WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Medizin Medikamente nach Maß

Die Gesundheitsindustrie steht vor einem radikalen Wandel: Individuelle Designer-Pillen und Gentests lösen Massenpräparate ab und senken die Gesundheitskosten. Behörden zwingen Konzerne jetzt zum Kurswechsel.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Analyse im Genlabor

Herbert Schuster ist kein ganz gewöhnlicher Arzt. Der Internist ist zugleich Genforscher, und er behandelt in seiner Berliner Praxis vor allem Menschen, die noch gar nicht krank sind. Er setzt auf Prävention. Und um zu beurteilen, wie sie Herzinfarkt, Krebs oder Alzheimer vermeiden können, verlässt er sich nur zum Teil auf klassische ärztliche Untersuchungsmethoden. Parallel dazu prüft Schuster, der jahrelang am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin nach den genetischen Ursachen von Krankheiten suchte, auch die Erbanlagen. Denn sie geben mitunter viel mehr von dem preis, was ein Mensch gesundheitlich in Zukunft zu erwarten hat.

Schuster ist einer der Pioniere der neuen so genannten personalisierten Medizin. Sie versprach schon in den Neunzigerjahren für jeden Menschen passend zu seinen Erbanlagen die optimale Therapie. „Wir glaubten, wenn wir erst einmal alle Gene gefunden hätten, ließen sich die meisten Krankheiten sehr viel einfacher und zielgerichteter behandeln und heilen“, erinnert sich der Forscher. Das war nicht falsch. Doch so einfach und schnell funktionierte die Sache nicht.

Schuld daran war der Kern des Forschungsgebiets selbst: das menschliche Erbgut, auch Genom genannt. Kurz nach der Jahrtausendwende war es entziffert. Doch damit war schlagartig die Euphorie verflogen. Der Blick in die Gene hatte für Ernüchterung gesorgt: Nicht nur, dass für die meisten Erkrankungen viele Gene verantwortlich sind. Es zeigte sich auch, dass dasselbe Gen verschiedenste Funktionen haben kann. „Alles war viel komplizierter, als wir gedacht hatten“, gibt Schuster zu.

Machtvolle Gene

Erst jetzt steht die personalisierte Medizin vor ihrem Durchbruch. Vor allem in der Pharmabranche bedeutet das ein radikales Umdenken: Massenmedikamente haben ausgedient, die Zukunft gehört maßgeschneiderten Medikamenten und Gentests. Zunächst wird das vor allem Krebs betreffen, auf lange Sicht aber fast jedes Krankheitsbild. Kurzfristig bedeutet die neue Spielart der Medizin zwar, dass Ärzte mit höherem Aufwand eine kleinere Zahl von Patienten behandeln und Pharmaunternehmen ihre Produkte für kleinere, klar definierte Patientengruppen entwicklen. Doch der individualisierte Ansatz ist nicht mehr aufzuhalten: Denn er kann, so viel steht fest, teure oder sogar tödliche Fehlbehandlungen vermeiden, die Erkennung und Heilung von Krankheiten verbessern und die Kostenexplosion im Gesundheitssektor dämpfen.

Karl-Ludwig Kley, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Merck aus Darmstadt, sieht sich und seine Pharmasparte Merck Serono mit dem Krebsmittel Erbitux als Vorreiter auf diesem Gebiet. Bei Erbitux, das seit 2003 gegen Darmkrebs im Einsatz ist, stellte sich während der Entwicklung heraus, dass nur zwei Drittel der Patienten davon etwas haben: solche nämlich, bei denen ein Gen namens K-Ras unverändert vorkommt, das für die Signalweiterleitung in der Krebszelle verantwortlich ist. Nur dort kann Erbitux etwas bewirken, indem es den Signalweg für den Befehl, sich laufend weiter zu teilen, unterbricht. Wo das K-Ras-Gen aber verändert ist, findet Erbitux keinen Angriffspunkt. „Wenn wir anhand von Biomarkern vorhersagen können, welches Medikament welchem Patienten hilft oder nicht hilft, erhalten die Menschen nicht nur eine sehr zielgerichtete Therapie“, sagt Kley, „es werden gleichzeitig für das Gesundheitssystem unnötige Kosten vermieden.“

