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Microsofts Office 365 Das wichtigste Produkt seit 16 Jahren

In dieser Woche hat Microsoft das neue „Office 365“ vorgestellt, die Internet-Version seiner Bürosoftware „Office“. Das neue Programm- und Onlinedienste-Angebot zielt nicht nur auf Googles Cloud-Dienste. Es ist – vor allem – das entscheidende strategische Produkt, damit Microsoft in der sich dramatisch wandelnden Software-Welt überleben kann. WirtschaftsWoche-Gadget-Inspektor erklärt warum das so ist und, was „Office 365“ leistet?

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Microsoft CEO Steve Ballmer Quelle: REUTERS

Gemessen an der strategischen Tragweite der Ankündigung war das öffentliche Echo erstaunlich leise. Denn dass Microsoft am Dienstag dieser Woche (28. Juni) offiziell mit dem Verkauf seines internetbasierenden Bürosoftware-Pakets Office 365 begonnen hat, markiert die wichtigste Vertriebsentscheidung des Windows-Konzerns, mindestens seit dem Marktstart von Windows 95 vor 16 Jahren. Mehr noch, wenn es in den vergangenen Jahren eine Produkteinführung gab, von der man hätte behaupten können, dass von ihrem Erfolg die Zukunft des Unternehmens abhängt, dann ist es definitiv das neue Office 365.

Das mag pathetisch klingen. Und das ist es auch. Denn mit der neuen Bürosoftware, die es ihren Nutzern ermöglicht einzeln oder in Teams im Netz Tabellen oder Texte zu verfassen und zu bearbeiten, Kalender abzugleichen und Konferenzen abzuhalten, reagiert der Softwareriese aus Redmond auf den wichtigsten Trend der IT-Branche der vergangenen Jahre: Die Verlagerung von Programmen und Daten ins Netz und weg vom PC im Büro oder daheim, im Jargon der Computerbranche „Cloud Computing“ genannt. Ein Trend, der für das bisherige Geschäftsmodell des Windows-Konzerns gefährlicher ist, als es das Auftreten des alternativen Betriebssystems Linux oder der Gratis-Software Open Office je war.

Lukratives Geschäft mit Cloud Computing

Denn beim Cloud Computing macht Microsofts über Jahrzehnte höchst lukratives Geschäfts mit Software-Lizenzen für Windows oder Office kurzerhand obsolet. Statt sich für Hunderte von Euro teure Softwarepakete kaufen zu müssen (und Microsoft damit alljährlich Milliardengewinne in die Kassen zu spülen), können Unternehmen und Privatleute im Zeitalter der Wolke den Zugriff Textverarbeitungs-, Tabellenkalkulations- oder Datenbankprogramme, auf E-Mail- oder Bildbearbeitungssoftware, Projektplanungs- und Konferenz-Tools nach Bedarf im Netz mieten. Was nicht genutzt wird, kostet nichts. Und zum Teil gibt’s die Anwendungen sogar gratis, wie etwa Googles Softwarepaket „Apps“.

Sog ins Netz

Das Konzept findet zunehmend Anhänger. Vor wenigen Tagen erst verkündete Google stolz, dass – nach anderen prominenten Kunden wie der Stadtverwaltung von Los Angeles – nun auch die Angestellten des US-Bundesstaats Wyoming auf Google Apps umgestiegen seien. Daneben schreiben schon jetzt Abermillionen von Privatkunden mit Googles für sie kostenfreien Online-Programmen Briefe, managen die elektronische Post oder verwalten ihre Urlaubsbilder im Internet. Firmenkunden zahlen in den USA für die Nutzung der Business- Apps je nach Umfang fünf bis 50 Dollar. Mit dem Angebot bedient Google nach eigenen Angaben bereits mehr als drei Millionen Unternehmenskunden. Und dieser Sog ins Netz dürfte sich weiter beschleunigen.

