WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche informieren? Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.wiwo.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Wiwo Web Push

Medizinische Vorsorge Gentests im Internet

Amerikanische Unternehmen bieten Online-Gentests an. Obwohl die Ergebnisse eher fragwürdig sind, boomt das Geschäft.

Speichelprobe für Gentest: Quelle: dpa/dpaweb

Thomas Klein ist neugierig – und immer an neuen Techniken interessiert. Deshalb investierte der 51-jährige Biotech-Manager aus Berlin vor einigen Monaten 429 Dollar und bestellte beim kalifornischen Unternehmen 23andMe einen Online-Gentest. Der sollte ihm verraten, welche Krankheiten er in Zukunft bekommen würde – und wie er sich davor schützen könnte: „Ich wollte einfach wissen, was die zu bieten haben“, sagt Klein. Das Prozedere war simpel: 23andMe schickte ein Testset samt Kunststoffröhrchen, das Klein mit einer Speichelprobe zurücksandte. Sechs Wochen später konnte er die Ergebnisse online abrufen.

So wie Klein haben schon 30.000 Menschen Speichelproben an 23andMe geschickt. Der Internet-Riese Google investierte in den vergangenen Jahren 6,5 Millionen Dollar in das Unternehmen, das 2006 unter anderem von Anne Wojcicki gegründet wurde – der Ehefrau des Google-Miterfinders Sergey Brin. Doch 23andMe ist nicht allein: In den USA gibt es mittlerweile fast 40 Anbieter solcher Jedermann-Gentests.

Sie alle verkaufen und vertreiben ihre Tests über das Internet. Die Kunden sollen auf diese Weise erfahren, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie später einen Herzinfarkt erleiden oder an Brustkrebs erkranken können. Mit diesen Informationen könnten Patienten schon vor der Entstehung einer Krankheit präventiv handeln.

Geringe Aussagekraft

Fachleute bezeichnen die medizinische Relevanz der Tests allerdings noch als sehr gering. Die Gentests entschlüsseln nämlich nicht die komplette Erbmasse des Menschen, was sehr aufwendig und teuer wäre. Vielmehr scannen sie in den hauseigenen Labors nur zwischen 500 000 und einer Million sogenannter Punktmutationen – sogenannte Single Nucleotide Polymorphisms (SNP). Fachleute sprechen von Snips. Es handelt sich dabei um Abweichungen einzelner genetischer Buchstaben, die durch zufällige Mutationen entstehen. Inzwischen wurden Millionen solcher Variationen im Erbgut gefunden. Die meisten von ihnen haben jedoch keinerlei Auswirkung auf die Gesundheit eines Menschen, weil sie außerhalb der eigentlichen Gene liegen – also jener Abschnitte, die in biochemische Funktionseinheiten, die Proteine, übersetzt werden.

Die Snips sind dennoch interessant als sogenannte Marker, wenn sie in der Nähe eines Gens liegen. So bringen Forscher bestimmte Snip-Variationen mit einzelnen Krankheiten in Verbindung. Doch die Voraussagekraft, die solche Mutationen für Krankheiten haben, ist noch recht vage. „Eine vollkommen ungezielte SNP-Analyse ist bedenklich“, sagt Evelin Schröck, die Leiterin des Instituts für Klinische Genetik an der Technischen Universität Dresden.

Nichts wirklich Neues erfahren

Auch Thomas Klein war enttäuscht von dem Test: So weiß er nun, dass er ein unterdurchschnittliches Risiko hat, an Brustkrebs oder Schizophrenie zu erkranken. Dafür ist sein Risiko für den grünen Star geringfügig erhöht, eine typische Alterserkrankung des Auges, verursacht durch zu hohen Augeninnendruck. Während im Durchschnitt 0,75 von 100 Menschen im Alter zwischen 40 und 79 Jahren daran erkranken, sind es bei Menschen mit seinem Genotyp 2,2 von 100. Doch was soll ihm das sagen? Und was könnte er vorbeugend tun, fragt sich Klein: „Ich gehe ohnehin regelmäßig zum Augenarzt, wo auch der Augeninnendruck gemessen wird.“ Sein Fazit: „Ich habe nichts wirklich Neues erfahren.“

Was die Tests bringen, wollte auch Craig Venter wissen, einer der Pioniere der Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Zusammen mit drei anderen Wissenschaftlern testete er die Angebote von 23andMe und deren US-Mitbewerber Navigenics. Im Vergleich von fünf Testpersonen für Krankheitsrisiken wie Brustkrebs oder Herzinfarkt kamen sie zu folgendem Ergebnis: Beide Unternehmen analysieren die DNA sehr präzise. Doch ihre Prognosen lagen weit auseinander. So sagt ein Unternehmen einem männlichen Testkunden ein hohes Risiko voraus, an Prostatakrebs zu erkranken. Das andere Unternehmen erkennt kein erhöhtes Risiko für eine derartige Krebserkrankung. Bei sieben Krankheitstypen stimmten weniger als die Hälfte der Risikoberechnungen überein.