Paradigmenwechsel in der Medizin

Auch Peer Schatz, Chef des deutschen Gentest-Entwicklers Qiagen aus Hilden bei Düsseldorf, ist überzeugt: „Die Zeit ist reif für einen Paradigmenwechsel in der Medizin.“ Schatz hat gut reden. Während Pharmakonzerne sich erst darauf einstellen müssen, in Zukunft nicht mehr jedem Menschen eine Einheitspille vorzusetzen, gehört er als Lenker eines weltweit führenden Unternehmens in Sachen molekularer Analysetechnik zu den Profiteuren des Wandels. Denn das Kennzeichen der neuen Art genbasierter Heilkunst ist das Zusammenspiel von Medikament und Test. Sie sind immer nur im Doppelpack zu haben. Companion Diagnostic heißt der Test zur Pille auf Englisch; in der deutschen Übersetzung wird daraus ein therapiebegleitendes Diagnostikum.

Die Idee dahinter: Der Test hilft, das richtige Medikament für den richtigen Patienten zur richtigen Zeit und in der richtigen Dosierung zu finden. Wie der Patient genetisch gestrickt ist, gibt Auskunft darüber, ob sein Organismus ein Medikament verträgt, ob er es schnell oder langsam abbaut – und ob es ihm hilft. So sind inzwischen Hunderte von Genen bekannt, die im Entgiftungsorgan des Körpers, der Leber, dafür sorgen, dass die Wirkstoffe die wir schlucken, von Enzymen abgebaut werden und dann den Körper verlassen.

Was sich an Behandlungskosten einsparen ließe

Bei vielen Tumoren ist es inzwischen gelungen, bestimmte Gene ausfindig zu machen, die sie besonders empfänglich für die eine oder andere Behandlung mit Cytostatika oder mit modernen, zielgerichteten Medikamenten machen. Zuweilen steht auch das Genom eines Krankheitserregers im Mittelpunkt des Interesses, etwa beim HI-Virus: Hier können die Ärzte inzwischen per Gentest prüfen, mit welchen Medikamenten sich das Virus am besten in Schach halten lässt.

Doch der Weg dorthin war lang. In den vergangenen Jahren haben Forscher in komplizierten Verfahren die entscheidenden Gensequenzen aus dem Erbgut von Menschen, Viren und Bakterien herausgefiltert, die solche Rückschlüsse zulassen. Auf dieser Grundlage haben Diagnostik-Unternehmen auf der ganzen Welt Tests entwickelt. Sie müssen nicht zwangsweise das Gen selbst nachweisen. Sie können auch Biomarker wie Enzyme aufspüren, die entstehen, wenn das Gen im Körper vorhanden und aktiv ist.

Weil die Untersuchung solcher Biomarker in Zukunft an Bedeutung massiv zunehmen werden, prognostiziert das Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers (PwC) für den weltweiten Testmarkt bis 2012 ein Wachstum um fünf Prozent pro Jahr auf 50 Milliarden Dollar. Das Segment der Gentests soll mit 14 Prozent pro Jahr am stärksten wachsen.

Druck der Behörden

Was die Entwicklung beflügelt: Die Gesundheitsbehörden machen die Personalisierung zunehmend zur Auflage. Heute hat die US-Gesundheitsbehörde FDA bereits 32 solcher „Companion Diagnostics“ zugelassen. Ein Jahr zuvor waren es 22. Allein 18 dieser Tests hat die deutsche Qiagen im Angebot, seit Schatz im September 2009 für 95 Millionen Dollar den britischen Testanbieter DxS kaufte.

Wer jetzt die Sorge hat, dass er sich in Zukunft keine Kopfschmerztablette mehr beim Kollegen leihen kann, ohne vorher sein Erbgut durchchecken zu lassen, sei beruhigt: Die neuen Medikamente sind zwar maßgeschneidert, aber nicht jeder Mensch wird seine eigene, nur für ihn hergestellte Tablette bekommen.

Es sind eher Medikamente, die für eine Untergruppe von Menschen mit einer bestimmten Genkonstellation besonders gut wirken, während sie bei anderen Patienten gar nicht oder kaum helfen. Eine Art gehobene Konfektionsware sozusagen, mit Angabe einer bestimmten Kleidergröße am Schildchen: ein Mittelding zwischen One-Size-Fits-All-Produkten vom Wühltisch und der exklusiven Maßanfertigung eines Schneiders.

