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Medizin Nanotechnik gegen Krebs

Ein Berliner Unternehmen hat mithilfe von Nanotechnik eine völlig neue, nebenwirkungsfreie Krebstherapie entwickelt.

Magforce: Mit 17 Billiarden Minimagneten pro Millimeter gegen tödliche Tumore

Skeptisch und gespannt zugleich beobachten Norbert Waldöfner und Kerstin Stief das Reaktionsgefäß aus Glas, das im Abzug hinter einer Sicherheitsscheibe über der Flamme eines Bunsenbrenners befestigt ist. In dem gut kindskopfgroßen Dreihalskolben blubbern 100 Milliliter einer klebrig-rostbraunen Flüssigkeit. Fast wie bei einem Vulkanausbruch – nur kleiner – zerplatzt eine zähe Blase nach der anderen. Auf 360 Grad Celsius bringt es das Gebräu aus Eisenoxid. „Das ist schon ein bisschen heikel“, erklärt Chemikerin Stief mit gebührendem Abstand zur kochenden Metall-Brühe: „Da kann schon mal ein Glaskolben zu Bruch gehen.“ Doch Teamleiter Waldöfner weiß: Nur so lassen sich magnetische Nanoteilchen mit ganz neuen Eigenschaften kreieren. Sie sind die neuen Hoffnungsträger von Krebstherapeuten in aller Welt.

Die beiden gehören zum gut 30-köpfigen Berliner Medizintechnikunternehmen MagForce Nanotechnologies, das 1997 gegründet wurde und seit 2007 an der Börse gelistet ist. Das Team um den Gründer und Forschungschef Andreas Jordan hat mithilfe der Nanopartikel eine Methode gefunden, um Wärme gezielt in den Körper und dort in tödliche Krebsgeschwüre zu lenken. So können Tumorzellen – und nur diese – auf bis zu 70 Grad erhitzt werden, sodass sie absterben.

Völlig neuer Ansatz gegen Krebs

Das ist ein völlig neuer Ansatz, den todbringenden Zellen die Stirn zu bieten. Seit Jahrzehnten haben Ärzte drei Optionen im Kampf gegen die moderne Volksseuche: Sie können den Tumor mit Röntgenstrahlen beschießen, die teilungsaktiven Zellen mit Chemikalien umbringen oder die Wucherungen aus dem Körper schneiden.

Mit neuen, relativ nebenwirkungsarmen Antikörpertherapien können sie zudem seit wenigen Jahren Tumorzellen gezielt in den biologischen Selbstmord treiben. Aber die Krebszellen entwickeln in rasender Geschwindigkeit Eigenschaften, die sie auch dagegen immun machen, sodass Forscher händeringend nach weiteren Ansatzpunkten suchen. Die Nanokrebstherapie aus Berlin könnte eine solche neue Speerspitze im Kampf gegen die Krankheit sein.

Davon ist Klaus Maier-Hauff, Hirnchirurg am Bundeswehrkrankenhaus Berlin überzeugt: „Schmerzhafte Nebenwirkungen bleiben dem Patienten erspart.“

Gerade hat MagForce die Zulassungsstudie an 59 Patienten mit Hirntumoren, dem Glioblastom, mit Ärzten und Forschern an der Berliner Charité abgeschlossen. Die Überlebenszeit der als „austherapiert“ und damit todgeweihten Kranken verlängerte sich bei gleichzeitiger Bestrahlung von 6,2 auf 13,4 Monate. „Wir waren selbst überrascht, wie gut die Therapie wirkt“, sagt Gründer Jordan.

Sieben Monate mehr ist noch keine Heilung. Aber es ist vergleichsweise viel bei einem nicht therapierbaren Hirntumor.

Die Idee, Tumore mit Hitze umzubringen, ist uralt. So hat schon Aristoteles beschrieben, dass ein glühendes Eisen – in die Nähe des Tumors gehalten – helfen kann. Heute geht das gezielter mit magnetischen Teilchen, deren Größe im Bereich von Nanometern liegt, was einem millionstel Millimeter entspricht.

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