, aber nicht jeder Mensch wird seine eigene, nur für ihn hergestellte Tablette bekommen.

Es sind eher Medikamente, die für eine Untergruppe von Menschen mit einer bestimmten Genkonstellation besonders gut wirken, während sie bei anderen Patienten gar nicht oder kaum helfen. Eine Art gehobene Konfektionsware sozusagen, mit Angabe einer bestimmten Kleidergröße am Schildchen: ein Mittelding zwischen One-Size-Fits-All-Produkten vom Wühltisch und der exklusiven Maßanfertigung eines Schneiders.

Einsparpotenzial von 380 Milliarden US-Dollar

Auf jeden Einzelnen abgestimmte Mittel wären zwar noch wirksamer. Doch könnten Pharmakonzerne sie unmöglich gewinnbringend vermarkten. Sie setzten bisher vor allem auf so genannte Blockbuster für Hunderttausende von Patienten mit Jahresumsätzen ab 500 Millionen Euro. Das Geschäftsmodell mit individuellen Pillen für kleinere Gruppen ist daher eine Mischkalkulation aus Unvermeidlichem und bewusst initiiertem Fortschritt. 

Unvermeidlich, weil seit Langem zumindest in der Fachwelt bekannt ist, dass etwa 90 Prozent der Medikamente, die heute auf dem Markt sind, nur bei 30 bis 50 Prozent der Menschen wirken. Nur konnte bisher niemand vorhersagen, wer zu welcher Gruppe gehört. Allein bei unnütz verschriebenen Cholesterinsenkern ließen sich so pro Jahr 3,8 bis 8,8 Milliarden Dollar einsparen, wettert Edward Abrahams. Er ist Direktor der Personalized Medicine Coalition, einem Verband aus Forschern, Unternehmen, Patientenorganisationen, Behörden, Versicherungen und Versandapotheken.

Laut einer Marktstudie von Booz Allen Hamilton beläuft sich das Einsparpotenzial der personalisierten Medizin im weltweiten Gesundheitsmarkt sogar auf 380 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Allein die Kosten, die durch gravierende Nebenwirkungen entstehen, sind erheblich. Sie sind die zweithäufigste Ursache für Notaufnahmen in Krankenhäusern und die sechsthäufigste Todesursache.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%