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Medizin Milliardeneinsparungen durch neue Proteintests

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Grafik: Wie die Analyse komplexer Proteinmuster die Früherkennung von Krankheiten ermöglicht

Mehr noch: Die neue Analysemethode könne die Gesundheitssysteme um Milliardenbeträge entlasten, glaubt Joachim Conrads, der Vorstandschef von Mosaiques. Allein bei Nierenversagen aufgrund von Diabetes könnte der neue Test enorme Einsparungen bringen. „Wir erkennen die Krankheit anhand des Proteinmusters vier Jahre früher als alle bisherigen Untersuchungsmethoden, lange bevor das Organ Schäden zeigt“, verspricht Conrads.

Den klassischen bildgebenden Verfahren wie Ultraschall, Röntgen oder Tomografien ist die Proteinanalyse damit um Längen voraus. Gerade weil die Methode den etablierten Früherkennungsverfahren Konkurrenz macht, gibt es allerdings machtvolle Gegner. Neben den Herstellern von Diagnosegeräten bedroht sie auch das lukrative Geschäft der bisher gut an traditionellen Untersuchungen verdienenden Laborärzte und Radiologen.

Zoff mit den Urologen

Ärger ist also vorprogrammiert: Schon der erste von Mosaiques vor drei Jahren deutschlandweit eingeführte Test zur Vorhersage von Prostata-Krebs sorgte für Zoff mit den Urologen. Denn die fürchteten um ihre Einnahmequelle, wenn die Proteomanalyse ihre bisher übliche Untersuchung samt anschließend oft notwendiger Gewebeentnahme überflüssig gemacht hätte. Der erste Test setzte sich deshalb nie wirklich durch.

Auch die notorisch klammen Krankenkassen reagieren zögerlich. Das Problem: Der Test kostet bereits Geld, solange der Patient nach bisherigem Standard noch als gesund gilt. Dass er später aber viel geringere Kosten verursacht, weil er gesund geblieben ist oder weniger Medikamente und Krankenhausaufenthalte benötigt, schlägt erst Jahre später zu Buche. Doch gerade auf lange Sicht dürfte sich die Früherkennung mit Leichtigkeit rechnen.

So sind alleine in Deutschland gut 80.000 Patienten aufgrund eines Nierenversagens auf eine Blutwäsche mithilfe von Dialysemaschinen angewiesen. Die jährlichen Therapiekosten summieren sich auf etwa 50.000 Euro pro Jahr und Patient. Beim größten Teil von ihnen ist die Diabeteserkrankung Ursache des Nierenschadens. Klinikdirektor Ehrich ist überzeugt: „Mit der Proteinanalytik können wir solche Probleme schon in Frühstadien erkennen, wenn eine Therapie noch extrem preiswert und zudem hocheffektiv ist.“

Auch ein drohender Herzinfarkt, der ebenfalls für Diabetiker typisch ist, lasse sich mittels Protein-Check sehr genau vorhersagen und durch entsprechende Medikamente verhindern, verspricht Mosaiques-Chef Conrads. Er verweist auf umfangreiche medizinische Studien, die die Forscher aus Hannover bereits mit angesehenen europäischen Wissenschaftlern gemacht und in Fachmagazinen veröffentlicht haben – etwa mit Anna Dominiczak, der Leiterin der Kardiologie der Universität Glasgow, oder Peter Rossing vom Steno Diabetes Center bei Kopenhagen. Deren einhellige Meinung: Bisher erhalten viele Diabetiker die teuren Medikamente gegen Herzinfarkt rein vorsorglich, ohne konkreten Verdacht. Würden sie dagegen nur bei Bedarf gegeben, blieben den Kassen Millionenbeträge erspart.

Proteomik verdrängt Genomik

Der neue Ansatz, die Proteinanalyse – im Jargon der Wissenschaftler Proteomik genannt –, markiert auch eine grundlegende Trendwende in der Medizin: Seit Anfang der Achtzigerjahre durchpflügten die Forscher im Rahmen der sogenannten Genomik das Erbgut auf der Suche nach Indizien, ob bestimmte Gene einen Menschen für bestimmte Erkrankungen anfällig machen. Nun setzen sie zunehmend auf Proteine, um den tatsächlichen Gesundheitszustand der Menschen zu ergründen.

Zwar bestimmen grundsätzlich die Gene, ob und wie schnell wir altern, ob wir gesund bleiben oder erkranken. Doch sie sind lediglich der Datenspeicher, der sämtliche Steuerbefehle parat hält. Niemals sind aber alle Gene gleichzeitig wirksam. Und nur wenn ein Gen aktiv ist, wird es auch in ein Protein übersetzt, das dann über komplexe, biochemische Stoffwechselwege den jeweiligen Zustand des Organismus steuert. Die Analyse der Proteine ist somit eine Art Momentaufnahme der aktiven Gene im Körper.

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