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Medizinische Versorgung Wie krank unser Gesundheitssystem ist

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Korruptionsexperte Dolata Quelle: Andreas Körner für WirtschaftsWoche

Die Schmiergelder stammen in der Regel von Pharmakonzernen. Die buchen ihre Ausgaben auf das Marketingbudget, was in der Branche kein Geheimnis ist. Bei den meisten Größen der Branche macht dieses Budget laut Geschäftsberichten gut ein Drittel des Umsatzes aus – mehr als die Ausgaben für Forschung, die nur bei etwa 15 bis 20 Prozent liegen.

Die Konzerne haben ein großes Interesse daran, sich den Medizinern anzudienen. „90 Prozent ihres Umsatzes machen sie mit Ärzten“, sagt Korruptionsexperte Uwe Dolata, Sprecher des bayrischen Landesverbandes im Bund Deutscher Kriminalbeamter. Und Mediziner verordnen nicht nur Medikamente. Sie führen auch Studien für neue Produkte durch und sitzen in Kommissionen, die über die Zulassung von Präparaten entscheiden. „Die Ärzte stehen im Zentrum der Korruption“, sagt Dolata, der seit Jahren an der Fachhochschule Würzburg lehrt. Er hat aber eine entscheidende Veränderung ausgemacht: „Früher sind die Unternehmen aktiv auf die Ärzte zugegangen, um ihnen Geld und Geschenke aufzudrängen“, sagt er. „Heute fordern Ärzte solche Aufmerksamkeiten aktiv ein.“

Rund 1000 neue Betrugsfälle pro Jahr

Dabei verdienen niedergelassene Mediziner in Deutschland im Schnitt 142.000 Euro im Jahr. „Die meisten korrupten Ärzte treibt die Gier“, hat Dina Michels beobachtet. Michels ermittelt für die Krankenkasse KKH-Allianz in Hannover bei Betrugsfällen im Medizinbetrieb. Ihre Erfahrungen hat sie in dem gerade erschienenen Buch „Weiße Kittel, dunkle Geschäfte“ öffentlich gemacht.

Michels berichtet, wie Ärzte, Physiotherapeuten oder Apotheker Abrechnungen fälschen oder Leistungen angeben, die sie nicht erbracht haben. Zwar verhalte sich die Mehrheit korrekt. Doch allein 2008 ging sie mit ihrem neunköpfigen Team rund 1000 neuen Fällen nach. Meist bestätigte sich der Verdacht.

Das dürfte nach Einschätzung von Experten aber nur die Spitze des Eisbergs sein. „Die Dunkelziffer bei Korruption im Gesundheitswesen liegt bei 98 Prozent“, sagt Korruptionsexperte Dolata.

Der dadurch entstehende Schaden für die Krankenkassen liege in Deutschland zwischen acht und 24 Milliarden Euro, schätzt die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International.

Bizarrer Kleinkrieg

Wie verlogen das System sein kann, hat Forscher Mischak hautnah miterlebt. Mit seinem neuen Prostata-Krebstest brachte er deutsche Urologen gegen sich auf. Seine Innovation mündete in einem bizarren Kleinkrieg, der schließlich dazu führte, dass der Forscher dieses Themenfeld entnervt aufgab.

Dabei ließ sich die Zusammenarbeit mit den Ärzten zunächst gut an. Mischak konnte Axel Semjonow, den stellvertretenden Direktor der Universitätsklinik für Urologie in Münster, für die Idee gewinnen. Gemeinsam entwickelten sie den Test. Erst war Semjonow ganz begeistert.

Mischak hatte als einer der ersten Wissenschaftler einen Test geschaffen, der die Diagnose von Krankheiten verbessert: Er untersucht die Proteine, die im Blut oder Urin eines Menschen schwimmen. Proteine sind die Übersetzung von Erbgut-Bauanleitungen in biochemische Funktionseinheiten. Mischaks Test kann Tausende Proteine – und damit aktive Erbgutanlagen – gleichzeitig analysieren.

Bisherige Verfahren hingegen detektieren meist nur wenige Erbanlagen oder einzelne Moleküle im Blut, die für bestimmte Erkrankungen typisch sind. Bei vielen Leiden und gerade bei Krebs ist die Aussage-genauigkeit solcher Tests jedoch gering.

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