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Medizinische Versorgung Wie krank unser Gesundheitssystem ist

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Krankenkassenermittlerin Michels Quelle: Nils Hendrik Müller für WirtschaftsWoche

Semjonow räumt ein, dass die Studie zu klein sei, um belastbare Aussagen zu treffen, doch er bestreitet, dass Proben-daten selektiv in die Studie ein- oder ausgeschlossen wurden: „Die korrekte Durchführung unserer Studie ist belegt, die Studienunterlagen können bei der Ärztekammer Westfalen-Lippe eingesehen werden.“

Viele Unternehmen erlebten ganz ähnliche Dinge wie Mischak. Doch offen darüber reden will keiner; man möchte es sich mit potenziellen Kunden wie Ärzten und Kliniken nicht verscherzen.

Mischak hat die Vermarktung des Urologietests aufgegeben. Stattdessen bietet er erfolgreich Tests für Blasenkrebs, Schlaganfälle und Nierenversagen an, die er mit Internisten entwickelt hat, die seine innovative Methode als hilfreiche Ergänzung und nicht als Konkurrenz begreifen. Denn so viel ist klar: Innovationen haben keine Chance, sich auf dem Markt zu etablieren, wenn sie einer der vielen Interessengruppen im Gesundheitssystem das Einkommen zu schmälern drohen.

Besprechung im Hinterzimmer

Wehe, es geht Ärzten ans Geld. Dabei verteidigen die Urologen nur ihre Pfründe. Andere Facharztgruppen gehen noch weiter: Etliche Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Augenärzte oder Orthopäden sichern nicht bloß ihr Einkommen, sie steigern es gewaltig. Mit Methoden wie im Krimi.

„Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?“, fragte der Mediziner den Hörgeräteakustiker Johannes Brenninger aus Bad Homburg. Der bat den Hals-Nasen-Ohren-Arzt in die Anpasskabine – einen schalldichten Raum, in dem er sonst die Hörgeräte der Kunden programmiert. Der Mediziner habe zu klagen begonnen: Dass im Gesundheitswesen immer mehr Geld ausgegeben werde, nur für Ärzte wie ihn bleibe immer weniger übrig. Hörgeräteakustiker verdienten dagegen mehr und mehr. Dann wurde der Arzt direkt. „Er fragte mich, welche Möglichkeiten ich habe, ihm Geld zu bezahlen“, erinnert sich Brenninger, dem schon schwante, dass er keine Chance hatte: „Ich wusste, wenn ich nicht zahle, schickt mir der Arzt keine Patienten mehr.“ Er gab schließlich nach. Innerhalb von zwei Jahren steckte er dem Arzt 7600 Euro in bar zu.

Kopfprämie entscheidet

Der Fall liegt schon einige Jahre zurück. Solche Praktiken sind inzwischen nicht mehr so häufig – auch weil die gesetzlichen Bestimmungen noch einmal verschärft wurden. Doch längst haben HNO-Ärzte, erzählen Brancheninsider, einen anderen Dreh gefunden. Sie gründen Ärztezentren und holen sich einen Hörgeräteakustiker ins Haus, dessen Miete umso höher ausfällt, je mehr er von den Empfehlungen der Ärzte profitiert.

Auch etliche Optiker, Physiotherapeuten oder Sanitätshäuser leben davon, dass Ärzte Patienten zu ihnen schicken. Im Zweifel nennen die Mediziner aber nicht den besten Anbieter – sondern den, der die höchsten Kopfprämien zahlt.

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