Einsparpotenzial von 380 Milliarden US-Dollar

Auf jeden Einzelnen abgestimmte Mittel wären zwar noch wirksamer. Doch könnten Pharmakonzerne sie unmöglich gewinnbringend vermarkten. Sie setzten bisher vor allem auf so genannte Blockbuster für Hunderttausende von Patienten mit Jahresumsätzen ab 500 Millionen Euro. Das Geschäftsmodell mit individuellen Pillen für kleinere Gruppen ist daher eine Mischkalkulation aus Unvermeidlichem und bewusst initiiertem Fortschritt. 

Unvermeidlich, weil seit Langem zumindest in der Fachwelt bekannt ist, dass etwa 90 Prozent der Medikamente, die heute auf dem Markt sind, nur bei 30 bis 50 Prozent der Menschen wirken. Nur konnte bisher niemand vorhersagen, wer zu welcher Gruppe gehört. Allein bei unnütz verschriebenen Cholesterinsenkern ließen sich so pro Jahr 3,8 bis 8,8 Milliarden Dollar einsparen, wettert Edward Abrahams. Er ist Direktor der Personalized Medicine Coalition, einem Verband aus Forschern, Unternehmen, Patientenorganisationen, Behörden, Versicherungen und Versandapotheken.

Laut einer Marktstudie von Booz Allen Hamilton beläuft sich das Einsparpotenzial der personalisierten Medizin im weltweiten Gesundheitsmarkt sogar auf 380 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Allein die Kosten, die durch gravierende Nebenwirkungen entstehen, sind erheblich. Sie sind die zweithäufigste Ursache für Notaufnahmen in Krankenhäusern und die sechsthäufigste Todesursache.

Genforscher Schuster

Bisher waren die Gefahren kaum einzudämmen, und die Behörden ließen die Medikamente trotzdem zu. Das wird sich drastisch ändern, sobald Tests verraten, wer zu welcher Gruppe gehört. Dann werden die Zulassungsbehörden zwingend vorschreiben, dass die Präparate nur noch mit entsprechenden Tests verordnet werden dürfen. Das haben sowohl die FDA in den USA als auch die europäische Zentralbehörde signalisiert.

Die Marketingstrategen vieler Pharmaunternehmen knirschen bei diesen Aussichten mit den Zähnen, können sie doch ihre Produkte nur noch an einen Teil der Kranken und nicht mehr an alle verkaufen. Erst langsam dämmert den Konzernen, dass angesichts galoppierender Gesundheitskosten kein Weg am effektiveren Einsatz ihrer Präparate vorbeiführt. Ein Unternehmen, das die Entwicklung massiv treibt, ist der in Basel ansässige Pharma- und Diagnostikkonzern Roche. Christian Meisel, Globaler Leiter der onkologischen Biomarker, sagt: „Bei uns gibt es kein einziges Entwicklungsprojekt mehr ohne Analyse der Biomarker.“

Roche war über lange Zeit das einzige Unternehmen, das ein personalisiertes Medikament auf dem Markt hatte: das Brustkrebsmittel Herceptin, das 1998 zur Behandlung von Metastasen zugelassen wurde. Herceptin, das an einem Wachstumsfaktor der Krebszellen angreift, hilft einer bestimmten Gruppe von genetisch genau charakterisierten krebskranken Frauen sehr gut. Bei allen anderen ist es wirkungslos. Das entscheidende Gen heißt Her2-neu – es wurde bei der kalifornischen Roche-Tochter Genentech vom deutschen Molekularbiologen und heutigen Max-Planck-Direktor Axel Ullrich entdeckt. Obwohl diese Genvariante nur bei einem Viertel der Frauen vorkommt, wagte Roche, Herceptin zu entwickeln. Das Experiment wurde zum Erfolg, spätestens seit Herceptin 2006 auch für die Behandlung von Brustkrebs im Frühstadium zugelassen wurde. Damals schnellte der Jahresumsatz um 65 Prozent nach oben: auf 1,23 Milliarden Dollar.

Maßgeschneiderte Medikamente sind mitunter preiswerter als die Massenware

Bei Merck lief es so: Seit der beobachtete Zusammenhang zwischen der Wirksamkeit von Erbitux und dem K-Ras-Gen im Sommer 2008 bewiesen war, veränderte sich die Nutzung komplett. Oliver Kisker, Leiter der globalen Entwicklung von Krebsmedikamenten sagt: „Damals wurden in Europa nur zwei bis drei Prozent der Darmkrebspatienten auf K-Ras getestet, Ende 2009 waren es 60 Prozent.“ Was sich für die Medikamentenentwickler dabei positiv verändert, schildert Kisker so: „Wählen wir die Patienten vor den Studien nach ihrem Genotyp aus, sind die Ansprechraten viel höher.“ Das heißt, der Erfolg einer klinischen Studie ist viel wahrscheinlicher, wenn nur jene Menschen daran teilnehmen, die voraussichtlich positiv reagieren. Und je deutlicher der positive Effekt ist, desto kleiner kann aus statistischen Gründen die Zahl der Menschen sein, die an der Studie teilnimmt. Das spart richtig Geld, denn klinische Studien sind der teuerste Teil der Entwicklung. So sind maßgeschneiderte Medikament mitunter viel preiswerter zu entwickeln als die Massenware.

