Auktion in den USA Oldtimer mit „Führer“-Schein

Oldtimer mit prominenten Vorbesitzern sind begehrte Auktionsobjekte. Doch im Januar findet eine Versteigerung mit einem unrühmlichen historischen Bezug statt: Eine mutmaßliche Staatskarosse Adolf Hitlers sucht einen Käufer.

Der Mercedes 770k 150 W wurde als Paradefahrzeug eingesetzt. Hier ist das Modell während eines Staatsbesuchs Benito Mussolinis zu sehen. Quelle: Getty Images

DüsseldorfOldtimer sind inzwischen nicht nur Sammlerstücke, sie sind Anlageobjekte. Günstig kaufen, teuer verkaufen, Wertsteigerung durch Restauration, die Preisentwicklung anhand Seltenheit und Nachfrage abschätzen können: Experten haben aus Handel mit Auto-Träumen ein höchst profitables Geschäft gemacht. Im vergangenen Jahr wurde etwa ein Ferrari 335 Sport Scaglietti für 37,8 Millionen Dollar beim Auktionshaus Artcurial versteigert. Den Wert steigern dabei für Auto-Enthusiasten oft Vorbesitzer und ehemalige Fahrer. Beim Ferrari etwa waren es Wolfgang Graf Berghe von Trips und Stirling Moss, ersteigert haben soll den Rennwagen Fußballer Lionel Messi.

In den USA kommt nun ein Oldtimer unter den Hammer mit unrühmlicher Historie: ein Paradewage Adolf Hitlers. Der Mercedes-Benz Mercedes-Benz 770K „Großer offener Tourenwagen“, Baureihe W150, wird vom in Arizona ansässigen Auktionshaus „Worldwide Auctioneers“ mit der Fahrgestellnummer 189744 angegeben. Acht Vorbesitzer sind für das Fahrzeug vermerkt, darunter die US-Armee und eine Autoausstellung in Las Vegas. Zuletzt befand sich der Mercedes in Besitz eines unbekannten europäischen Privatsammlers. Auch der Betrag, für den der Wagen 2004 als Teil eines Pakets den Besitzer wechselte, ist nicht bekannt. Das Auktionshaus beschreibt den Deal jedoch als teuerste Privatauktion überhaupt – bis heute.

Den Online-Unterlagen liegt eine umfassende Dokumentation über Einsatz und Geschichte des Fahrzeugs bei. Das 4,8 Tonnen schwere Ungetüm, mit 7,7 Liter Kompressor und 230 PS wurde demnach 1938 zumindest im Auftrag des „Führers und Reichskanzlers“, wie es in den Papieren heißt, bestellt. Die Höchstgeschwindigkeit ist mit 180 km/h angegeben, der Verbrauch soll 38 Liter auf 100 Kilometer betragen – bei einem Tankinhalt von 300 Litern.

Die Traditionsabteilung des Mutterkonzerns Daimler erklärte vor mehreren Jahren vor dem Hintergrund einer anderen Versteigerung eines „Hitler-Mercedes“, dass von der Baureihe insgesamt 88 Stück bestellt wurden. Es sei heute kaum möglich, genau nachzuvollziehen, welcher Wagen wann und zu welchem Zweck genutzt wurde – und von wem. Dem Unternehmen ist bei dieser Argumentation jedoch auch daran gelegen, die Automobile nicht für Devotionalienjäger interessant zu machen.


Erlöse fließen in Holocaust-Aufklärung

Die Dokumente im jetzigen Fall sind, sofern authentisch, viel präziser. Ihnen liegt ein Einsatzplan mit insgesamt sechs Einträgen bei. Demnach wurde der Wagen im Juli 1939 in die „Führer Garage“ nach Berlin geliefert, ein Jahr später bei einem Besuch Benito Mussolinis in München genutzt, bald darauf während einer Siegesparade in Berlin und zu einer Fahrt auf den Balkan. Der letzte Eintrag sieht 1943 eine Wartung in Sindelfingen vor.

Wie oft Hitler den Wagen nutzte und ob er es überhaupt tat, lässt sich nicht sicher sagen. Klar ist, dass der Nazi-Diktator mehrfach in Wagen dieser Baureihe bei öffentlichen Auftritten zu sehen war. So zeigen Fotos von Mussolinis Staatsbesuch beide faschistischen Staatsführer gemeinsam in einem offenen Wagen dieser Bauart. Andere Fotos der Kolonne zeigen jedoch mehrere baugleiche Fahrzeuge. Auch beigelegte Einsatzberichte und –befehle beziehen sich nicht explizit auf den einen Wagen. Allerdings spricht die eigens angeforderte Panzerung dafür, dass Adolf Hitler den Mercedes wenigstens einmal als Paradefahrzeug nutzte.

Welchen Preis der 770K bei der Auktion am 17. Januar bei der traditionellen Oldtimer-Auktion in Scottsdale erzielen wird, ist völlig unklar. Schätzpreise werden interessierten Bietern auf Anfrage nicht öffentlich mitgeteilt. Das Auktionshaus selbst bemüht sich, den Wagen in seinen historischen Kontext zu stellen, leitet nicht nur die Einsatzgeschichte her, sondern beschreibt auch ausführlich die Kriegsgeschichte des dritten Reichs. Das Ziel der Ausstellung sei absolut nicht die Verherrlichung Hitlers und seiner „zerstörerischen Politik“, heißt es auf der Homepage, es ginge um eine Zurschaustellung von Handwerks- und Ingenieurskunst. Auch wird der Mercedes nicht alleinstehend verkauft, mehrere Dutzend Autos, darunter ein DeLorean, einige Jaguar und Ford Mustangs werden im Januar ebenfalls angeboten. Im Terminkalender für Oldtimer-Auktion ist Scottsdale eine feste Größe.

Die Präsentation des Wagens erfolgt demnach nur insofern mit Stolz, dass das Auto das Gedenken an die gefallenen US-Soldaten hochhalte, und ein Mahnmal für einen gestürzten Diktator sei. „Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen“, lautet einer der einleitenden Sätze, ein Zitat des spanischen Autors und Philosophen George Santayana. Dementsprechend kündigt das Auktionshaus an, zehn Prozent des Erlöses in Bildungsprojekte zum Thema Holocaust investieren zu wollen. Kapitalismus ist wohl, wenn die Aufklärung über Hitlers Verbrechen mit dem Verkauf von Hitlers Wagen finanziert wird.

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