Damit ist das wichtigste Geschäftsfeld von Microsoft unmittelbar bedroht: Das Business-Segment, das auch das Geschäft mit Office einschließt, sorgte im jüngsten, dritten Geschäftsquartal für 5,3 Milliarden Dollar Umsatz, ein Zuwachs um 21 Prozent, und gut 3,1 Milliarde Dollar Gewinn. Damit ist die Sparte inzwischen umsatz- und gewinnträchtiger als das traditionelle Kerngeschäft mit Windows, das 4,4 Milliarden Dollar Umsatz im Quartal 2,7 Milliarden Dollar Gewinn erwirtschaftete. Rund eine dreiviertel Milliarde Menschen arbeitet nach Hochrechnungen von US-Marktforschern heute mit einer der zahlreichen Office-Versionen auf ihren PCs.

In Zukunft soll sie das zunehmend auch bei Microsoft im Netz tun – anstatt zur Konkurrenz von Google zu wechseln. Um seinen Kunden den Umstieg schmackhaft zu machen, hat der Riese aus Redmond eine Reihe von Paketen geschnürt, die nun unter dem einheitlichen Label Office 365 vertrieben werden – sich in ihrem Funktionsumfang aber deutlich unterscheiden, allesamt aber nun zu monatlichen Mietpreisen angerechnet werden. Denn das neue Online-Office muss der Kunde abonnieren; „Einmal kaufen – immer nutzen“, das ist passé.

Günstigstes "Web App" kostet 5,25 Euro

Wer als Selbständiger oder kleiner Unternehmer nur E-Mail, Kalender, einfache Konferenzfunktionen und die (funktionsreduzierten) Online-Ausgaben der Office-Programme – die sogenannten „Web Apps“ – nutzen will, der zahlt für das P1 genannte Angebot zum Beispiel 5,25 Euro pro Monat und Nutzer. Die können dann auch via Internet auf intern erreichbaren Web-Seiten gemeinsam an Dokumenten arbeiten oder ihre Kalender abstimmen. Am anderen Ende der Preisleiter liegt das Komplettpaket E4, das sich an große Unternehmenskunden richtet und für 22,75 Euro monatlich unter anderem auch die Möglichkeit umfasst, das traditionelle Office-Paket auf bis zu drei Computern pro Nutzer zu installieren. Dazwischen lassen sich die Komponenten auch modular zu mehr oder minder individuellen Paketen zusammen stellen.

Alle Online-Funktionen lassen sich von jedem beliebigen Rechner aus nutzen. Und nicht nur das. Zumindest zwischen Windows-PCs zuhause und im Büro sowie Smartphones mit Microsoft neuem Betriebssystem Windows Phone 7 gleicht das neue Online-Office auch die Dokumente sowie alle Kontakte und Termine automatisch ab. Vorausgesetzt natürlich, Computer und Telefone verfügen über einen Internet-Zugang. Ansonsten ist’s nicht nur nichts mit der Synchronisation und der Zusammenarbeit im Web, dann bleibt auch der Zugriff auf die online abgelegten Dokumente verwehrt.

Kampf um die Vorherrschaft in der Wolke

Damit wird klar: Noch jedenfalls löst Office 365 die klassischen auf dem persönlichen Computer installierten Office-Programme nicht ab. Es ist vielmehr der Versuch das traditionelle Geschäft aus der stationären Rechnerwelt möglichst rasch in eine zunehmend mobile und von Cloud-Diensten geprägte IT-Welt auszubreiten. Tunlichst bevor Konkurrenten wie etwa Google das Feld besetzt haben. Es ist ein Aufbruch ins Ungewisse.

Der Kampf um die Vorherrschaft in der Wolke jedenfalls ist spätestens jetzt eröffnet. Und Microsoft hat Google mit Office 365 nun ein Reihe durchaus attraktiver Konkurrenzprodukte entgegenzusetzen. Der Suchmaschinenriese hat den Fehdehandschuh schon aufgenommen. Pünktlich zum Start der Microsoft-Plattform veröffentlichte Google in seinem Firmenblog eine ausführliche Reaktion auf den Wettbewerber. Ihr Titel "365 Gründe, Google Apps zu erwägen."

Nicht nur für Microsoft, das ist klar, hat Office 365 entscheidende strategische Bedeutung.

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