Weil es bei Krebsmedikamenten bisher besonders schwierig ist, einen deutlichen Erfolg in der Überlebenszeit zu erreichen, verfolgen die meisten Hersteller wie Amgen, Bayer oder Novartis derzeit ganz ähnliche Strategien: Sie testen, ob Biomarker ihnen den Weg zu jener Patientengruppe weisen, die optimal auf ihr Präparat regiert. Viele junge Biotech-Unternehmen wie etwa die deutsche Wilex oder 4SC gehen genau denselben Weg.

Zuweilen kann einem Präparat, das schon beerdigt schien, so doch noch zum Erfolg verholfen werden. So erging es dem Lungenkrebsmittel Iressa von Astra Zeneca. Es wurde wegen enttäuschender Heilungserfolge 2005 vom Markt genommen. Daraufhin testete das Unternehmen Iressa nur bei solchen Patienten, die eine bestimmte Veränderung beim Wachstumsfaktor EGFR aufweisen. Das sind zwar nur 15 Prozent aller Lungenkrebskranken. Doch für diese Gruppe ist Iressa seit vorigem Sommer wieder zugelassen. Hier wird klar, warum sich Unternehmen allmählich doch mit der personalisierten Medizin anzufreunden beginnen. Otmar Wiestler, der Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, glaubt, dass in fünf Jahren bei jedem Krebspatienten erst einmal das komplette Erbgut des Tumors analysiert wird – und darauf aufbauend eine maßgeschneiderte Therapie gesucht wird.

Gentests für Jedermann?

Die personalisierte Medizin setzt aber auch schon vor der Therapie an: Gerade Krebs, Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes oder Alzheimer sollen mithilfe von Gentests bald viel früher erkannt werden – wenn eine Behandlung noch preiswert ist und zudem eine viel größere Chance auf Heilung besteht. In Zukunft soll sie jedem Getesteten beispielsweise auch sagen, ob er zu jenen zehn Prozent gehört, bei denen der Tabakrauch Krebs auslöst, oder ob er zu den 90 Prozent zählt, die bis ins hohe Alter keinerlei Probleme bekommen, obwohl sie rauchen wie ein Schlot. Einige US-Unternehmen bieten privat übers Internet zu ordernde Gentests schon heute an, auch wenn der Nutzen noch sehr fraglich ist.

Um Gentests beurteilen zu können, wird vorerst noch die Hilfe von Ärzten nötig sein, glaubt Genforscher Schuster. Er hat vor fünf Jahren in Berlin seine Praxis für Präventionsmedizin eröffnet. Die Menschen, die Schuster aufsuchen, sind in der Regel nicht krank, sie wollen dafür sorgen, dass sie es gar nicht werden. Sie lassen sich auf Herz und Nieren prüfen und checken parallel dazu ihre genetischen Veranlagungen. Dann arbeitet Schuster ein individuelles Vorsorgeprogramm mit und für seine Patienten aus. „Wir besprechen zum Beispiel, welche Ernährungsumstellung oder Sportart zu dem jeweiligen Menschen, seinen Vorlieben und seinen beruflichen Verpflichtungen passen.“ Besonderer Service: Zum Start begleitet der Arzt die Kunden auch mit zum Sport, wenn sie das wünschen.

Das gibt Schuster auch die Möglichkeit, die Patienten viel besser kennenzulernen. Vieles an seinem Ansatz erinnert insofern an den Hausarzt aus den Fünfzigerjahren, der seine Patienten dauerhaft betreute und alles im Blick hatte: Familienumstände, Job und soziales Umfeld. Schuster ergänzt das Ganze um die gen-basierte Medizin. Und er weiß, welchen Informationsgewinn das bewirkt: „Auch wenn das Bild an manchen Stellen noch unscharf ist, erfassen wir zunehmend die molekulare Ebene, die den Unterschied zwischen krank und gesund ausmacht.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%