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Medizinische Versorgung Wie krank unser Gesundheitssystem ist

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„Nicht wenige Orthopäden bekommen die Miete für ihre Praxisräume von den Sanitätshäusern erstattet“, sagt Korruptionsexperte Dolata, „da kommen schnell mal 500 bis 1000 Euro im Monat zusammen.“ Beliebt ist auch die sogenannte „Depotgebühr“: Gegen Bares stellt der Arzt die Produkte des ihn finanzierenden Sanitätshauses in seiner Praxis aus. „Wenn Sie das nächste Mal bei Ihrem Orthopäden eine solche Glasvitrine entdecken, sollten Sie sehr misstrauisch werden“, rät Korruptionsexperte Dolata.

„Einen guten Arzt erkennen Sie daran, dass er seinen Patienten erstens nur auf deren Nachfrage und zweitens immer mehrere Anbieter nennt“, sagt Korruptionsermittlerin Michels.

Pralinen im Wartezimmer

Thorsten Schuberth (Name von der Redaktion geändert) hat selbst miterlebt, wie sich Ärzte kaufen lassen. Bis vor einem Jahr arbeitete der 30-Jährige im Außendienst eines Medikamentenherstellers. Das Unternehmen will er lieber nicht nennen; er möchte keinen Ärger.

Schuberths Job war es, Ärzte in Süddeutschland abzuklappern, etwa zehn pro Tag. Viele Stunden verbrachte er in Wartezimmern, bis er vorgelassen wurde, um seine Präparate anzupreisen. Dabei lernte er schnell, dass er sich mit den Arzthelferinnen gut stellen muss: „Die entscheiden über den Zugang zum Arzt und haben oft in der Arztpraxis die Hosen an.“ Nette Worte und kleine Aufmerksamkeiten wie Pralinen waren immer hilfreich.

Doch Schuberth wollte das alles nicht. Dafür hatte er nicht acht Semester Pharmazie studiert. Nach sechs Monaten war er völlig desillusioniert. „Das Wohl des Patienten spielte kaum eine Rolle. Die Informationen, die wir den Ärzten gegeben haben, waren immer tendenziös und oft auch nicht seriös.“ Er gab den Job auf.

Billige Tricks

Schuberth erzählt von billigen Tricks, mit denen Außendienstler arbeiten. Wie etwa die relative Risikoreduktion: „Wenn ein Medikament A die Gefahr einer Blutverklumpung, also einer Thrombose, um zwei Prozent vermindert, ein neues Medikament B dagegen um vier Prozent – dann erzählt der Außendienstler, die relative Risikoreduktion liege bei 100 Prozent.“ Klingt gigantisch, ist aber in Wirklichkeit nur eine marginale Verbesserung.

Schuberth hat sich oft darüber gewundert, dass keiner genauer nachfragte. Seine Erklärung: „Die Ärzte haben oft nicht die Zeit und die Routine, Studien richtig zu lesen.“ Viele Mediziner nehmen es kritiklos hin – und verschreiben die Präparate später ihren Patienten.

Manchen Ärzten machte Schuberth ein besonderes Angebot: Er lud sie zu Medizinerkongressen ein. In den Genuss solcher Reisen kamen freilich nur Ärzte, die schon viele Präparate des Unternehmens verordnet hatten oder die das Potenzial hatten, künftig viele Rezepte auszustellen.

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