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Medizin Medikamente nach Maß

Seite 3/3

Genforscher Schuster

Bisher waren die Gefahren kaum einzudämmen, und die Behörden ließen die Medikamente trotzdem zu. Das wird sich drastisch ändern, sobald Tests verraten, wer zu welcher Gruppe gehört. Dann werden die Zulassungsbehörden zwingend vorschreiben, dass die Präparate nur noch mit entsprechenden Tests verordnet werden dürfen. Das haben sowohl die FDA in den USA als auch die europäische Zentralbehörde signalisiert.

Die Marketingstrategen vieler Pharmaunternehmen knirschen bei diesen Aussichten mit den Zähnen, können sie doch ihre Produkte nur noch an einen Teil der Kranken und nicht mehr an alle verkaufen. Erst langsam dämmert den Konzernen, dass angesichts galoppierender Gesundheitskosten kein Weg am effektiveren Einsatz ihrer Präparate vorbeiführt. Ein Unternehmen, das die Entwicklung massiv treibt, ist der in Basel ansässige Pharma- und Diagnostikkonzern Roche. Christian Meisel, Globaler Leiter der onkologischen Biomarker, sagt: „Bei uns gibt es kein einziges Entwicklungsprojekt mehr ohne Analyse der Biomarker.“

Roche war über lange Zeit das einzige Unternehmen, das ein personalisiertes Medikament auf dem Markt hatte: das Brustkrebsmittel Herceptin, das 1998 zur Behandlung von Metastasen zugelassen wurde. Herceptin, das an einem Wachstumsfaktor der Krebszellen angreift, hilft einer bestimmten Gruppe von genetisch genau charakterisierten krebskranken Frauen sehr gut. Bei allen anderen ist es wirkungslos. Das entscheidende Gen heißt Her2-neu – es wurde bei der kalifornischen Roche-Tochter Genentech vom deutschen Molekularbiologen und heutigen Max-Planck-Direktor Axel Ullrich entdeckt. Obwohl diese Genvariante nur bei einem Viertel der Frauen vorkommt, wagte Roche, Herceptin zu entwickeln. Das Experiment wurde zum Erfolg, spätestens seit Herceptin 2006 auch für die Behandlung von Brustkrebs im Frühstadium zugelassen wurde. Damals schnellte der Jahresumsatz um 65 Prozent nach oben: auf 1,23 Milliarden Dollar.

Maßgeschneiderte Medikamente sind mitunter preiswerter als die Massenware

Bei Merck lief es so: Seit der beobachtete Zusammenhang zwischen der Wirksamkeit von Erbitux und dem K-Ras-Gen im Sommer 2008 bewiesen war, veränderte sich die Nutzung komplett. Oliver Kisker, Leiter der globalen Entwicklung von Krebsmedikamenten sagt: „Damals wurden in Europa nur zwei bis drei Prozent der Darmkrebspatienten auf K-Ras getestet, Ende 2009 waren es 60 Prozent.“ Was sich für die Medikamentenentwickler dabei positiv verändert, schildert Kisker so: „Wählen wir die Patienten vor den Studien nach ihrem Genotyp aus, sind die Ansprechraten viel höher.“ Das heißt, der Erfolg einer klinischen Studie ist viel wahrscheinlicher, wenn nur jene Menschen daran teilnehmen, die voraussichtlich positiv reagieren. Und je deutlicher der positive Effekt ist, desto kleiner kann aus statistischen Gründen die Zahl der Menschen sein, die an der Studie teilnimmt. Das spart richtig Geld, denn klinische Studien sind der teuerste Teil der Entwicklung. So sind maßgeschneiderte Medikament mitunter viel preiswerter zu entwickeln als die Massenware.

Weil es bei Krebsmedikamenten bisher besonders schwierig ist, einen deutlichen Erfolg in der Überlebenszeit zu erreichen, verfolgen die meisten Hersteller wie Amgen, Bayer oder Novartis derzeit ganz ähnliche Strategien: Sie testen, ob Biomarker ihnen den Weg zu jener Patientengruppe weisen, die optimal auf ihr Präparat regiert. Viele junge Biotech-Unternehmen wie etwa die deutsche Wilex oder 4SC gehen genau denselben Weg.

Zuweilen kann einem Präparat, das schon beerdigt schien, so doch noch zum Erfolg verholfen werden. So erging es dem Lungenkrebsmittel Iressa von Astra Zeneca. Es wurde wegen enttäuschender Heilungserfolge 2005 vom Markt genommen. Daraufhin testete das Unternehmen Iressa nur bei solchen Patienten, die eine bestimmte Veränderung beim Wachstumsfaktor EGFR aufweisen. Das sind zwar nur 15 Prozent aller Lungenkrebskranken. Doch für diese Gruppe ist Iressa seit vorigem Sommer wieder zugelassen. Hier wird klar, warum sich Unternehmen allmählich doch mit der personalisierten Medizin anzufreunden beginnen. Otmar Wiestler, der Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, glaubt, dass in fünf Jahren bei jedem Krebspatienten erst einmal das komplette Erbgut des Tumors analysiert wird – und darauf aufbauend eine maßgeschneiderte Therapie gesucht wird.

Gentests für Jedermann?

Die personalisierte Medizin setzt aber auch schon vor der Therapie an: Gerade Krebs, Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes oder Alzheimer sollen mithilfe von Gentests bald viel früher erkannt werden – wenn eine Behandlung noch preiswert ist und zudem eine viel größere Chance auf Heilung besteht. In Zukunft soll sie jedem Getesteten beispielsweise auch sagen, ob er zu jenen zehn Prozent gehört, bei denen der Tabakrauch Krebs auslöst, oder ob er zu den 90 Prozent zählt, die bis ins hohe Alter keinerlei Probleme bekommen, obwohl sie rauchen wie ein Schlot. Einige US-Unternehmen bieten privat übers Internet zu ordernde Gentests schon heute an, auch wenn der Nutzen noch sehr fraglich ist.

Um Gentests beurteilen zu können, wird vorerst noch die Hilfe von Ärzten nötig sein, glaubt Genforscher Schuster. Er hat vor fünf Jahren in Berlin seine Praxis für Präventionsmedizin eröffnet. Die Menschen, die Schuster aufsuchen, sind in der Regel nicht krank, sie wollen dafür sorgen, dass sie es gar nicht werden. Sie lassen sich auf Herz und Nieren prüfen und checken parallel dazu ihre genetischen Veranlagungen. Dann arbeitet Schuster ein individuelles Vorsorgeprogramm mit und für seine Patienten aus. „Wir besprechen zum Beispiel, welche Ernährungsumstellung oder Sportart zu dem jeweiligen Menschen, seinen Vorlieben und seinen beruflichen Verpflichtungen passen.“ Besonderer Service: Zum Start begleitet der Arzt die Kunden auch mit zum Sport, wenn sie das wünschen.

Das gibt Schuster auch die Möglichkeit, die Patienten viel besser kennenzulernen. Vieles an seinem Ansatz erinnert insofern an den Hausarzt aus den Fünfzigerjahren, der seine Patienten dauerhaft betreute und alles im Blick hatte: Familienumstände, Job und soziales Umfeld. Schuster ergänzt das Ganze um die gen-basierte Medizin. Und er weiß, welchen Informationsgewinn das bewirkt: „Auch wenn das Bild an manchen Stellen noch unscharf ist, erfassen wir zunehmend die molekulare Ebene, die den Unterschied zwischen krank und gesund ausmacht.“

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