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Medizinische Versorgung Wie krank unser Gesundheitssystem ist

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IQWiG-Chef Sawicki Quelle: laif/ Matthias Jung

Tatsächlich ist es schwer, medizinische Experten zu finden, die nicht mit Pharmakonzernen verbandelt sind.

Welch sonderbare Blüten das auch beim Schreiben von Studien treibt, kam vor wenigen Wochen heraus, wie die „New York Times“ (NYT) berichtete: Das US-Pharmaunternehmen Wyeth habe positive Artikel über seine Hormonersatztherapien für Frauen in den Wechseljahren von Ghostwritern verfassen lassen. Die Experten hätten nur noch ihre Namen darunter setzen müssen. Laut NYT begann die Geschichte 2003, als die Agentur Design Write für 25 000 Dollar ein 14-seitiges Manuskript verfasste und es dann an Gloria Bachmann, Professorin für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Robert Wood Johnson Medical School in New Jersey, schickte. Die Medizinerin antwortete: „Ich hatte nur eine Verbesserung, die ich rot markiert habe.“ Gerichtsdokumente belegten, dass 26 solcher Pseudoartikel verfasst wurden.

Unterschlagung an der Tagesordnung

Das war erst der Anfang. Der niederländische Fachverlagsriese Elsevier hatte zwischen 2000 und 2005 sechs Wissenschaftsmagazine herausgegeben, die direkt von Pharmakonzernen gesponsert wurden, ohne dass sie genannt wurden. So kamen im „Australasian Journal of Bone and Joint Medicine“ Produkte des amerikanischen Pharmaunternehmens Merck besonders gut weg. Der Konzern hatte das Magazin finanziert. Elsevier gab im Juni bekannt, die Fälle aufzuklären und neue interne Richtlinien zu erlassen.

Selbst wenn die Blätter ohne heimliche Pharmazuwendungen erscheinen, sind Studien aber oft kein Beweis für die Wirksamkeit eines Medikaments. Denn häufig stellen sie nur einen Teil der Wirklichkeit dar. Untersuchungen, die das Gegenteil zeigen, werden einfach nicht veröffentlicht: „Die Hälfte aller begonnenen klinischen Studien gelangt nicht in die Öffentlichkeit“, sagt Gerd Antes. Er leitet das Deutsche Cochrane-Zentrum in Freiburg, das die Qualität medizinischer Untersuchungen bewertet. Sein Urteil: „Alle Beteiligten neigen dazu, das nicht zu publizieren, was ihnen nicht gefällt.“

Pfizer unter Verdacht

Genau deshalb liegt das 2004 als Überwachungsbehörde gegründete Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) seit Juni im Clinch mit dem Pharmariesen Pfizer. Zur Beurteilung von Mitteln gegen Depressionen hatte das Kölner Institut Material angefordert. Für sein Präparat Edronax legte Pfizer sechs Studien an 1600 Patienten vor. Recherchen des Instituts ergaben, dass noch zehn weitere Studien an 3000 Patienten durchgeführt wurden, die Pfizer nicht vorgelegt hatte. „Irreführung durch Verschweigen ist kein Kavaliersdelikt“, sagt IQWiG-Chef Peter Sawicki.

Der Verdacht: Diese laut Sawicki jetzt nachgereichten Studien hätten vermutlich die Wirksamkeit des Präparat nicht bestätigt.

Ein Institut wie das IQWiG scheint also dringend notwendig zu sein. Es soll herausfinden, ob Studien für neue Pillen und Therapien auch korrekt sind. Das Ziel: echte Innovationen von Scheininnovationen zu unterscheiden. Doch ob der Leiter der Kontrollbehörde so sauber ist, wie man es von einem Wächter im Studiendschungel erwarten würde, wird von einigen Experten infrage gestellt.

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