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Medizinische Versorgung Wie krank unser Gesundheitssystem ist

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„Nicht wenige Anwendungsbeobachtungen sind reine Marketingmaßnahmen und dienen eher der Verkaufsförderung“, kritisiert Axel Munte, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. Die Staatsanwaltschaft Aachen ermittelt derzeit gegen Manager und Pharmareferenten von Trommsdorff sowie gegen die verdächtigten Ärzte – insgesamt sind etwa 500 Verfahren anhängig.

Die Staatsanwaltschaft Ulm hat indes bundesweit über 2000 Verfahren angestrengt – weil niedergelassene Mediziner sich angeblich von Ratiopharm mit Geld, Geschenken und Einkaufsgutscheinen zu entsprechenden Verordnungen motivieren ließen. Zahlreiche Verfahren wurden aber eingestellt. Nicht etwa, weil sich die Vorwürfe in Luft aufgelöst hätten. Doch nach gängiger Rechtsauffassung kann sich ein niedergelassener Arzt gar nicht wegen Bestechlichkeit strafbar machen. Nur wer in einem geschäftlichen Betrieb angestellt oder von diesem beauftragt sei, könne wegen Annahme von Schmiergeld belangt werden, argumentieren die Juristen. Im Klartext: Bei Klinikärzten greift das Strafgesetzbuch, bei Niedergelassenen nicht.

Konzentration auf Facharztgruppen

Die Konzerne überlegen sich freilich gut, welchem Arzt sie Aufmerksamkeiten zukommen lassen. Schließlich müssen auch die Medikamentenhersteller sparen. „Die dackeln nicht mehr zu jedem“, sagt Johannes Hüter (Name von der Redaktion geändert) ein Kinderarzt und Allgemeinmediziner in einer 60.000-Einwohner-Stadt in Nordrhein-Westfalen. Die Industrie konzentriert sich heute viel mehr auf einzelne, besonders ertragsstarke Facharztgruppen, etwa die Rheumatologen. Denn die verschreiben beispielsweise hochpreisige, biotechnisch hergestellte Entzündungshemmer.

Noch problematischer ist die Konzentration der Industrie auf die Meinungsführer, etwa Vorstände von medizinischen Fachgesellschaften. In Leitlinien legen sie fest, was jeder Arzt bei einer Erkrankung zu verordnen hat. „Wenn man sich nicht daran hält, steht man mit einem Bein schon im Gefängnis“, sagt Hüter. Doch er ist überzeugt, dass es massive Interessenkonflikte gibt und viele Ordinarien nicht objektiv urteilen. Für ihn werde es immer schwieriger, zu beurteilen, welche Information wirklich sauber sei.

Zum Beispiel misstraut er Informationen, die eine Schweinegrippe-Impfung empfehlen: „Die Erkrankung verläuft so mild, das ist doch ein riesengroßer Beutezug der Pharmaindustrie.“

Vorwürfe gegen das Robert Koch- Institut

Tatsächlich hat Transparency International schwere Vorwürfe gegen das Robert Koch-Institut (RKI) und seine „Ständige Impfkommission“ (Stiko) erhoben. Das RKI ist die für den Seuchenschutz zuständige Bundesbehörde, die Stiko gibt Impfempfehlungen für Ärzte und Kassen heraus. Der Vorwurf von Transparency-Vorstand Angela Spelsberg: „Intransparenz und potenzielle Interessenkonflikte unterminieren die Glaubwürdigkeit und nähren den Verdacht, dass die H1N1-Grippewelle als Schweinegrippe-Pandemie von der Pharmaindustrie zur Vermarktung genutzt wird.“

Immerhin hat die Stiko seit Sommer 2008 eine Seite mit Selbstauskünften ihrer Mitglieder online gestellt – fast ausnahmslos medizinische Größen an Universitätskliniken. Daraus geht hervor, „dass die Mehrzahl der derzeit 16 Stiko-Mitglieder mehr oder minder intensive Kontakte, darunter auch bezahlte Tätigkeiten, zu den wichtigsten Herstellern von Impfstoffen hat“, kritisiert Spelsberg. So sitzen vier von ihnen im Fachbeirat Forum Impfen, das von Sanofi Pasteur MSD und Wyeth gesponsert wird, einer in der Arbeitsgemeinschaft Meningokokken – sie ist von Baxter und Novartis finanziert. Die Liste ist lang. Für Studien bekommen fast alle Stiko-Mitglieder Honorare von der Industrie.

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