Mit sich selbst beschäftigt: Wie der Gentest aus dem Netz funktioniert

Die unterschiedlichen Ergebnisse erklärt Molekularbiologe Venter so: „Die Unternehmen verwenden unterschiedliche Snips für die Risikoberechnung einer Krankheit.“ Nur wenn die Unternehmen sich darauf einigen würden, dass eine bestimmte Punktmutation Vorbote von Diabetes oder Brustkrebs ist, kämen sie zu ähnlichen Ergebnissen. Doch genau darüber, welche Mutationen die beste Aussagekraft haben, herrscht noch Unklarheit.

In Deutschland schreibt ein brandneues, seit Februar gültiges Gendiagnostikgesetz vor, dass eine solche Untersuchung nur von einem Arzt beauftragt werden kann und auch die Ergebnisse ausschließlich an den Arzt zurückgeschickt werden dürfen. Damit soll eine fachärztliche Beurteilung garantiert werden. Diese persönliche Beratung gibt es bei den US-Anbietern nicht. Das neue Gesetz schreibt auch fest, dass Krankenversicherungen und Lebensversicherungen keinen Gentest einfordern dürfen. Hat der Versicherte schon einen Test gemacht, muss er das Ergebnis nicht offenlegen. Lediglich ab einer Versicherungssumme von 300 000 Euro kann die Versicherung eine Bereitstellung fordern.

Das Gesetz blockiert damit zwar deutsche Anbieter. Doch es verbietet deutschen Kunden nicht, das internationale Online-Angebot zu nutzen. Dort boomt das Geschäft. Und unabhängig vom Wert der Prognosen, entwickeln Startups neue Möglichkeiten, um die Daten zu nutzen.

Kaufentscheidung per Smartphone

So hat der amerikanische Ingenieur Andras Pellionisz ein Programm für Smartphones entwickelt, mit dessen Hilfe ein Konsument seine Testergebnisse im Alltag anwenden kann. Wurde einem Kunden ein erhöhtes Risiko für eine Allergie vorausgesagt, warnt der sogenannte Genom-Assistent vor Substanzen in Lebensmitteln und Kosmetika, die schädlich sein könnten. Beim Einkaufen scannt er den Barcode auf den Produkten im Supermarktregal ab. Sekunden später empfiehlt ihm die Software, die Hautcreme zu kaufen – oder nicht. Noch sucht Pellionisz mit seiner Gründung HolGenTech nach einem Industriepartner für die Umsetzung der Idee.

Seine Chancen stehen nicht schlecht, denn Konsumgüterkonzerne zeigen großes Interesse an den Genanalysen ihrer Kunden. Die Idee: Bald könnten sie auf den Produktverpackungen darauf hinweisen, dass ihre Milch oder ihre Bodylotion „genfreundlich“ für einen bestimmten genetischen Typus Mensch ist. Noch effektiver wäre es, über die Testanbieter gezielt Kontakt mit genetisch vorsortierten Kunden aufzunehmen. Der US-Konsumgüterkonzern Procter & Gamble baute jedenfalls vor und steckte erst im Februar zusammen mit zwei weiteren Investoren 18 Millionen Dollar in den US-Testanbieter Navigenics.

Lästiger Quälgeist

Dass die Unternehmen den eigentlichen Gewinn nicht mit Testkunden machen, diesen Verdacht hat auch 23andMe-Kunde Klein. Der Verkauf der gesammelten Daten – etwa an Pharmaunternehmen, die zur Entwicklung neuer Medikamente auf solche Informationen angewiesen sind – könnte viel lukrativer sein.

Tatsächlich erlebt Klein das vom Internet-Datenstaubsauger Google gesponserte Unternehmen inzwischen als lästigen Quälgeist: Es will Details zu Lebensgewohnheiten, Erkrankungen oder Medikamenten, die er schluckt, erfragen – angeblich, um seinen Test noch besser auswerten zu können. „Ich bekomme laufend E-Mails, ich solle an dieser und jener Umfrage teilnehmen“, berichtet Klein. Was ihn so stutzig macht: „Ich musste vor dem Test unterschreiben, alle Daten dem Unternehmen kostenlos zur Verfügung zu stellen.“

Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%