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Medizin Milliardeneinsparungen durch neue Proteintests

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Harald Mischak Quelle: Nils Hendrik Müller für WirtschaftsWoche

Das wissen Forscher zwar seit Langem, doch die gleichzeitige Analyse von Zigtausend Proteinen war technisch bisher kaum zu bewältigen. Die Hürde ist nun überwunden, ist Harald Mischak überzeugt. Der 49-jährige Biochemiker ist Forschungschef und wissenschaftlicher Kopf von Mosaiques.

Mindestens ebenso wichtig für die Erforschung von Krankheiten wie die Genanalyse werden daher in Zukunft die Proteine. Für den Gesundheits-Check in der Praxis oder in Kliniken seien Eiweiße sogar die bessere Wahl, meint der gebürtige Österreicher Mischak: „Die Proteine sagen viel mehr aus über den aktuellen Zustand eines Organismus als die Gene.“ Neben seinem Job in Hannover lehrt er inzwischen auch als Professor für Proteomanalyse und Systemmedizin an der University of Glasgow.

Dabei perfektioniert Proteomik im Grunde genommen seit Langem bekannte dignostische Verfahren. Viele existierende Blut- und Urintests machen schon heute nichts anderes, als nach bestimmten Körpereiweißen zu suchen. Etwa bei Leberkrebs oder Schwangerschafts-Schnelltests. Bloß werten alle bisherigen Verfahren nur einen oder zwei Biomarker aus. Und ihre Existenz ist meist nur eine Ja-Nein-Antwort. Über die Schwere der Erkrankung oder gar die Größe eines Tumors dagegen sagt sie wenig aus.

Erst die Gesamtschau der Proteine macht eine viel exaktere Diagnose möglich. Vor allem bei chronischen Erkrankungen, die sich über Jahre entwickeln, reichen ein bis zwei Biomarker nicht aus. Hier müssen die Ärzte bisher viele weitere, zum Teil belastende Tests durchführen – mit Kontrastmitteln, radioaktiv markierten Substanzen oder in den Körper geschobenen Kameras, sogenannten Endoskopen.

Weltweit arbeiten Wissenschaftler deshalb an schonenden Protein-Alternativen – in zum Teil millionenschweren öffentlichen Forschungsprojekten. Mosaiques-Entwickler Mischak etwa koordiniert ein mit 16 Millionen Euro gefördertes EU-Projekt namens SysKid, das neue Ansätze in der Nierenheilkunde erschließen soll. Auch Nierenarzt Ehrich entwickelt inzwischen mithilfe der Diapat-Methode neue Tests für häufige Kindererkrankungen. Etwa die Harnwegsverengung, die bei einem Prozent aller Kinder vorkommt. Statt den kleinen Patienten einen Blasenkatheter zu legen, könnte die simple Pipi-Show schnell Klarheit bringen, ob operiert werden muss oder nicht: „Gerade für Kinder ist es das Einfachste der Welt, eine Urinprobe abzugeben“, sagt der Arzt.

Und nicht nur für sie. Es ist der unkomplizierte Weg, ein Maximum an Informationen über den menschlichen Organismus zu ergattern, der auch Mischak begeisterte. Urin ist nämlich das Filtrat des Blutes. Im Schnitt filtert eine menschliche Niere pro Tag 1700 Liter des lebenswichtigen Safts. Zudem lässt sich Urin schmerzfrei gewinnen. Und er ist viel einfacher zu handhaben als Blut. Das muss gekühlt, gefiltert und weiterverarbeitet werden, während die Informationen im Urin sehr stabil auch bei Raumtemperatur erhalten bleiben und sich mühelos einfrieren lassen. Mischaks Fazit: „Als Informationsquelle ist Urin sehr viel besser als das Blut.“

Die Anerkennung ihrer Methode durch die weltgrößte Gesundheitsbehörde FDA ist denn auch für Mischak, Conrads und ihr Team eine Art Ritterschlag. Den Durchbruch im Milliardenmarkt der Gesundheitsindustrie indes garantiert er nicht, das ist ihnen klar.

„Neue Verfahren brauchen Zeit, bis sie sich durchsetzen“, weiß Hochschularzt Ehrich: Gerade für niedergelassene Ärzte sei die Technik noch ungewohnt und wenig vertrauenerweckend. Während sich Mediziner an Zickzackkurven von Herzrhythmen inzwischen gewöhnt hätten, erschienen die wilden Gebirge aus Proteinspitzen und -tälern im Auswerteprotokoll allzu konfus und undurchsichtig.

Es sei wie bei einer Alpentour, glaubt der Nierenfachmann aus Hannover. Da müsse jeder dem Bergführer vertrauen, dass er den Weg zum Gipfel auch finde, sagt Ehrich: „Wenn aber Bergführer ganz neue und bisher nie gegangene Pfade einschlagen, ist Skepsis vorprogrammiert.“ 

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